seit 1994

Einführungsreferat Josef Kraus

Symposion „Fit gegen Gewalt“

„Schulberatung und Polizei sind am Ball“

FHVR Sulzbach-Rosenberg

13. Dezember 2006

 

 

 

Gewalt unter Heranwachsenden -

Erscheinungsformen, Ursachen, Abhilfe

 

Josef K r a u s , Oberstudiendirektor, Dipl.-Psychologe,

Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

 

Zu Beginn ein Dankeschön und zwei Vorbemerkungen: Über die Einladung zum heutigen Symposion „Fit gegen Gewalt“ habe ich mich sehr gefreut. Diese Freude ist noch größer ge-worden, als ich sah, in welch differenziertes Programm ich einführen darf. Man kann dieser Veranstaltung nur wünschen, dass sie an vielen Orten in Deutschland Schule macht, denn mit dieser Kooperation Schule – Polizei wird ein vielversprechendes Modellprojekt begründet.

 

Sodann eine persönliche Vorbemerkung – vor allem zur Frage, was ich beruflich sowie eh-renamtlich mit dem Thema „Gewalt“ zu tun habe: Ich bin Schulpraktiker und seit 1995 Leiter eines Gymnasiums in Niederbayern. Zuvor war ich von 1980 bis 1995 Schulpsychologe und habe Referendare der Schulpsychologie ausgebildet. Das Thema „Jugendgewalt“ beschäftigt mich seit 20 Jahren. In dieser Zeit habe ich zum Thema „Gewalt“ Veranstaltungen mit rund 5.000 Lehrern bestritten. Von 1993 bis 1996 war ich Beisitzer und damit ehrenamtlicher Rich-ter bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Als Verbandsvorsitzender, der vor allem für die Lehrer an Realschulen, Gymnasien und beruflichen Schulen zu sprechen hat, versuche ich, die Beobachtungen und Sorgen der Lehrerschaft – zum Beispiel auch in Sachen Gewalt - in die politische und öffentliche Diskussion einzubringen.

 

Und schließlich eine politisch-staatsbürgerliche Vorbemerkung: Wir hier sind alle öffent-lich Bedienstete. Die einen kümmern sich um die innere Sicherheit, die anderen um eine gute Bildung. Das ist gut so, das muss so sein, das ist unser Dienst am Gemeinwesen.

 

Darüber hinaus aber sollten wir alle miteinander für uns reklamieren, dass wir die Profis in Sachen Sicherhei und Bildung sind und es sich Gesellschaft, Gemeinwesen und Politik gefal-len lassen müssen, wenn wir als Praktiker sagen: So geht das nicht, wie ihr euch das vorstellt. Oder wenn wir sagen: Liebe Entscheidungsträger, tut da und dort gefälligst mal etwas.

 

Sie merken, worauf ich hinaus will: Wir Polizisten, Lehrer und Schulpsychologen sollten uns nicht nur den Kopf zerbrechen, wie wir unsere Aufgaben – mit zu wenig Personal! – noch besser erfüllen können, sondern wir müssen der Gesellschaft und der Politik klipp und klar auch sagen: Für eine effektive Erledigung unserer Aufgaben brauchen wir diese und jene Rahmenbedingungen. So einfach ist das!

 

Und wir müssen da und dort auch sagen: Wir von Polizei und Schule sind nicht in der Lage, den Ausputzer, die Besserungsanstalt und den Reparaturbetrieb der Nation zu geben, wenn uns dieses Gemeinwesen maßlos überfordert oder wenn es uns restlos im Stich lässt, indem man uns gar die Lösung von Problemen überantwortet, die die Gesellschaft sich selbst einge-brockt hat. Insofern spreche ich hoffentlich auch in Ihrer aller Namen, wenn ich vereinzelt politisch werde.

 

Jetzt aber mit einem uralten Zitat zum Thema: „Diese Jugend ist von Grund aus verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird nie mehr so werden wie die Jugend vor ihr, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.“ Man ritzte dies vor 5000 Jahren auf einen babylonischen Tonziegel.

 

Heute klingt diese Klage kaum anders. Aber ich stimme auch heute nicht pauschal in dieses Lamento ein. Allein das Alter dieser Tonziegelaufschrift zeigt, dass die Verteufelung der Jun-gen durch die Alten ein uraltes Generationenphänomen zu sein scheint.

 

Bei allem Realismus und bei aller Kenntnis der Anfälligkeit eines Teils unserer Jugend für alles mögliche sage ich vielmehr überzeugt und so manche aktuelle Jugenddebatte auf den Kopf stellend: Die vergammelte, verkorkste, orientierungslose Jugend gibt es nicht. Im Ge-genteil: Millionen von ihnen gehen tagtäglich wie selbstverständlich ihren Aufgaben und Pflichten nach. Sie sind familiär, schulisch, beruflich, kirchlich, sportlich, sozial und ökolo-gisch engagiert und motiviert.

 

Es gibt also keinen generellen Werte- und Erziehungsnotstand unter unseren Heranwachsen-den. Ein solches Notstandsbild trügt, auch wenn es oft vermittelt wird: Wenn zwanzig Ju-gendliche randalieren, wenn einer einen – zugegebenermaßen schrecklichen – Amoklauf in-szeniert, dann steht es in den Zeitungen, und dann überschlagen sich die abendlichen TV-Problemwälzer- und Patentrezept-Runden. Von den Millionen junger Menschen, die ihren Eltern und Lehrern Freude machen, schreibt und sendet leider kaum jemand. Diese „Sensati-on des Positiven und des Normalen“, die wir Pädagogen vor Ort tagtäglich erleben dürfen, bleibt der Öffentlichkeit also vorenthalten (…und damit bleiben anderen jungen Leuten auch Vorbilder vorenthalten.)

 

Immerhin ist die heutige Jugend von einer Geradlinigkeit, von einem Pragmatismus und von einer Orientierungssicherheit wie kaum eine Jugend vor ihr. Alle jüngeren Jugendstudien (siehe Shell-Studien Nr. 13, 14 und 15 sowie Studien des DJI) belegen, was unserer Jugend wichtig ist: Mehr als 85 Prozent etwa schätzen Beruf, Arbeit, Schule, Familie. Allgemeiner ausgedrückt: Diese Jugend ist realistisch, unkompliziert und bodenständig. Sie vereint in nicht unsympathischer Mischung Optimismus und Pragmatismus. Damit hat diese Jugend fast mehr Bodenhaftung als manch (sog.) Erwachsener in der zweiten Pubertät, wenn ihn die Midlife-Crisis beutelt. (Weshalb Boshafte meinen, es gebe heute keine Erwachsenen mehr, sondern allenfalls „Postadoleszente“.)

 

Jedenfalls sind die Bindungen unserer jungen Leute im Grund recht traditionell. Freilich fällt auch auf, dass es sehr private Bindungen sind, die zählen. Es sind weniger große Ideale, we-niger weltanschauliche Bindungen. Zum Rundum-Lamento über Jugend taugen diese Feststel-lungen aber nun wahrlich nicht.

 

Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir haben – bei einem erheblichen Stadt-Land-Gefälle - eine ca. 20 Prozent umfassende jugendliche Risikoklientel, die in so ziemlich jedes Näpfchen von Verhaltensstörung tapst. Gewalttätigkeit ist eine dieser Auffälligkeiten (nicht selten einherge-hend übrigens mit Alkoholkonsum!)

 

Dabei meine ich nicht einmal nur die Fälle, die traurige Berühmtheit erreicht haben: Mei-ßen, Brannenburg, Freising, Erfurt und Emsdetten. Zwanzig Menschen sind dort in den letz-ten sieben Jahren in Schulen gewaltsam zu Tode gekommen. Wohlgemerkt: Wir sprechen nicht von den USA, sondern von Deutschland!

 

Aber auch abseits dieser „berühmten Fälle“ hat sich etwas verändert – und zwar in quantita-tiver und in qualitativer Hinsicht: Es sind mehr Heranwachsende als früher, die häufiger zu gewalttätiger Durchsetzung neigen. Und die Formen bzw. Anlässe sind anders geworden: Dort wo Gewalt unter Heranwachsenden zu beobachten ist, ist sie brutaler und roher, die Hemmschwellen sind niedriger, und die Anlässe für Gewalttätigkeit sind nichtiger geworden.

 

Das sage ich vor allem an die Adresse denjenigen, die jugendliche Gewalt heute gerne baga-tellisieren und meinen: „Wir haben früher doch auch auf dem Schulhof gerauft.“ Das ist zwar grundsätzlich richtig. Aber früher lief dies noch halbwegs sportlich ab. Wenn der Gegner als der Schwächere etikettiert war, dann war es in der Regel genug. Heute geht es viel häufiger bewusst bis zur Verletzung, Demütigung und Erniedrigung.

 

Und auch die Kriminalstatistik spricht ihre eigene Sprache: Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat sich die Zahl aller Tatverdächtigen von 1987 bis 2005 auf 165 Prozent erhöht, in der Al-tersgruppe der Jugendlichen zwischen 14 und 18 hat sie sich auf 222 Prozent des Ausgangs-niveaus gesteigert. Der Trend geht also auch im handfesten Bereich der Delinquenz hin zu immer jüngeren Tätern.

 

Man weiß von diesen Entwicklungen lange genug. Aber mehr als Aktionismus und Schau-fensterpolitik sind kaum herausgekommen. Ich nenne nur zwei Veranstaltungsrunden, an denen ich selbst als sog. Experte beteiligt war: Im Jahr 1993 gab es dreimal einen „Gewalt-Gipfel“ beim damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und bei einer damaligen Jugendministe-rin namens Angela Merkel. Ein halbes Jahr nach Erfurt (26. April 2002) gab es mehrere Ex-pertenanhörungen im Bundestag zur Novellierung des Jugendmedienschutzes. „Rüberge-kommen“ ist wenig bis nichts. Und mit Emsdetten sind wir dort angelangt, wo wir vor vier-einhalb Jahren nach Erfurt angelangt waren.

 

 

I. Formen der Gewalt unter Heranwachsenden

 

Mein Thema heißt: „Gewalt unter Heranwachsenden“. Ich habe das Thema so vorgeschlagen, weil ich es nicht „Gewalt unter Schülern“ nennen wollte. „Gewalt unter Schülern“ – das imp-liziert nämlich die Vorstellung, als gebe es eine spezifische schulische oder gar schulisch aus-gelöste Gewalt. Nein! Die Gewaltformen sind nicht spezifisch schulisch. Sie sind ein gesamt-gesellschaftliches Phänomen, das natürlich in die Schule hineindringt.

 

Das beginnt mit dem verbalen Umgang miteinander. Der Umgangston unter jungen Leuten ist rauher und gereizter geworden. Sog. Szenesprüche ("Nur ein toter Lehrer/Streber ist ein guter Lehrer/Streber."), Schimpfnamen von einer früher nicht üblichen Deftigkeit und Men-schenverachtung ("Hure, Schwuli, Spasti, Asylant ...") oder Drohungen ("Ich hau dir die Nase platt", "Ich hol dir ein Auge raus") künden zum Teil bereits unter Achtjährigen von einer be-denklich gesunkenen Hemmschwelle. Vielleicht überhören wir Lehrer und unsere Eltern der-gleichen schon zu oft.

 

Psychologisch von gleicher Wirkung wie handgreifliche Gewalt kann Mobbing sein – die tendenziell eher weibliche Form von Gewalt.

 

Zugenommen haben mit Sicherheit Vandalismus-Schäden. Das Beschädigen, Bemalen, Be-sprühen (Graffiti) oder Verschmutzen von Gebäuden und Einrichtungen, die Brandstiftung in Schultoiletten (bevorzugt in Handtuchhaltern) scheinen ebenso an der Tagesordnung zu sein wie das Beschädigen von Eigentum von Alterskollegen (vor allem von Fahrrädern).

 

Ein Teil der Kinder und Jugendlichen rennt ständig bewaffnet herum. Was Lehrer und Schul-leiter Schülern abnehmen, ergibt in mancher Schule regelrecht ein Waffenarsenal: Messer, "Butterflys", Wurfsterne, Schlagringe, Gassprays, Gaspistolen, Schlagketten, und zweckent-fremdete Baseball-Schläger zeugen oft von eindeutigen aggressiven Absichten oder auch von der Angst ihrer Besitzer.

 

In vielen Fällen kommt es zur Erpressung. In der Schule oder im Schulbus werden nach Ma-fia-Manier Schutzgelder erpresst. Manche zwingen ihre Mitschüler unter Androhung von Gewalt zum "Spickenlassen". In einzelnen Kreisen ist das "Schule- und Jackenziehen" üblich, das heißt, Mitschülern werden teure Lederjacken oder auch teure Turnschuhe geraubt.

 

Auch die Formen der körperlichen Gewalt sind von großer Vielfalt. Gegner werden nicht nur "geschultert", sondern "eingestiefelt" (Motto: "Noch mal drauf, der rührt sich noch"). Sportlehrer berichten von brutalsten Fouls im Sportunterricht.

 

Das ist Realität in Deutschland. Ich sage aber auch: Wenngleich „Erfurt“ am 26. April 2002 mit insgesamt 17 Toten die bislang schlimmsten Massenmorde in Schulen der USA erreichte bzw. übertraf, so ist doch die Gewaltszene unter Jugendlichen in anderen Ländern der sog. ersten Welt zum Teil noch weitaus dramatischer ausgeprägt als die Gewaltszene in Deutsch-land. Vor allem in den USA und Japan sind erheblich mehr Gewalttaten in den Schulen zu beobachten.

 

Beispiel U S A : Die USA stehen nicht nur für so herausragende Tragödien wie Littleton. Dort hat der Besitz von Waffen in Schülerhand flächendeckend besorgniserregende Ausmaße angenommen. Allein in New Yorks Schulen werden pro Jahr Hunderte von Pistolen konfis-ziert. Laut NEA (National Education Association) sollen rund fünf Prozent der US-Schüler mit Schießeisen in die Schulen kommen. Ein Drittel der Schüler verfügt über das Wissen, wo man sich eine scharfe Waffe für 20 $ über einen Rent-a-Gun-Service beschaffen kann. Da wundert es nicht, dass in vielen Gegenden der USA der gewaltsame Tod die häufigste Todes-ursache unter Heranwachsenden ist. (In Deutschland ist dies der Unfalltod, bei jungen Män-nern übrigens gefolgt von Suizid!)

 

 

II. Hintergründe der gewachsenen Gewaltbereitschaft

 

Die Hintergründe, Ursachen und "Nährböden" der Gewaltbereitschaft Heranwachsender sind äußerst vielschichtig. Die Pädagogik und die veröffentliche Meinung nehmen von dieser Komplexität zumeist keine Notiz. Vielmehr neigen Politik und Öffentlichkeit dazu, Gewalt als monokausal erklärbares Phänomen zu betrachten. Das birgt die Gefahr, die tatsächlichen Gewalthintergründe zu übersehen, man kommt dadurch hinsichtlich Gewalttherapie und Ge-waltprophylaxe aber zu ungeeigneten "Patentrezepten".

 

Analysiert man die Persönlichkeiten und die Biographien heranwachsender Gewalttäter, so stellt sich heraus, dass es sehr verschiedene Gewalt fördernde Momente gibt, die erst in ihrer je eigenen Verknüpfung als ursächlich für Gewalttätigkeit und Gewaltbereitschaft gelten können. Der typisierte jugendliche Gewalttäter zeichnet sich jedenfalls durch eine Reihe an wiederkehrenden Merkmalen aus. Dabei spielen individual-psychologische, familiäre, ge-sellschaftliche, mediale, auch schulische Faktoren eine Rolle.

 

1. Individual-psychologische Faktoren

 

Charakteristisch für Gewalttäter sind ihre Sprachlosigkeit und ihr Mangel an argumentati-ven Fertigkeiten. Wo aber die Sprache versagt, da regiert die Faust bzw. die Waffe. (Das gilt übrigens auch für internationale Beziehungen.) Heranwachsende mit sprachlich nur schwach ausgeprägten Fertigkeiten haben es nämlich nicht gelernt, Konflikte verbal zu lösen oder ei-gene – möglicherweise sogar berechtigte - Ansprüche verbal durchzusetzen.

 

Häufig ist bei Gewalttätern ein Mangel an Empathie festzustellen, also an Einfühlungsver-mögen und an „Mit-Leiden“. Das hat zur Folge, dass es den Tätern unmöglich ist, Opferper-spektive zu denken und zu empfinden. Umgekehrt wäre Empathie die Wurzel ethischen Empfindens und Handelns. Empathie wäre auch die entscheidende Hemmschwelle gegen Gewalt. Das heißt unter anderem: Medienprodukte, die die Opferperspektive zeigen und reflektieren, sind weniger gewaltfördernd.

 

Oft wird übersehen, dass der Faktor Angst bei vielen Gewalttätern eine Rolle spielt. Diese Angst hat womöglich zu tun mit sozialer Ausgrenzung und in der Folge mit erlebter Minder-wertigkeit. Dadurch wird die soziale Wahrnehmung, also die Wahrnehmung der Umgebung, verzerrt. Vergleichsweise harmlose Situationen werden bereits als bedrohlich erlebt. In der Folge reagieren diese Menschen zum Zwecke des Angstabbaus nach der Methode „Präventiv-schlag“.

 

Ein vielfach unterschätzter Faktor ist der Faktor Langeweile. Die Suche nach einem immer neuen, gesteigerten „Kitzel“ spielt hier eine Rolle. Prügeln macht einfach Spaß, es vertreibt die Langeweile, so empfinden viele junge Leute. Wirksam wird dieser Faktor natürlich auch, wenn der Konsum an medialer Gewalt bereits restlos ausgereizt ist und eine „Dosissteige-rung“ nur noch durch eigenaktives Gewalthandeln möglich erscheint.

 

2. Familiäre Faktoren

 

Viele Gewalttäter haben eine eigene Vergangenheit als Opfer von Gewalt, haben z.B. früh-kindliche Misshandlung erleben müssen oder zumindest erfahren, dass Vater oder Mutter Konflikte gerne brachial lösten.

 

Ansonsten sind extreme Erziehungsstile gewaltfördernd: Der extrem autoritäre, mit Ge-walt und Angstmachen operierende Erziehungsstil liefert ein Modell an Gewalt, und er fördert Frustrationserlebnisse, die später leicht in Aggression einmünden (auch in Autoaggression in Form von Selbstzweifeln, Depression oder gar Suizidalität.) Der extrem permissive Stil ver-säumt es, Grenzen Kindern aufzuzeigen. Er versäumt es auch, aggressive Impulse zurückzu-weisen. Der extrem überbehütende, mit „overprotection“ und Übergratifikation arbeitende Stil behindert die Entwicklung einer für das Zusammenleben notwendigen Frustrationstole-ranz sowie der Fähigkeit zum Bedürfnis- und Triebaufschub. Auch im späteren Leben han-deln solchermaßen „erzogene“ Kinder nach dem Motto „Genuss sofort“. Ihre Unlust-Intoleranz ist gering, weil früher die Eltern alles aus dem Weg geräumt hatten, weil alles im-mer ohne Anstrengung erreichbar war. In der Folge nimmt man sich einfach, was man haben will, oder drischt drein, wo sich einem ein Widerstand anzeigt.

 

Und weiter: Die Familien sind labiler geworden. Diese Entwicklung hat sich in den 90er Jahren sehr beschleunigt: 1,65 Millionen Ehen wurden in den 90er Jahren geschieden, im Schnitt also pro Jahr 165.000. Betroffen waren davon in den 90er Jahren jährlich rund 150.000 minderjährige Kinder. Je nach Region gingen 25 bis 40 Prozent aller geschlossenen Ehen in die Brüche. In vielen Fällen hinterlässt das gerade bei Kindern eine mentale Entwur-zelung. Und es befördert im Verein mit anderen ungünstigen Sozialfaktoren ein Dasein als Sozial- und Straßenwaise, der womöglich in einer Street-Gang absäuft.

 

Als weitere Symptome einer labiler gewordenen Familiensituation nenne ich: die Delegation von Erziehung "außer Haus", an Schule und Gesellschaft; die zunehmende Inanspruchnahme "heimlicher"/"unheimlicher" Miterzieher (Medien) als "Babysitter"; die abnehmende Bereit-schaft von Eltern, Einfluss zu nehmen auf die Kinder.

 

3. Gesellschaftliche Faktoren

 

Wir erleben seit ca. 30 Jahren einen dramatischen Wandel der Werteprioritäten. Helmut Kla-ges hat dazu eine Theorie entwickelt, der zufolge ab Ende der 60er Jahre Pflicht- und Akzep-tanzwerte (z.B. Disziplin, Pflichterfüllung, Treue) durch Selbstentfaltungswerte (z.B. E-manzipation, Individualismus, Autonomie) zurückgedrängt worden seien. Klages konstatiert u.a. einen radikaler auftretenden Anspruch auf eine individuelle, nicht rechenschaftspflichtige Lebensgestaltung; eine zunehmende Abkehr von großen Organisationen (inkl. Kirchen).

 

Man kann schier von einem Grundrechtssubjektivismus sprechen, d.h. von einem sturen, bedenkenlosen Bestehen auf den Grundrechten (freie Entfaltung, Meinungsfreiheit, Kunst-freiheit usw.) ohne Rücksicht auf das Gemeinwesen und das Gemeinwohl. Die Gerichte sind überlastet mit solchem Freiheitsverständnis, wenn Bürger zum Beispiel dagegen klagen, dass sie auf einem bestimmten Feldweg nicht reiten dürfen. Ein solchen fortschreitenden Indivi-dualisierung und Gegenwartsorientierung fehlt ein mentaler Kompass.

 

Dieses Defizit übernehmen auch manche junge Leute. Dieses Defizit aber kommt nicht aus den Jugendlichen selbst, sondern es überträgt sich ihnen aus einer Erwachsenenwelt, die o-bendrein vielfach geprägt ist von übler Laune, wechselnden Saisonneurosen, Angst vor dem Verlust der Jugendlichkeit – aus einer Erwachsenenwelt auch, die ideelle und familiäre Bin-dungen in immer rascherer Folge kappt und sich immer mehr einem flachen Konsumismus hingibt, die damit eine höchst materialistische Lebensweise praktiziert und die einen fakti-schen Nihilismus einer gleichen Gültigkeit (Gleichgültigkeit!) aller Bezüge vorlebt.

 

Der jugendliche Emsdettener Amokläufer hat dies durchaus erkannt, wenn er - zwar hasser-füllt und paranoid verzerrt - in seinem Abschiedsbrief via Internet schreibt: „Ich war der Konsumgeilheit verfallen ... Aber was bringt dir das dickste Auto, das größte Haus, das neues-te Handy, die schönste Frau .....“

 

Ein maßgeblicher gewaltfördernder Faktor sind zudem „drop-out"-Erfahrungen im Schul- und Ausbildungssystem. Natürlich neigen vor allem "Abbrecher" im Schul- und Berufsbil-dungssystem zu Gewalt. Arbeitslose Jugendliche bzw. Jugendliche ohne Schul- und Berufs-abschluss haben zu leicht das Gefühl, dass diese Gesellschaft sie nicht haben wolle und es von daher zulässig sei, auf diese Gesellschaft „draufzuschlagen“.

 

4. Mediale Faktoren

 

Grundsätzlich gilt: Wegen der Komplexität eines Gewaltgeschehens kann ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen medialer Gewalt und konkreter Gewalttätigkeit nicht immer herge-stellt werden. Eine Wirkung bleibt dennoch, denn medial konsumierte Gewalt hat oft eine lange Latenz- bzw. Inkubationszeit. Kommen noch weitere gewaltfördernde Momente hin-zu, so ticken „Zeitbomben“. Der intensive Konsum von medialen Gewalt-Genres hat auf Dauer jedenfalls Folgen, vor allem wenn weitere belastende Faktoren in der Biographie hin-zukommen.

 

Die Medienszene ist ohne Zweifel in vielen Bereichen eine Szene der Gewalt. Dies gilt ins-besondere für den Videomarkt und die Computerspiele. Auch in den sog. Musikkanälen wer-den je Kurzfilm im Schnitt sechs Gewaltakte gezählt.

 

Einem Qualitätssprung im medialen Gewaltangebot kommen die sog. Killerspiele gleich. Während Gewalt-Videos mehr oder weniger passiv rezipiert werden, greift der Konsument bei Killerspielen interaktiv ins Geschehen ein. Das heißt, hier fällt eine weitere Gewalt-schwelle. Eine Verharmlosung der Killerspiele ist also völlig fehl am Platz. Übrigens gerade auch dann, wenn man sieht, was kürzlich gemeldet wurde, nämlich dass 47 Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen sich laut Marktforschungsunternehmen Synovate Kids+Teens zu Weih-nachten 2006 Spielkonsolen und Computerspiele wünschen.

 

5. Mögliche schulische Hintergründe

 

Verschiedentlich wird behauptet, die Struktur des Schulsystems entscheide darüber, ob Schule Gewalt fördere oder dämpfe. Für diese Behauptung gibt es keinerlei Belege. Das heißt aber nicht, dass bestimmte schulische Faktoren Gewalt nicht fördern oder dämpfen könnten. Viel-mehr sind zumindest folgende Faktoren als gewaltfördernd bekannt.

a) Schüler, die aufgrund einer ungünstigen Wahl der Schullaufbahn überfordert oder unterfordert sind, neigen eher zu Gewalt als Schüler, die eine für sie passende Schule gefunden haben. Über- und unterforderte Schüler sind oft frustriert, und daraus ent-steht wiederum Aggression.

b) Es besteht ein Zusammenhang zwischen Größe einer Schule und Gewaltniveau in der Schule. Je größer die Schule, desto (überproportional) mehr Gewalt ist dort beobacht-bar.

c) Ebenso kann man davon ausgehen, dass ein Zusammenhang zwischen Gewaltniveau und Größe einer Klasse besteht. Empirische Belege dafür gibt es zwar nicht. Die praktische Erfahrung vieler Lehrer und die Erfahrungen der Verhaltensforschung (zu-nehmende Destruktivität bei Zunahme der Zahl der Lebewesen in einem begrenzten Raum) sprechen jedoch eindeutig für die Annahme einer solchen Korrelation.

d) Empirisch belegt ist der architektonische Determinismus. Dieser besagt, dass kahle, monotone, unüberschaubare Bauten Aggressivität fördern.

 

6. Ursachen der Gewalttätigkeit aus theoretischer Sicht

 

Mit diesem Teilkapitel will ich mich nicht lange aufhalten. Auf vier zutreffende und auf eine irreführende Theorie sei aber kurz eingegangen.

 

Die Frustrations-Aggressions-Hypothese: Diese Theorie besagt, dass auf jede Frustration eine Aggression folgt und dass jeder Aggression eine Frustration vorausgeht. In dieser Abso-lutheit mag diese Theorie nicht stimmen, denn es gibt Frustrationen, auf die keine Aggression folgt, und es gibt Aggressionen, denen keine Frustration vorausgeht. Die Alltagserfahrung aber bestätigt diese Theorie doch vielfach.

 

Die Verstärkungstheorie: Diese Theorie besagt, dass sich ein Verhalten stabilisiert und fort-setzt, wenn es schon einmal oder wiederholt erfolgreich war. Erfolgloses Verhalten dagegen wird „gelöscht“, es verschwindet. Auf Gewalttätigkeit übertragen, heißt das: Hat ein Gewalt-täter mit seiner Gewalttätigkeit Erfolg, so wird er sehr wahrscheinlich immer wieder gewalttä-tig werden, bis Gewalt zu einem festen Bestandteil seines Verhaltensrepertoires geworden ist.

 

Die Imitationstheorie: Diese Theorie des Lernens durch Nachahmung besagt, dass Vorbil-der/Modelle vor allem dann nachgeahmt werden, wenn diese Vorbilder erfolgreich sind. Der Nachahmende ahmt nach, weil der damit eine stellvertretende Belohnung/Verstärkung erfährt und darauf spekulieren kann, den gleichen Erfolg wie sein Vorbild zu haben. Diese Theorie weist ferner nach, dass erfolgreiches Modellverhalten um so intensiver nachgeahmt wird, je realistischer es ist. Das heißt: Je realer die mediale Gewalt daherkommt, desto intensiver wird sie übernommen.

 

Die Habitualisierungstheorie: Mit Habitualisierung ist Gewöhnung gemeint. Diese Theorie meint also, dass eine ständige Konfrontation mit Gewalt zur Gewöhnung an Gewalt bzw. zur Desensibilisierung gegenüber Gewalt führt. Die medial provozierte Vorstellung von Kindern etwa, der gewaltsame Tod eines Menschen sei der Normalfall, ist Bestätigung für einen sol-chen Gewöhnungsprozess.

 

Die Katharsis-Theorie: Diese Theorie geht im Kern auf die Dramentheorien von Aristoteles, Lessing und Schiller zurück. Ihr zufolge werden beim Zuschauen von Schauspielen Affekte gereinigt und geläutert (von griechisch „katharsis“ = Reinigung). Auf Aggression bezogen, heißt das: Durch das Anschauen von Gewalt auf der Bühne oder am Bildschirm werden ag-gressive Impulse gereinigt und abgeführt. Dass mediale Gewaltdarstellungen keine Auswir-kungen auf das Erleben und Verhalten Heranwachsender hätten bzw. dass durch den medialen Gewaltkonsum eine „Reinigung“ der Gewaltimpulse erfolge, ist aber ein Mythos. Vielmehr verändert extensiver medialer Gewaltkonsum zumindest das Erleben und das Menschenbild der Kinder und Jugendlichen, er desensibilisiert gegen Gewalt und er gewöhnt an Gewalt (vgl. Theorie der Habitualisierung). Im übrigen wirken gerade Bilder viel massiver als Texte; Bil-der sind sehr resistent gegenüber Gegenbildern, für sie gibt es praktisch keine Negation.

 

 

III. Was  tun ?

 

Wir brauchen eine Strategie der vielen Wege. Jeder punktuelle Ansatz beruhigt zwar vorü-bergehend die Gemüter, aber es ist zumeist eine Placebo-Wirkung.

 

1. Was kann die Schule tun?

 

Sie kann eine Menge tun! Es ist aber utopisch, wenn nicht gar ein bequemes Ablenkungsma-növer zu glauben, Schule könnte maßgebliche gesellschaftliche Wertereparaturwerkstatt sein. Als Staatsbürger füge ich hinzu: Hüten wir uns auch vor einer fortschreitenden Verstaatli-chung von Erziehung!

 

Dennoch gilt: Schulen haben vielerlei Möglichkeiten, gewaltvorbeugend tätig zu sein. Zu diesen Maßnahmen gehören:

• die durchgängige Behandlung des Themas "Gewalt" in möglichst vielen Fächern und dabei die besondere Akzentuierung der Opfer-Perspektive;

• die Förderung medienpädagogischer Projekte;

• die Motivierung der gewaltfreien Schüler zur Integration gewaltbereiter Schüler in die Klasse oder in eine Jugendgruppe;

• das verstärkte Zugehen von Schülern und Lehrern auf Einzelgänger und Kontaktarme;

• das Ausschöpfen der vorhandenen schulischen Ordnungsmaßnahmen, um zu vermei-den, dass gewalttätiges Verhalten von Schülern bei anderen Schülern als erfolgreiches Verhalten erscheint;

• die Entwicklung von Verhaltenscodices zusammen mit Schülern und Eltern;

• die Etablierung von Streitschlichter;

• das Motivieren der Kinder, anderen ggf. Grenzen zu setzen und Gefährdeten coura-giert beizustehen.

 

Schule hat im übrigen den Auftrag der Werteerziehung. Diese aber kann nur gelingen, wenn sie von einem umfassenden Verständnis ausgeht und sich durch alle Fächer hindurchzieht. Mit einzelnen Fächern oder mit kurzlebigen, aktionistischen Vorschlägen (Benimm-Unterricht) ist es nicht getan.

 

In Sachen Gewaltprophylaxe hat zudem nicht nur ein erziehender Unterricht seine Aufgaben, sondern auch die Schulsozialarbeit und eine pädagogisch-psychologische Schulberatung. Die entsprechenden Dienste sind freilich nicht genug ausgebaut. Von der ehemals von der Kultusministerkonferenz angestrebten Versorgungsrate der Schulen mit Schulpsychologen (ein Schulpsychologe pro 5.000 Schüler) sind die Bundesländer noch weit entfernt. Derzeit liegen wir in Deutschland bei einer Rate von rund 12.000 Schülern pro Schulpsychologe. Notwendig gerade angesichts veränderter familiärer und gesellschaftlicher Rahmenbedingun-gen ist zudem ein Ausbau der Schulsozialarbeit.

 

Seit den tragischen Fällen von Schülerinnen und Schülern, die auf dem Schulweg Opfer von Gewalt wurden, sind die Schulen gehalten, die Anwesenheit der Kinder noch konsequenter zu prüfen und einem unentschuldigten Fernbleiben sofort nachzugehen. Es ist dies übrigens auch eine geeignete Maßnahme gegen Schulschwänzerei, die ja nicht selten in Delinquenz einmündet.

 

Den Schulzugang sollen die Schulen in eigener Verantwortung und unter Beachtung der ört-lichen Gegebenheiten regeln dürfen. Nur in besonderen Fällen würde ich die Einrichtung von Videokameras oder gar Metalldetektoren empfehlen. Das läuft oft nur auf eine „gefühlte“ Sicherheit hinaus. Im übrigen bedrückt mich die Vorstellung, Schule müsse ein Hochsicher-heitstrakt sein.

 

Was wir für den Fall der Fälle aber brauchen, das sind Evakuierungspläne. Ich empfehle allen Schulen, solche auszutüfteln und dabei die Sicherheits- und Rettungsdienste einzubin-den. Im übrigen sollen wir Schulleute keine Probleme mit der gelegentlichen Präsenz der Polizei auf dem Schulgelände haben (auch im Streifenwagen, auch in Uniform)

 

Aus aktuellem Anlass sage ich auch: Wir können und dürfen Gefährdungslagen nicht unter den Teppich kehren. Insofern meine ich, dass die baden-württembergischen Behörden ver-gangene Woche richtig gehandelt haben. Stellen Sie sich vor, man hätte nicht gehandelt und es wäre etwas passiert. Deshalb meine ich: Ein Fehlalarm ist lästig, ein fehlender Alarm kann tödlich sein!

 

Und im Interesse sowohl der Täter wie auch einer ganzen Klasse, die ggf. darunter leidet, sollten wir über die Frage diskutieren, ob es nicht besser ist, einen besonders Gewaltanfälligen für eine gewisse Zeit in einer Förderschule für Verhaltensauffällige unterzubringen.

 

Zum Punkt „Schule“ noch eine Klarstellung in eigener Sache: Am Tag nach „Emsdetten“ bin ich von einem politischen Magazin mit Sitz in München gefragt worden, was ich von einem Training für Lehrer Selbstverteidigung hielte. Meine Antwort war: Das sei nicht die Lösung des Problems. Aber wenn der einzelne Lehrer es unbedingt machen wolle und sich sicherer fühle, dann würde ich ihm nicht radikal abraten. Viel wichtiger sei es mir, die Lehrerkollegien gerade besonders belasteter Schulen würden sich etwa mit einem Polizeipsychologen zusam-mentun und Deeskalationstechniken einüben. Zu dieser Aussage steht ich nach wie vor. Was aber macht das Magazin daraus? Folgende reißerische Schlagzeile: „Lehrerchef fordert Nah-kamptraining für Lehrer.“

 

2. Was muss das Elternhaus tun?

 

Es wäre zu wünschen, die Gesellschaft würde mit dem gleichen Engagement wie die anderen Bürger- und Menschenrechte auch die Erziehungsrechte und -pflichten (vgl. GG Artikel 6) sowie eine Erziehung im Interesse des Kindeswohls (vgl. BGB 1627) einfordern. Gerade für die Ansprüche des Artikels 6 des Grundgesetzes, demzufolge Pflege und Erziehung der Kinder "das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht" sind, ist oft kein Platz in der Familie mehr.

 

Eine Stärkung der elterlichen Erziehung ist aber überfällig. Das setzt zunächst einen Bewusst-seinswandel voraus, setzt aber auch eine Stärkung der Familien durch Maßnahmen voraus, die den Eltern oder wenigstens einem Elternteil - unstrukturierte, unverplante - Zeit für die Kin-derbetreuung schaffen, beispielsweise durch entsprechende Arbeitsplatzmaßnahmen (Teilzeit-angebote). Überhaupt ist Zeit der wichtigste Erziehungsfaktor. Das gilt für Schule und Fami-lie. Man muss sie sich einfach nehmen - und man hat sie eigentlich ja auch. Bedenken Sie: Die Zahl der Kinder pro Familie ist immer geringer, die Arbeitszeit immer kürzer und die Freizeit immer größer geworden.

 

Eine hypothetische Frage sei angefügt: Ist nicht oft das Fehlen einer männlichen Bezugs-person auch ein wichtiger Faktor bei der Entstehung von Gewalt? Eine männliche Bezugs-person kann ja ganz besonders Projektionsfläche für Gewaltimpulse und damit Puffer gegen Gewalt sein.

 

Elterliche Erziehung muss Kindern zudem etwas zutrauen, auch zumuten, vor allem Anreize bieten. Wir wissen nämlich eindeutig, dass ausgelastete Heranwachsende weniger gewaltan-fällig sind, weil sie ihre überschüssigen Energien sinnvoll kanalisieren (tiefenpsychologisch: sublimieren). Wer etwas leistet (z.B. neben der Schule auch im Bereich Sport, Musik), der findet sich nämlich kaum unter Gewalttätern.

 

3. Was müssen wir von der Gesellschaft erwarten?

 

Bei der Aufgabe, Gewalt einzudämmen, sind a l l e gefordert: alle Erwachsenen, die Vor-bilder in Politik, Sport, Showgeschäft, Medien. Allerdings hat das Vorleben von Werten in weiten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gelitten. Sog. Prominente, vom Sport- und Show-Bereich bis in die große Politik, praktizieren nicht selten ein mangelndes Unrechtsbe-wusstsein.

 

Insofern sind viele Klagen mancher Leute über die Jugend scheinheilig. Der alte Wiener Grantler Helmut Qualtinger fällt mir dazu sinngemäß sein, wenn er sagt: „So manche mora-lische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen!“ Für Heranwachsende haben schlechte bzw. unglaubwürdige erwachsene Vorbilder jedenfalls gravierende Folgen.

 

Eduard Spranger sprach hier schon vor Jahrzehnten vom Auftreten vielfacher, das Erziehen störender Faktoren. Spranger stellt vor allem fest, dass die hauptsächliche Ursache negativer Prägungen unserer Kinder und Jugendlichen "die innere Unwahrhaftigkeit der Gesellschaft ist, nämlich da erziehen zu wollen, wo echte Erziehungsresultate eigentlich nicht gewollt, zumindest nicht geschätzt werden."

 

Wie recht Spranger doch gerade auch im Blick auf heute hat! Man denke nur an den Schrott, den uns diese Gesellschaft medial zumutet, den wir zugleich als Ausdruck von Informations-vielfalt, Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit akzeptieren sollen, gegen den wir aber zugleich erziehen sollen!

 

Zudem müssen wir in der Gesellschaft einen erzieherischen Ziel-Konsens herstellen! Ein solcher Konsens ist durch eine Politisierung (sog. Emanzipatorische Erziehung) und Pseudo-Psychologisierung ("Schwarze Pädagogik", "Patient Familie") der Erziehung brüchig gewor-den. Es müsste aber wieder erkannt werden, dass Erziehung eben nicht Vergewaltigung oder Herrschaftsausübung ist und dass Erziehung nicht in einer Gefälligkeits- bzw. in einer ange-strengten Erleichterungspädagogik bestehen kann.

 

Vonnöten ist also ein Konsens in Fragen der Erziehungsziele und der Erziehungsprakti-ken. Erziehen heißt (siehe Theodor Litt): wachsenlassen und befreien sowie zugleich füh-ren und binden. Jede einseitige Betonung eines dieser beiden Pole ist falsch.

 

Ich wünschte mir zudem auch eine Erziehung zur Toleranz, die darin besteht, dass Erwachse-ne und Erzieher nicht alles tolerieren.

 

4. Was müssen wir von den Medien erwarten?

 

Konservierungsstoffe, Pharmaka oder Düngemittel, die Spätschäden zumindest vermuten las-sen, dürfen nicht auf den Markt. Bei Medienprodukten ist das anders. Das muss sich ändern. Das Verbieten medialer Gewalt-Produkte ist pädagogisch sinnvoll. Notwendig ist in jedem Fall auf allen Medienprodukten eine Alterskennzeichnung. Verbote und Alterskennzeich-nungen verhindern zwar nicht, dass entsprechende, global verbreitete Medienprodukte vor nationalen Grenzen halt machen, aber solche Verbote und Kennzeichnungen prägen doch die Moralvorstellungen (siehe den Grundsatz der Generalprävention). Sie sind damit eine Hilfe für Erzieher in Schule und Elternhaus, auch wenn ich weiß, dass diese Spiele damit nicht aus der Welt geschafft sind und nach wie vor aus dem Internet heruntergeladen werden können.

 

Ja mehr noch: Ich bin für ein Verbot menschenverachtender „Killerspiele“. Sie widern mich an, und ich bedauere die Menschen, denen es Spaß macht, auf virtuelle Menschen zu schie-ßen, sie zu zerstückeln, zu zerfleischen, zu köpfen. Das ist ein erster Schritt zur Verrohung. Ich spreche von Killerspielen, nicht pauschal von Computerspielen. Für nachgerade pervers halte ich die Argumentation, Killerspiele förderten das strategische Denken und die Reakti-onsschnelligkeit.

 

Und auch von der Tatsache, dass – gottlob – nicht alle Spieler von Killerspielen tatsächlich töten, lasse ich mich nicht beeindrucken. Dann könnten wir ja gleich alle Schusswaffen mit der Begründung freigeben, nicht jeder, der im Besitz einer Waffe ist, mordet.

 

Als Pädagoge sage ich: Verbietet Killerspiele der besonders brutalen Art und behandelt deren Herstellung und Vertrieb wie die illegale Herstellung und den illegalen Vertrieb von Waffen.

 

Eine persönliche Anekdote im Zusammenhang mit Killerspielen: Als ich vor drei Wochen öffentlich für ein Verbot dieser sog. Spiele gesprochen hatte, bekam ich eine Flut an e-mails. Die wenigsten waren geprägt vom Willen zu einer argumentativen Auseinandersetzung; die meisten waren voller Aggression und Gehässigkeit! Jeder weitere Kommentar erübrigt sich!

 

Dabei bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob wir für ein Verbot solcher Spiele überhaupt eine Änderung des Rechtsrahmens brauchen.

 

Wie sieht es nämlich mit dem Verbieten von medialen Gewalt-Produkten aus? Im Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften und Medieninhalte heißt es in Para-graph 1 Abs. 1: „Schriften (damit sind alle Medien eingeschlossen), die geeignet sind, Kinder oder Jugendliche sittlich zu gefährden, sind in eine Liste aufzunehmen. Dazu zählen vor allem unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende sowie den Krieg verherrlichende Schriften.“

 

Zuständig für die Einhaltung dieser Bestimmung ist die Bundesprüfstelle für jugendgefähr-dende Schriften (BPjS) im Amtsbereich des Bundesministeriums für Jugend. Ein 12er Gremi-um entscheidet auf Antrag eines Jugendamtes darüber, ob ein Produkt auf den Jugend-Index gesetzt wird. Jährlich kommt es dabei zu 600 bis 800 Verfahren.

 

Für gänzliche Verbote, also nicht nur für das Verbot für Jugendliche, relevant ist Strafgesetz-buch Paragraph 131: „Wer Schriften (damit sind alle Medien eingeschlossen), die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschen-würde verletzenden Weise darstellt,

 

1. verbreitet,

2. öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht,

3. einer Person unter 18 Jahren anbietet, überlässt oder zugänglich macht oder

4. herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist ....., wird mit einer Frei-heitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

 

So weit, so gut. Das Problem liegt woanders. Denn leider – das scheint der Preis der Freiheit zu sein – steht einer konsequenten Anwendung dieser Regeln oft der GG-Artikel 5 entgegen: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbrei-ten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten .... Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Im Klartext heißt das: Zu oft können sich die Hersteller und Nutzer irgendwelcher medialer Abknall- und Hackfleischprodukte auf das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung und auf Kunstfreiheit berufen. (Und sie werden darin oft genug von Richtern gestützt.)

 

Welch abstruse Entscheidungen es dann geben kann, zeigte in den 90er Jahren das Hin und Her etwa um das Verbot eines Zombie-Films, in dem sich die Zombies gegenseitig die Bäu-che aufschlitzen, um sich die Därme herauszufressen. Die BPjS hatte einen solchen Film auf den Index gesetzt. Vergeblich! Denn das Urteil eines Verwaltungsgerichts, das dieses Jugend-verbot aufhob, hatte folgenden Tenor: Zombies seien lebende Leichen, deshalb könne dieser Film kein Verstoß gegen die Menschenwürde sein; im übrigen gelte Kunstfreiheit.

 

Was ich damit sagen und daraus folgern will: Auf einen konsequent einschreitenden Rechts-staat können wir hier leider nicht immer rechnen. Aber wir als Staatsbürger können etwas tun. Wenn viele Staatsbürger sich an die Mediengewaltigen wenden und protestieren, wenn viele Wirtschaftsbürger bei Firmen protestieren, die in Gewaltfilmen Werbung schalten, dann kann man etwas erreichen. Eine einzelne Zuschrift eines Bürgers wird nämlich von den Me-dienanstalten und Formen als die Meinung von rund 5.000 Bürgern hochgerechnet.

 

Aufgabe der Politik bleibt es aber wegen der globalen Verbreitung von solchem Schrott, hin-sichtlich Jugendmedienschutz die Erarbeitung internationaler Standards anzustoßen.

 

Und weil ich an anderer Stelle auch Waffenbesitz angesprochen habe: Ich halte auch die Her-stellung und den Besitz von höchst realitätsnahen sogenannten Soft-Guns für psychologisch höchst bedenklich, und ich halte deren Herstellung und Besitz auch für unsere Sicherheits-kräfte für eine Zumutung. Stellen Sie sich einmal vor, ein Polizist schießt auf einen Heran-wachsenden, weil er dessen Soft-Gun für eine echte Waffe halten muss.

 

5. An unserem Anspruchsniveau und an unserem Menschenbild arbeiten!

 

Wir sind umzingelt von einer endlosen Tyrannei des Dummen und Ordinären um uns und unsere Kinder herum. Für manche Leute mag es ja unterhaltsam sein zu wissen,

• dass sich ein 22jährige silikon-gestylte Diskoluder an einer Stelle hat tätowieren las-sen, die lediglich ihr Ex-Ehemann (Warum eigentlich der „Ex“?) zu sehen bekommt;

• dass es einer Pop-Lady nun wirklich leid tut, wenn man sie beim Aussteigen aus ei-nem Auto ohne Höschen unter dem Rock erkannt hat;

• dass ein in Sachen Besenkammer erfahrener Ex-Tennisspieler eine Autobiographie mit dem faustischen Titel „Augenblick, verweile doch ...“ geschrieben hat (ob er den „Faust“ wohl auch gelesen hat?) usw. usf.

 

Aber wenn sich dieses Land für all dies interessiert, dann muss es auch so ehrlich sein zu sa-gen: Ein Land, das solchen Medienschrott produziert, das sich solche Stars kürt, braucht ei-gentlichen keinen PISA-Test mehr.

 

Da wagt man es kaum noch zu sagen, dass es viel wichtiger wäre es, wenn wir uns mit unse-ren jungen Leuten den Kopf zerbrächen über unser Bild vom Menschen, über unser Bild von Gemeinwesen und Gesellschaft.

 

Abstrakt gehört dazu, dass wir nachdenken über das sensible Wechselspiel eines mehrfachen Dualismus von Freiheit und Gleichheit, von Freiheit und Verantwortung sowie von Rechten und Pflichten. Alles aber zu dürfen und nichts zu sollen, das funktioniert nirgends, weder in Gesellschaft noch in Erziehung.

 

Und noch etwas Grundsätzliches. Erziehung und Bildung sind viel, viel mehr als gute PISA-Rangplätze. Das heißt: Wenn es um Erziehung und Bildung geht, dann müssen wir vor allem in Sachen Erziehung und Bildung auf den Eigenwert des Nicht-Messbaren und Nicht-Ökonomischen setzen! Bildung kann nicht verkommen zu einer Unterabteilung der Wirt-schaftspolitik. Bildung kann nicht gedeihen am „Pflock des Augenblicks“, wie Nietzsche sa-gen würde. Sonst haben wir eines Tages zwar jede Menge PISA-gestylte Funktions-Fuzzis, aber keine reifen, verantwortungsbewussten Persönlichkeiten.

 

Schluss-Appelle

 

1.

Erziehung beginnt überall im kleinen! Das gilt gerade auch für die Verwirklichung eines der wichtigsten Erziehungsziele, für die Achtung der Würde des Menschen! Diese Achtung der Würde eines Menschen (GG Art. 1 Abs. 1) hat ihren Anfang bei entsprechenden Würde-formen im alltäglichen Umgang. Wir sehen hier zu oft weg. Deshalb ganz schlicht:

• Dulden wir keine entwürdigenden Schimpfnamen und obszöne Gesten!

• Vermitteln wir den Grundsatz, dass die Achtung der Würde des Menschen zum Bei-spiel auch Achtung der Würde des Reinigungspersonals bedeutet und mit der Vermei-dung von achtlos weggeworfenem Abfall zu tun hat!

• Machen wir klar, dass würdelose Umgangsformen gar nichts mit kritischem Bewusst-sein zu tun haben, sondern Ausdruck mangelnder Selbstkritik sind!

• Und machen wir klar, dass das Auflehnen gegen Würdeloses eine Frage der Zivilcou-rage ist.

 

2.

Insgesamt braucht dieses Gemeinwesen wieder mehr eine Kultur des Hinhörens und des Hinschauens als soziales Frühwarnsystem. Dann kann die Entstehung von Gewalt in vielen Fällen früher erkannt werden. Fangen wir in den Schulen – unter Lehrern und Schülern – da-mit an. Mit dieser Kultur des Hinhörens und Hinschauens könnten auch so manche Fälle von Kindesmissbrauch, auch mumifizierte Leichen in der Nachbarwohnung vermieden werden.

 

3.

Die „Alten“ müssen sich an der eigenen Nase fassen. Sie müssen sich fragen, was sie dazu beigetragen haben, wenn Jugend „verkorkst“ ist. Die Jugend kann nicht „besser“ sein als ihre Alten. Die Jungen sind immer Spiegelbild ihrer Alten, selbst wenn sie das gerade in der Pu-bertät nicht sein wollen. Deshalb brauchen wir erwachsene und ausgewachsene Vorbil-der.

 

4.

Und zum Abschluss etwas ganz Konkretes: Wir können nicht immer auf unsere obersten Hee-resleitungen warten, bis etwas geschieht. Denn frei nach Clausewitz gilt: Gottlob wird der rhetorische Übereifer der Führenden durch die Besonnenheit des Fußvolkes wieder ausgegli-chen. Will sagen: Beginnen wir mit der Ächtung von Gewalt konkret – wo sinnvoll und nö-tig - vor Ort mit lokalen Bündnissen. Einmal im Jahr einen Runden Tisch (oder muss man heute sagen mit einer „taskforce“?) unter dem Titel „Fit gegen Gewalt“ – mit Vertretern der Schulen, der Polizei, der Jugendämter, der Kirchen, der Vereine, der Wirtschaft, der Medien: Das wär’ doch was! Ein solches Bündnis könnte eine seismographische Plattform und ggf. ein handlungsfähiges Aktionsbündnis sein.

 

Es gibt einiges zu tun! Stoßen wir es an!