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Wenn Pädagogik in Althütte zum Team_Erlebnis wird

Mittelbayerische Zeitung vom 28.01.1999

 

Von Rupert Schlecht

 

 

Wenn Pädagogik in Althütte zum Team-Erlebnis wird

 

Zwölfergruppe aus sozialen Berufen im tief verschneiten Wald auf sich allein gestellt / Erfahrungen in Arbeit einbringen.

 

Kötzting/Althütte. In Althütte, im tief verschneiten bayerischen Märchenwald zwischen Eben und Mooshütte nahe des kleinen Arbersees, werden Ideen geschmiedet. Ronny, Karin und wie sie alle heißen, zwischen 19 und 45 Jahre jung, bilden seit Montag eine verschworene Gemeinschaft – etliche Kilometer, eine von weißer Pracht bedeckte, rutschige Forststraße, sternenklare Nächte, fünf Sonnentage und ungezählte Minusgrade trennen sie vom Alltag. Alltag, das bedeutet für die zwölfköpfige Gruppe Arbeit am Nächsten, Arbeit als Sozialpädagogen, Erzieher, Diplom-Sportlehrer, irgendwo in Deutschland und Österreich.

 

Für eine Woche sagen sie der Zivilisation „adieu“, um sich mit dem KAP- Institut (Kooperative Abenteuer Projekte), Regensburg in Erlebnispädagogik  fortzubilden. Mit dabei: Projektleiter Peter Alberter. Erlebnispädagogik, das ist Zusatzqualifikation! „KAP“, teilt Peter Alberter mit „gibt es seit fünf Jahren“; Schwerpunkte der Weiterbildung gelten dem Kinder- und Jugendhilfebereich.

 

Vor dem Anwesen in Althütte – derzeit ein für 40 Leute konzipiertes „Selbstversorgerhaus“ der Pfadfindergemeinschaft St. Georg – warten Schlitten, ein Canadier-Boot (!), Schneeschuhe auf Bewegung. Drei junge Männer sägen, hacken Holz, das zum Heizen und Kochen benötigt wird. Reine Selbstversorgung! Im Flur des Hauses steht festes, teils gefüttertes Schuhwerk, hängen winterdicke Jacken, liegen Mützen, Handschuhe rum. In der holzofenwarmen Stube sind Ronny, Karin und die anderen fleißig am Werkeln. Unter Zuhilfenahme verschiedener Hölzer und „Rinderfell“ entstehen dank geschickter Hände Trommeln. „Das Thema der Woche“ heißt denn auch folgerichtig „Bauen und Werken“, sagt Peter Alberter gleich nebenan, in der eher spartanisch eingerichteten Küche, wo einige Frauen und Männer aus der Gruppe eine Vielzahl leckerer Gerichte zaubern…

 

Es richt nach Geräuchertem und Kräutern. Auf dem Speisezettel stehen Linsensuppe, Gemüsespieße, gegrillte Bananen mit Honig, Käsespätzle, Kaiserschmarrn, Bratäpfel, damit auch die Vegetarier auf ihre Kosten kommen! Hungern muss in Althütte niemand.
Alberter sagt: Das KAP-Institut habe neben Bauen und Werken weitere Themen auf der Palette, zum Beispiel Mountainbike, Trekking, Canadierwanderungen, Klettern. Per Erlebnispädagogik sollen in Althütte praktische Situationen vorgelebt werden, die in den sozialen Berufen von Betreuerinnen und Betreuern umgesetzt werden. Gruppenarbeit, Kreativität, Gefühl im Umgang mit Materialien aus der Natur, Diskussion. Profitieren davon sollen nicht zuletzt die zu Betreuenden – Kinder, Jugendliche, psychisch Kranke, mit denen es die ProjektteilnehmerInnen Tag für Tag zu tun haben. Also: Einfach den mitunter öden Alltag verschönern…

 

Die 42- jährige Karin (siehe auch Bericht unten!) bringt es auf den Punkt: Jeder könne sich „etwas herauspicken“, um den eigenen Horizont zu bereichern. Es seinen vier thematische Wochen im Angebot, drei davon können ausgewählt werden, erklärt Peter Alberter. „Nach drei Kursen folgt ein Praktikum“, bei dem ein Kurs in Erlebnispädagogik geplant, durchgeführt und anderen präsentiert wird. Die so erworbene Zusatzqualifikation sei dann hilfreich, um als Fachpersonal eingestellt zu werden.

 

In Althütte ist diese Woche immer was los. Die Autos blieben am Montag „weiter unten“ am Parkplatz,  zurück. Mit Schlitten zog die Zwölfercrew zur Unterkunft, in/vor der es kurzweilig zugeht. Sie bastelte bislang rund 1,50 Meter hohe, bunte Heißluftballons aus Seidenpapier, die sie mit „Brennspiritusantrieb“ auch schon fliegen ließen. Sie produzierte akribisch „Hosentaschenufos“ (60 cm Umfang), die aus Stoff sind, von einem „Bleiband“ umrandet werden und wie ein Frisbee durch die Luft geschleudert werden, sie ließ aus Schnee Iglus entstehen. Abends wird das Erlebte von Gruppenmitgliedern zusammengefasst, vorgetragen. Nennt sich „Tagesschau“! Spiele, Problemlösungsaufgaben, Fackelwanderung ergänz(t)en das Programm, das heute endet. Zumindest für „unsere“ Zwölf, denn nächste Woche haben sich weitere Fortbildungswillige angesagt, in Althütte kreative Tage zu verbringen.

 

 

Teamgeist sowie Spaß

 

Lohberg/Althütte (ec). Ronny ist 23, stammt aus Werda im Vogtland und arbeitet in Landshut als Betreuer von psychisch kranken  Erwachsenen. Karin ist 42, kommt aus Landau in der Pfalz und bildet an der Fachschule in Speyer Erzieherinnen und Erzieher aus. Beide sind in Althütte, um sich in Erlebnispädagogik fortzubilden. Wichtig für beide: „Der Spaßfaktor!“  Karin streicht heraus, dass einem „das Grundgerüst an Ideen mitgegeben wird, was man später in die praktische Arbeit einfließen lassen kann. Da in der Gruppe Kreativität enormen Stellenwert hat, bleiben feste Schemata außen vor. Dass die zwölfköpfige Gruppe altersmäßig verschieden ist, kann nur von Vorteil sein, sagt Ronny. „Man kann gegenseitig voneinander lernen!“. Karin fügt in Sachen Gruppendynamik an: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden „zurück zum Begreifen gebracht“. Will heißen: Inmitten der Natur, beim Bauen von Iglus, beim Schlittenfahren, beim Hacken von Holz sammeln die Mitglieder des Teams wertvolle Erfahrungen, die im normalen Alltag, in der so genannten zivilisierten Welt, häufig nicht mehr selbstverständlich sind. Karin und Ronny wissen: Erfahren heißt auch „die eigenen Stärken erfahren“, eben auch, weil man eigene Ideen einbringen darf.

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