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„Ohne Erlebnispädagogik wär` ich heut nicht mehr am Leben“

Mittelbayerische Zeitung 31.01.1997


Von Ulrich Trebbin

 

„Ohne Erlebnispädagogik wär` ich heut nicht mehr am Leben“

Outward-Bound-Preis für Kinderzentrum St. Vincent und das KAP-Institut

 

Regensburg. Das Kinderzentrum St. Vincent und das KAP-Institut haben einem Schwererziehbaren auf den Weg in ein normales Leben geholfen. Das Projekt erhielt bei der Fachtagung den Outward-Bound-Preis.

 

Die Erlebnispädagogik gerät immer wieder negativ in die Schlagzeilen. Positive Beispiele dringen weit weniger ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Ein Regensburger Erlebnispädagoge radelte mit dem 15jährigen, schwer erziehbaren Tim (Name geändert) von Marokko nach Regensburg. Ein halbes Jahr waren die beiden unterwegs. Um einen Abenteuer-Urlaub auf Staatskosten handelte es sich eindeutig nicht: „Mit diesem Jugendlichen hätte es damals kaum einer von uns zwei Tage ausgehalten“, sagt der Psychologe Walter Krug bei der Tagung. „Auf  den Betreuer kamen sechs Monate unter höchsten Belastungen zu.“


Die Ausgangssituation von Tim sei alles andere als vielversprechend  gewesen, so Krug. Er hatte mit 15 eine „Karriere“ hinter sich, die alle Hoffnungen auf ein geregeltes, selbstständiges Leben in Verantwortung für sich und andere zunichte gemacht hatte. Er war nicht nur verwahrlost und kriminell, sondern auch freitodgefährdet und musste psychatrisch behandelt werden. Das Jugendamt fand in ganz Deutschland keine Einrichtung für ihn. Nur noch eine Krisen-Intervention konnte den Jugendlichen in dieser ausweglosen Situation retten.


Das Kinderzentrum St. Vincent entschloß sich mit dem KAP-Institut zu einer intensiven Einzelbetreuung (ISE): Der Regensburger KAP-Erlebnispädagoge Peter Alberter begleitete Tim auf der Mountainbike-Tour: In 180 Tagen quer durch die Sahara, über den Atlas und durch Spanien und Frankreich zurück nach Regensburg. „Ein Urlaub war das auch für Tim  nicht“, meint Alberter. „Wir haben vorher einen Vertrag gemacht, dass wir ständig gemeinsam an seiner Persönlichkeit arbeiten und er täglich in sein Tagebuch schreibt.“


„Wenn ich diese Chance nicht bekommen hätte“, sagt Tim heute, „wär ich nicht mehr am Leben.“ Peter Alberter  bestätigt die erhoffte positive Persönlichkeitsentwicklung des Jungen. „Und er hat wieder Perspektiven fürs Leben entwickelt.“ Alberter betont, dass sich der finanzielle Aufwand nicht nur für den Jugendlichen auszahlt, sondern auch für die Gesellschaft und den Steuerzahler. „Ein Tag dieser Maßnahme ist deutlich günstiger als ein Tag im Strafvollzug. Ich will gar nicht davon sprechen, was Tim im Gefängnis alles an kriminellen Strategien gelernt hätte.“


Das Institut für Erlebnispädagogik Lüneburg würdigte am Dienstag die „vorbildlich geplante, durchgeführte und ausgewertete Aktion“ mit dem Outward-Bound-Preis 1996.