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Wer stiehlt und schlägt wird im Wald ausgesetzt

Mittelbayerische Zeitung 28.08.2001


Von Eva Gaupp


Wer stiehlt und schlägt, wird im Wald ausgesetzt

Das K.A.P. Institut veranstaltet pädagogische Erlebnisprojekte für schwer verhaltensauffällige Jugendliche

 

Regensburg. Wer sich nicht eingliedern kann, wer für die Gesellschaft untragbar geworden ist, wer stiehlt, schlägt und Drogen nimmt – der wird ausgesetzt. Im Wald. (Fast) allein auf sich gestellt. Wind und Wetter ausgesetzt. Was sich für manche wie ein Horrortrip anhört, ist in Wirklichkeit eine Therapie. Und eine sehr gute noch dazu. Das K.A.P. Institut in Regensburg hat sich auf solche Projekte der Erlebnispädagogik spezialisiert.


Geschäftsführer und Firmengründer Peter Alberter ist Erlebnispädagoge, Heilpädagoge und Fachkrankenpfleger für Kinder- und Jugendpsychatrie. Doziert unter anderem an der Fachakademie für Heilpädagogik an der FH Darmstadt und war schon immer ein Mensch, der lieber mit dem Mountainbike durch die Natur radelte als auf dem Sofa fernzusehen. Und deshalb hat er seine Hobbies mit dem Beruf verknüpft und sich vor fünf Jahren mit seinem Institut selbständig gemacht.


Zusammen mit seinen mittlerweile rund 25 Betreuerinnen und Betreuern organisiert Alberter Abenteuertrips. Zum Beispiel Iglos bauen bei minus 20 Grad auf dem Arber, mit Flößen durch den Donaudurchbruch, per Fahrrad von Santiago de Compostella oder von Marokko  nach Regensburg. Dabei kommt auf jeden Schützling ein Betreuer. Ziel der Projekte ist, dass sich die Jugendlichen frei machen von Materiellem und auf das Wesentliche konzentrieren besinnen, dass sie Zutrauen zu sich selbst entwickeln und bei körperlichen Herausforderungen sich und ihre Grenzen spüren lernen. Abgesehen davon gibt es mitten im Nirgendwo keine Zigaretten, keine Drogen und keinen Alkohol zu kaufen. Aggressionen verpuffen in der Weite. Wer sich darauf konzentrieren muss, aus einem fremden Wald zurück in eine Stadt zu finden, hat keine Zeit für Streit.


„Die Projekte haben einen ganz erstaunlichen Erfolg“, sagt Peter Alberter. Manche der Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren werden nur zwei Wochen, andere bis zu einem halben Jahr lang betreut. Alle sind Problemkinder, mit denen Jugendamt oder Heimleitung nicht mehr weiter wissen. „In geschlossenen Heimen hat kein Betreuer die Zeit, sich rund um die Uhr um einen Jugendlichen zu kümmern. Außerdem drehen sich bei den Jugendlichen alle Gedanken nur darum, wie sie möglichst schnell wieder rauskommen. Und wer vorher noch nicht wusste, wie man ein Auto knackt, lernt dort sicher jemanden kennen, der es ihm zeigt wie`s geht.“


Als Peter Alberter vor fünf Jahren sein Institut gegründet hat, tat er sich noch schwer, Ämter und Behörden für seine Form der Therapie zu begeistern. Er musste die Verantwortlichen erst davon überzeugen, dass die pädagogischen Abenteuer schaffen können, was die Heime  nicht vermögen. Das ist heute kein Problem mehr. Die Zusammenarbeit klappt gut. Und die Projekte zahlt das Jugendamt. „Unterm Strich kommen einige Wochen Projekt sehr viel billiger als jahrelange Unterbringung in einem Heim“, so der Pädagoge. Und dazu lernten die Jungen und Mädchen, sich im Leben ein großes Stück besser zurecht zu finden. Denn im Heim seien sie seiner Meinung nach fast „überbehütet“. Zwar werde auch versucht, die Familie und das soziale Umfeld mit einzubeziehen und Probleme in dieser Hinsicht zu lösen, jedoch sei das nicht immer möglich. Und deshalb sei es wichtig, dass die Jugendlichen innerlich so gefestigt werden, dass sie auf eigenen Beinen stehen können.


Hat sich das Jugendamt entschieden, einen Jungen oder ein Mädchen in die Obhut des KAP-Instituts zu geben, erhalten die Mitarbeiter eine ausführliche Anamnese des Falls. Auf dieser Basis wird eine geeignete Therapieform ausgearbeitet und dem Schützling unterbreitet. Denn die Teilnahme an einem Projekt erfolgt freiwillig.  Während des Projekts wird Tagebuch geführt und über das Erlebte gesprochen, Entwicklungen und Probleme analysiert.

 

„Man kann einen Menschen nicht verändern, aber ihm die Augen öffnen.“

 

Nichtsdestotrotz kommt unter Garantie der Augenblick, da der Betreuer aufbegehrt, von der Natur die Nase voll hat und zurück in sein altes Leben will. Doch dann sind die Betreuer knallhart. Alberter erinnert sich an einen Jungen, der mit seinem Betreuer in England unterwegs war und sich weigerte zu packen und weiterzureisen. Der Betreuer packte darauf seine eigenen Sachen, ging in ein Cafe und setzte dem Jungen eine Frist von einer halben Stunde. Dann würde er weg sein. Keine 15 Minuten später hatte auch der Junge gepackt und war seinem Betreuer hinterhergekommen. Ohne Geld und ausreichende Englischkenntnisse in einem fremden Land hatte er nicht gewusst wohin.
 Als Peter Alberter mit einem 15-jährigen mit dem Mountainbike von Marokko nach Regensburg fuhr – die Reise dauerte ein halbes Jahr – erhielt der Junge für jeden Tag sein Essensgeld von 10 DM ausbezahlt. Am ersten Tag hatte er schon am Vormittag alles für Zigaretten und Süßigkeiten ausgegeben. Als ihm am Mittag der Magen knurrte, hatte er kein Geld mehr. „ Ich habe mir am Abend ein Drei-Gänge-Menü für das Geld gegönnt. Und er musste zusehen. Daraufhin hat er sein Geld zu schätzen gewusst und es nie mehr leichtfertig ausgegeben.“


Die Nähe zwischen Betreuer und Betreutem macht jedoch auch ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis möglich. Zum Beispiel die Geschichte eines Mädchens, das Monate lang in einem Erziehungsheim war und sich gegen jedes Gespräch verschloss. Bei einem Abenteuerprojekt, wo Gespräche völlig zwanglos nebenher zustande kommen, habe sie ihrer Betreuerin erzählt, was noch keiner erfahren habe. Nämlich dass sie von einem Verwandten mehrmals vergewaltigt worden war.


In der Regel finden die Jugendlichen Spass an den Projekten, Gameboy und Glotze verlieren gegenüber Sonnenuntergängen in der Hohen Tatra und selbst gegrilltem Steak. Nicht selten halten die Mädchen und Jungen auch nach den Projekten noch Kontakt zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und auch drei Bundesdeutsche Preise (Outward-Bound-Preis) im Bereich Erlebnispädagogik in den Jahren 94, 96, und 97 geben dem Konzept Recht.


Neben der Erlebnispädagogik veranstaltet Alberter mit seinen Mitarbeitern aber auch Lehrgänge für soziale Fachkräfte sowie Outdoor-Trainings z.B. für Manager. Beim Iglu-Bauen am Arber oder beim Kanuwandern quer durch die Oberpfalz sollen Schreibtischtäter lernen, sich selbst zu spüren, das Leben außerhalb von Bilanzen und Computern zu entdecken oder wieder zu entdecken.


Peter Alberter ist sich bewusst, dass ein einwöchiges Outdoor-Training keinen Menschen verändern kann. „Aber man kann einem Menschen einen Impuls geben, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist im Leben. Man kann ihm dabei helfen die Augen zu öffnen.“