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„Du musst schon selber wissen, wo Du hinwillst“

Süddeutsche Zeitung Freitag, 16.05.2003


Von Rolf Thym


„Du musst schon selber wissen, wo Du hinwillst“

Lebenshilfe mit Karte und Kompass

 

Pädagogen stellen sozial auffällige Jugendliche vor ungeahnte Probleme – und bringen sie so auf den richtigen Weg

 

Regensburg. Vielleicht hätten sie ihn beim Klauen erwischt. Vielleicht hätten sie ihn an seinem Schlafplatz auf dem Dach des Einkaufszentrums aufgegabelt. Erich – so wollen wir ihn nennen – ist nur einer von vielen Jugendlichen, die in ein Leben in Heimen, der Jugendpsychiatrie oder im Gefängnis abzugleiten drohten. Doch Erich scheint den Weg in ein geregeltes Leben geschafft zu haben: Er hat eine Lehrstelle, sein erstes selbst verdientes Geld. Vor allem hat er durch seine Begegnung mit einer besonderen Art von Pädagogik gelernt, sich immer wieder Ziele zu stecken – und sich über seine Erfolge zu freuen. Das konnte der Jugendliche lange Zeit nicht.

 

Diebestour in Supermärkten
Auf schwierige Fälle wie Erich haben sich Peter Alberter und seine Mitarbeiter vom Regensburger KAP-Institut spezialisiert. KAP heißt: Kooperative Abenteuerprojekte. Alberter hat Fachkrankenpfleger gelernt und Heilpädagogik studiert. Vor gut sieben Jahren hat er in Regensburg das KAP- Institut gegründet, das sich mit Hilfe der Erlebnis-Pädagogik um extrem verhaltensauffällige Jugendliche kümmert. Also um Jugendliche, bei denen eine herkömmliche sozialpädagogische Betreuung – etwa mit Gesprächstherapien – ins Leere geht.


Stundenlang kann Alberter davon erzählen, wie junge Menschen bei tagelangen Fußmärschen, Radtouren und Floßfahrten eine Vorstellung von einem Leben ohne Gewalt und Alkohol, ohne Drogen und Klauen bekommen. Und wie sie zu bestimmen lernen, wo es in Zukunft für sie lang gehen soll. Das ist wörtlich zu nehmen: Sie sitzen mit Rucksack, Zeltplane, Isomatte und ein wenig Verpflegung mitten im Wald, irgendwo in der nördlichen Oberpfalz, starren ratlos auf Landkarte und Kompass, und ihr Betreuer sagt nur: „Jetzt mach mal. Du musst schon selber wissen, wo Du hinwillst.“


Erich erzählt davon, wie er in einer zerrissenen Familie aufwuchs, wie er zu prügeln anfing und später in der Neonazi-Szene landete. Dort suchte er Anerkennung, fing an zu trinken – und immer wieder kam es zu Schlägereien. Er wurde zum ersten Mal in ein Heim eingewiesen. Doch schon nach einiger Zeit kapitulierten die Pädagogen vor ihm. Weiter ging es ins nächste Heim und wieder ins nächste. Dann lebte er in Regensburg auf der Straße, klaute in Supermärkten Süßigkeiten und Energiedrinks, damit er überhaupt etwas in den Magen bekam. Das Jugendamt sah keinen anderen Ausweg mehr, als Erich in die geschlossene Jugendpsychiatrie einzuweisen.


Peter Alberters KAP-Institut wurde damit beauftragt, sich so lange um den Buben zu kümmern, bis ein Platz frei werde. Die KAP-Leute brachten Erich, der damals erst 16 Jahre alt war, in eine abgelegene Hütte im Wald. Dort sprach ein Betreuer die ganze Nacht lang mit ihm: „Der war der erste“, erinnert sich Erich, „der mir Perspektiven aufgewiesen hat, was man schaffen könnte mit ein bisschen Mühe.“ Zwei Monate lang war er unter Obhut der Betreuer zur Arbeit eingeteilt: die Waldhütte herrichten, eine Gartenmauer bauen. Dann wurde ein Platz in der geschlossenen Jugendpsychiatrie frei. Dort „ist alles zusammengebrochen“, erzählt Erich, „bei KAP war es so gut gelaufen. “ Im Nachhinein ist er heilfroh darüber, dass nach der langen Zeit hinter Gittern die Jugendbehörde mit einer weiteren Betreuung durch die KAP-Leute einverstanden war. Die holten ihn direkt vor dem Tor der Psychiatrie ab, setzten ihn auf ein Mountainbike, und Erich fuhr zusammen mit einem Betreuer 1000Kilometer weit in brütender Hitze durchs Erzgebirge und den Bayerischen Wald. Bei dieser Tour, erzählt Erich, habe er gelernt, sich lauter kleine Ziele zu stecken: die nächste Tagesetappe, das nächste Nachtlager. „Und wenn man das erreicht, dann baut einen das einfach auf.“ Dieses Prinzip sei ihm in Fleisch und Blut übergegangen, „alleine wäre ich da nicht draufgekommen“.

 

60 Prozent Erfolgsquote
Nach der Radtour bereiteten die KAP-Betreuer Erich auf regelmäßige Arbeit vor, und er steckte sich sein nächstes Ziel: eine Lehrstelle. Die hat er seit dem vergangenen September, wobei ja nicht viel gefehlt hätte, und er wäre sie „wegen eines Blödsinns“ wieder los gewesen, „wenn der Alberter da nicht einiges geklärt hätte“.
An die 60Buben und Mädchen hat das KAP-Institut bisher betreut, und Peter Alberter spricht von einer Erfolgsquote von 60 Prozent. „Die anderen gehen zurück in die staatliche Betreuung: in Heime, Jugendpsychiatrie, Knast, Jugendarrest“. In besonders schwierigen Fällen, in denen schnell klar werde, dass auch die Erlebnis-Pädagogik keinen Erfolg bringe, „brechen wir die Betreuung ab“, sagt Peter Alberter, „da haben wir auch eine Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler“. Schließlich zahlen die Jugendämter für die Unterbringung in KAP-Projekten.


In Bayern, so betont das Sozialministerium, werde die Erlebnis- Pädagogik „verantwortungsbewusst“ eingesetzt, wobei die „Qualität der Anbieter“ ausschlaggebend sei. Deshalb unterstützt das Ministerium das Regensburger KAP-Institut, das von Juni an erstmals eine umfassende Ausbildung für Betreuer anbietet. In dem sieben Monate dauernden Kurs werden neben spezieller Fachtheorie insbesondere Kenntnisse im Bergsteigen, Kanu- und Mountainbikefahren vermittelt. Peter Alberter schätzt, dass es derzeit bundesweit gut 100freie Stellen für Erlebnis-Pädagogen gibt. (Weitere Informationen: www.kap-outdoor.de)

 

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