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Nachrichtenfeature ddp-bay vom 13.12.2006

(Nachrichtenfeature) 13.12.06

 

"Killer-Spiele" mit illegalen Waffen gleichsetzen - 300 Experten diskutieren in Sulzbach-Rosenberg über Gewalt unter Jugendlichen

 

--Von ddp-Korrespondent Holger Stiegler--

 

Sulzbach-Rosenberg (ddp-bay). Aufklären, vorbeugen, Ursachen erforschen, bekämpfen - darum ging es am Mittwoch bei einem Symposium zum Thema Gewalt unter Jugendlichen an der Fachhochschule der Polizei im oberpfälzischen Sulzbach-Rosenberg. In seinem Hauptreferat forderte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, den Besitz so genannter Killerspiele zu verbieten und genauso zu behandeln wie den Besitz und den Vertrieb illegaler Waffen. "Eine Verharmlosung ist völlig fehl am Platz", sagte der Schulleiter des Maximilian-von-Montgelas-Gymnasiums in Vilsbiburg vor rund 300 Schulpsychologen, Lehrern und Polizeibeamten.

 

Im Schulalltag will Kraus auffällige Schüler "aussortieren": Er forderte eine "schulische Sondereinrichtungen für gewaltauffällige Kinder und Jugendliche". Seiner Ansicht muss das Gemeinwohl ab einem bestimmten Zeitpunkt vor den Wünschen des Einzelnen rangieren. Derzeit, kritisierte Kraus, gebe es für die Pflichtschule zu wenige Möglichkeiten, um einzugreifen. Als "utopisch" bezeichnete er die zum Teil der Schule zugeschriebene Rolle als "gesellschaftliche Reparaturwerkstatt". Natürlich könne die Schule durch Verhaltenskodizes oder Streitschlichtung zu einer positiven Veränderung beitragen, gleichzeitig sei aber vor allem auch mehr erzieherisches Engagement der Eltern "überfällig".

 

Kraus räumte ein, dass die Gewalt unter Heranwachsenden insgesamt brutaler und roher geworden sei. Deshalb dürfe man aber nicht pauschal von einer "vergammelten, verlotterten Jugend ohne Werte" sprechen. Außerdem produziere nicht die Schule die Gewalt, die Faktoren dafür müssten bei jedem Einzelnen, in der Familie und in der Gesamtgesellschaft gesucht werden.

 

Konkrete Fragestellungen zum Umgang mit Gewalt wurden bei der Expertentagung in insgesamt zwölf Workshops behandelt. Die Themen reichten von den Aufgaben der Kinder- und Jugendpsychiater bis hin zur Erlebnistherapie als Alternative zur geschlossenen Unterbringung.

 

Auf ein enormes Informationsdefizit im Bereich der Gewaltdarstellungen im Internet machte der medienpädagogisch-informationstechnische Berater für die Gymnasien in Mittelfranken, Peter Vogel, aufmerksam. "Hier herrscht eine große Unwissenheit bei Eltern und Lehrern", sagte Vogel. Er kritisierte, dass im Internet Seiten mit gewalttätigen Computerspielen, Darstellungen von Vergewaltigungen, Suizidplattformen und vieles mehr frei zugänglich seien.

 

Als "besonders dramatisch" wertete der Nürnberger Gymnasiallehrer die Entwicklung der Weblogs: "Hier stellt jeder völlig unkontrolliert das hinein, was ihm in den Sinn kommt." Umso wichtiger sei es deswegen, dass Eltern mit ihren Kindern über die Nutzung des Internets sprächen, die technischen Voraussetzungen geschaffen würden, damit bestimmte Seiten nicht aufgerufen werden könnten und schließlich in der Schule eine Erziehung zur Medienkompetenz erfolge.