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Freiraum für den inneren Druck

Mittelbayerische Zeitung Wochenendbeilage vom 15./16. 02.1997


Von Thomas Kreissl


Freiraum für den inneren Druck

 

Mit dem Mountainbike quer durch die Sahara, durch Spanien und Frankreich: Ein schwererziehbarer Jugendlicher radelte zum eigenen Ich - ein Erlebnispädagoge half und kämpfte mit.

 

Der Junge ist erst 15 Jahre alt, doch sein Leben droht endgültig zu entgleisen. Seine leiblichen Eltern sind vermisst, seine Adoptiveltern überfordert, auf der „Heimkarriereleiter“ ist er ganz oben angelangt und nicht mehr tragbar, und aus der intensiven therapeutischen Gruppe des Regensburger KinderZentrums  St. Vincent ist er in die Bonner Drogen- und Stricherszene ausgerissen. Der letzte Bruch in der bewegten Biografie des schwer verhaltensauffälligen Jugendlichen scheint nicht mehr zu kitten. Tim (Name geändert) hat einen Freitodversuch hinter sich, steht an der Schwelle zur Alkohol- und Drogenabhängigkeit und ist aggressiv gegen sich und andere. Tim zerschlägt Fensterscheiben, ritzt sich mit Rasierklingen die Arme auf und verteilt sein Blut auf den Wänden. Der Junge zeigt den Pädagogen im Kinderzentrum die Grenzen ihrer herkömmlichen Hilfsmöglichkeiten auf.

 

Trotz bundesweiter Anfragen findet sich keine andere Betreuungseinrichtung, die bereit ist, dem Jungen noch eine Chance zu geben. Damit wollen sich aber Anita Kellermeister und Walter Krug vom Kinderzentrum St. Vincent nicht abfinden. Die Diplompädagogin und der Psychologe setzen zusammen mit dem Erlebnispädagogen Peter Alberter und dessen Regensburger KAP-Institut dort an, wo Tim sich noch am ehesten bewegen lässt. Er zeigt Interesse an erlebnispädagogischen Unternehmungen. „Radfahren ist geil“, erinnert sich Alberter, der mit dem Tim schon gearbeitet hat, an dessen Reaktion auf eine Radtour im Rahmen einer Betreuungsmaßnahme.

 

Innerhalb kürzester Zeit entsteht das Konzept  für eine intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung. Der erfahrene Erlebnispädagoge und das Kinderzentrum erarbeiten speziell für den Jungen ein Reiseprogramm mit dem Mountainbike. Ein halbes Jahr lang will Alberter mit Tim von Agadir, Marokko quer durch die Sahara, durch Spanien und Frankreich zurück nach Regensburg fahren. Ziel des Projektes soll direkt nach der Ankunft dort die Aufnahme Tims in eine Außenwohngruppe des Kinderzentrums sein. Tim stimmt zu. Und trotz aller anfänglichen Bedenken übernehmen schließlich die Katholische Jugendfürsorge die Organisation und das Jugendamt die Trägerschaft des Projekts. Die Situation des Jungen ist so prekär, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Nur drei Wochen nimmt die Vorbereitung in Anspruch. Dann sitzen Peter Alberter und Tim im Flugzeug nach Marokko.


Es ist kurz nach Weihnachten, als sie in Agadir aufbrechen. Vor ihnen liegen 5380 Kilometer auf den Mountainbikes, Temperaturen von 40° und mehr in den endlosen Wüsten, Eis und Schnee in den hohen Gebirgen. Beide überwinden die drei Atlasgebirge, durchqueren die Westsahara, quälen sich auf Schotterpisten voran, schieben ihre Räder durch knöcheltiefen Wüstensand und kämpfen sich nach einem überraschenden Schneesturm im  Atlasgebirge mehrere Tage lang durch meterhohe Schneeverwehungen.

 

Tim hält durch. Dabei verlieren das Thema „Ritzen“ und Tims unkontrollierte Aggressionen zunehmend an Bedeutung. Der Junge ist Tag für Tag körperlich gefordert. Er lernt so seinem inneren Druck  Freiraum zu verschaffen. Von den Zigaretten kann er zwar nicht lassen, aber der Alkohol spielt kaum mehr eine Rolle. Von drei Ausnahmen abgesehen trinkt Tim während der Tour nichts. Auf eines ist der Jugendliche aber besonders stolz: Er schafft das Projekt  ohne die für den Notfall verordneten Medikamente.


Kaum fertig wird Tim zunächst mit alltäglichen Notwendigkeiten. So fällt es ihm schwer seine Wäsche rechtzeitig zu reinigen oder in den Packtaschen Ordnung zu halten. Aus Unachtsamkeit verliert er viele seiner Kleidungsstücke. Und schmutzige Unterwäsche oder Strümpfe wirft er anfangs einfach weg. Obwohl darauf angesprochen, sieht er zunächst keinen Sinn darin, sein Verhalten zu ändern. Im Atlasgebirge rächt sich freilich der Verlust. Alberter muss ihm mit Strümpfen als Handschuhersatz aushelfen, um Erfrierungen zu vermeiden. Erst danach beginnt Tim auf Kleidung und Material zu achten.

 

Schon bald bestätigt er allerdings seine Einstellung gegenüber dem Erlebnispädagogen, die er vor der Reise angekündigt hat. „Nichts“, hatte er dabei auf die Frage geantwortet, was er den tun würde, wenn Alberter etwas zustößt. Da nicht er sondern der Erlebnispädagoge für das Reiseprojekt bezahlt werde, könnte er seinen Betreuer „auf der Strasse verbluten lassen.“ Tatsächlich zeigt sich Tim dann auch wenig hilfsbereit, als der Pädagoge an einer Lebensmittelvergiftung erkrankt.


Tim nimmt darauf keine Rücksicht. Vielmehr nutzt er die Hilflosigkeit seines Begleiters aus und versucht, für sich Vergünstigungen herauszuholen. Doch diese Verhalten rächt sich: Er erkrankt selbst und ist auf Alberters Hilfe angewiesen, der jetzt in langen Gesprächen den Hebel ansetzen kann. Mit Erfolg: Als der Erlebnispädagoge wenig später bei hoher Geschwindigkeit mit dem rad stürzt, ist Tim zur Stelle und hilft.

 

Was wäre aber Geschehen, wenn Alberter durch Krankheit oder Verletzung das Projekt hätte abbrechen müssen? „Für diesen Fall muss die Absicherung absolut verlässlich sein“, weiß Helmut Schindler, der Justitiar der Kath. Jugendfürsorge. Er ist dafür verantwortlich, dem Erlebnispädagogen für seine eigentliche Arbeit den Rücken freizuhalten. Schindler kümmert sich um Haftungsfragen, schließt Versicherungen für die beiden ab, nimmt Kontakt zu den deutschen Botschaften auf und sorgt dafür, dass Alberter während des halben Jahres als gesetzlicher Vertreter für den Jungen eingesetzt wird.


„Der Erlebnispädagoge ist ein Seiltänzer und trägt den Jungen auf dem Rücken. Wir halten das Seil und sorgen für ein sicheres Netz darunter“, verbildlicht Walter Krug die Aufgabe des Kinderzentrums während des Reiseprojekts. Zusammen mit Anita Kellermeier ist er als Supervisor der Maßnahme ständig über den Fortgang der Tour informiert. Zweimal wöchentlich  nimmt Alberter mit ihm Kontakt auf. Hier ist außerdem eine Rufbereitschaft eingerichtet, um im Notfall eingreifen zu können. Innerhalb kürzester Zeit könnte ein Pädagoge zum Aufenthaltsort der beiden geschickt werden. Schließlich trifft Krug den Erlebnispädagogen und Tim in Marokko und Frankreich. Über mehrere Tage hinweg wird dabei in langen Gesprächen die aktuelle Situation erörtert und die dringend nötige Distanz zwischen den beiden Reisenden wiederhergestellt.

 

Trotz der ständigen Überwachung des Projekts verspüren die verantwortlichen Pädagogen viel Gegenwind aus der Verwaltung und der wirtschaftlichen Leitung der Jugendfürsorge. Schließlich steht mangels Erfahrungswerten nicht nur das finanzielle Risiko, sondern auch der Ruf der Einrichtung als anerkannter Träger von Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche auf dem Spiel. Obwohl das Projekt letztendlich weniger Geld kostet als die Unterbringung Tims in einer intensiv-therapeutischen Einrichtung wird der Vorwurf laut, hier führe man eine „Exclusivmaßnahme für einen faulen und unmotivierten Jugendlichen“ durch.

 

Tim ist zunächst unmotiviert. Schon am ersten Tag der Vorbereitungsphase auf das Projekt, noch in Regensburg, scheint er alle Vorsätze und Ziele wieder beiseite gelegt zu haben. Anstatt wie vereinbart um 9 Uhr morgens aufzustehen verlangt Tim ein Messer, um sich „ritzen“ zu können: „Sonst schlage ich hier alles zusammen“. Erst unmissverständliche Anordnungen Alberters lassen ich  seine Abwehrhaltung aufgeben. Aber auch in Marokko scheitert Tim immer wieder bei dem Versuch, seinen inneren Schweinehund zu überwinden. Häufig entscheidet er sich morgens für nochmaliges Hinlegen und folgt seinem bereits gestarteten Betreuer erst Stunden später. Zudem gibt es noch viele Tage, an denen er kaum 20 Kilometer schafft, alles hinschmeißen will und über einen möglichen Abbruch nachdenkt.


Doch Tim unternimmt kein einziges Mal einen ernsthaften Versuch, aus der Tour auszusteigen. In langen Gesprächen mit Alberter verliert er sein Ziel, die Außenwohngruppe in Regensburg zu erreichen nie aus den Augen. Mehr und mehr setzt er sich sogar neue Ziele auf diesem Weg. Spanien will er zum Beispiel bis zum 20. März erreichen. Dieses Datum verliert er trotz der Lebensmittelvergiftung nie aus den Augen. Er steht sogar in der Nacht auf, da dann der beständige Gegenwind nachlässt, weckt Alberter und fährt mit nüchternem Magen los.

 

Tim erreicht sein Ziel. Der Jugendliche bewältigt die 5380 Kilometer lange Strecke mit dem Rad. Er beweist sich damit, dass auch er in der Lage ist, besondere Leistungen zu vollbringen. Und er gewinnt an Selbstwertgefühl, Orientierung und Stabilität. Schließlich findet er ein neues Zuhause in der Außenwohngruppe. Tim braucht auch hier weiterhin therapeutische Unterstützung, einen strukturierten Tagesablauf und klare Grenzen. Aber er hat ein neues Ziel: Er möchte den Hauptschulabschluß schaffen und Maurer werden.

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