Abschlussprojekt der Ausbildung Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP des KAP-Institutes Regensburg
„Unterwegs im Burgenland“
Erlebnispädagogisches Projekt von Andreas Richter, Kathrin Herz, Thomas Molnar
14.-18.06.2011
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung / Beschreibung der Einrichtungen
1.1 Kinder- und Jugendheim
1.2 Kinderheim
1.3 Integrative Schülerbetreuung
2. Erlebnispädagogisches Konzept
2.1 Pädagogischer Hintergrund / Idee
2.2 Allgemeine Zielsetzung
2.3 Art der Unternehmung
3. Zielgruppe
3.1 Gruppenzusammensetzung
3.2 Kurzbeschreibung der Teilnehmer
4. Projektverlauf
4.1 Vorbereitung
4.2 Geplanter Projektverlauf
4.3 Tatsächlicher Projektverlauf
4.4 Abschluss
5. Nachbereitung
5.1 Veränderungen bei den beteiligten Kindern
5.2 Reaktionen in der Einrichtung
6. Reflektion
6.1 Besondere Erlebnisse
6.2 Erkenntnisse / Erfahrungen
7. Literaturverzeichnis
8. Anhang
1. Einleitung / Beschreibung der Einrichtungen
1.1 Kinder- und Jugendheim
Das Kinder- und Jugendheim besteht aus einem 3560 qm großen Grundstück und der darauf befindliche Villa, die seit 1960 als Kinderheim genutzt wird. Die Außenanlage bietet vielfältige Möglichkeiten, den pädagogischen Erfordernissen zu entsprechen. Zahlreiche Spiel- und Sportgeräte, Blockhaus, Grillplatz und ein Teich können für sinnvolle Freizeitbeschäftigungen genutzt werden. 2000 -2002 wurden umfangreiche Anbau- und Modernisierungsarbeiten zur Verbesserung der Wohnqualität durchgeführt. Die Einrichtung verfügt über 17 Plätze für Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 18 Jahren. Die Unterbringung der zwei gemischt geschlechtlichen Wohngruppen (8 – 10 Kinder / Jugendliche) erfolgt in Ein- und Zwei-Bettzimmern. Jede Gruppe hat einen eigenen Wohnbereich mit Wohnzimmer, Speiseraum, Küche und sanitären Einrichtungen. Im Anbau befinden sich Therapie-, Fitness-, Entspannungs-, Bastel- sowie Veranstaltungsräume. Zusätzlich wurden zwei Wohneinheiten zur Verselbständigung geschaffen. Großer Wert wird auf gute Zusammenarbeit mit allen Schulen und der schulischen Förderung gelegt. Für unsere Arbeit gilt: Mit allen im Heim zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten soll den aufgenommenen Kindern und Jugendlichen ein ihrer Entwicklung entsprechendes Lern- und Lebensfeld geboten werden, welches herkunftsorientiert zu einer persönlichen wie sozialen Reifung und Selbständigkeit beitragen soll. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, ist ein geplantes und zielgerichtetes pädagogisches Handeln notwendig, welches sich auf alle Bereiche erstreckt, die die Persönlichkeit des jungen Menschen in seiner Gesamtheit fördern. In unserer Einrichtung finden Kinder und Jugendliche Aufnahme, die aus Krisenfamilien oder zerbrochenen Familien kommen, Waisen oder Halbwaisen sind, sexuellen Missbrauch erlebt haben, misshandelt oder vernachlässigt wurden. Häufig sind folgende Störungsbilder erkennbar: Schulschwierigkeiten in Bezug auf Leistungen und Fehlverhalten, Konzentrationsstörungen, Selbstunsicherheit, mangelnde soziale Anpassungsfähigkeit, aggressives Verhalten, Sprachstörungen, Hyperaktivität, Entwicklungsverzögerungen, Minderbegabung oder leichte geistige Behinderung. Jeder pädagogische Mitarbeiter bietet entsprechend seiner Ausbildung, ein umfangreiches Freizeitangebot an. Jedem Heimbewohner wollen wir eine möglichst klare Perspektive eröffnen. Dabei ist die schulische Entwicklung sowie die Förderung von Talenten und Begabungen von entscheidender Bedeutung.
1.2 Kinderheim
Das Kinderheim besteht seit 1951 und ist eine in der Region anerkannte und geschätzte Einrichtung. Kontinuierlich wurde ab 1988 die Kapazität von 60 Plätzen verringert. Heute verfügt die Einrichtung über 12 Plätze für Kinder und Jugendliche beider Geschlechter mit defizitären Entwicklungsstörungen und / oder Verhaltensauffälligkeiten. Vorrangig werden Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 6 und 16 Jahren aus dem Landkreis, für die ein Hilfebedarf nach den Bestimmungen der §§ 34 und 42 KJHG vorliegt, aufgenommen. Sondergenehmigungen für jüngere Kinder erteilt das Landesjugendamt im Ausnahmefall, z.B. bei Geschwistern. Wir versuchen, den Kindern ein familiäres Umfeld als Lebens- und Handlungsmodell anzubieten, dies bedeutet eine Vertrauensbasis durch Bezogenheit, Intimität und Sorge zu schaffen. Für uns ist es selbstverständlich, täglich auf gesunde Ernährung und die Sorgfalt der Hausaufgabenpflicht zu achten. Ebenso legen wir gesteigerten Wert darauf, jedes Kind in den Bereichen zu unterstützen, in dem es Talente besitzt, denn wir erachten es als wichtig ihnen Erfolgserlebnisse aufzuzeigen. Mittlerweile sind Naturtage zu einem festen Bestandteil meiner Arbeit geworden. Die Gruppe verlangt danach, regelmäßig die Natur zu erforschen, in und von ihr zu lernen. Des Öfteren verbringen wir eine Nacht im Zelt auf einer Waldlichtung. Bei unseren Naturtagen konnte ich immer wieder meine Erfahrungen aus den Lehrgängen einfließen lassen, alle Kinder hatten Spaß dabei, einen Pizzaofen zu bauen, „Räuber und Gendarm“ zu spielen und vieles mehr zu erleben. Diese Ausflüge sind, neben der jährlichen Urlaubsfahrt ins In- oder Ausland immer wieder Höhepunkte, welche die Kinder genießen und ausleben können.
1.3 Integrative Schülerbetreuung
Die Integrative Schülerbetreuung für Menschen mit geistiger Behinderung richtet sich in ihrem Angebot an schulpflichtige Kinder im Alter von 6-14 Jahren, unabhängig ob mit oder ohne Beeinträchtigungen. Die Einrichtung besteht seit Oktober 2003 und ist in einer vollsanierten Villa mit großem Garten im Stadtzentrum untergebracht. Derzeit besuchen 46 Kinder die Einrichtung, davon 10 mit diagnostizierten Behinderungen und / oder starken Verhaltensauffälligkeiten. Zentrales Anliegen der Integrativen Schülerbetreuung ist die Förderung der Partizipation von Kindern am Leben in der Gesellschaft. Die Hauptaufgaben umfassen die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung, Bildung von Anfang an, die Stärkung der sozialen Mitverantwortung, Diversität und Integration, die Kontextorientierung sowie die Interdisziplinarität mit allen am Prozess Beteiligten (z.B. Eltern / Familie, Lehrern, Therapeuten, Ärzten). Der individuelle Hilfebedarf der Kinder macht eine breigefächerte Qualifikation des pädagogischen Teams erforderlich. Derzeit sind eine Dipl. Heilpädagogin, ein Motopäde, eine Erzieherin, ein Heilerziehungspfleger und eine Studentin angestellt.
2. Erlebnispädagogisches Konzept
2.1 pädagogischer Hintergrund / Idee
„Jeder Mensch ist einzigartig und unverwechselbar. Daher ist es normal verschieden zu sein!“
(Grundsatzprogramm der Lebenshilfe)
Viele Kinder, die in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht sind, haben häufig Ängste, Misserfolge, Ausgrenzung und andere negative Eindrücke erleben müssen. Oft werden diese Eindrücke noch verstärkt, wenn die Kinder geistige und/oder körperliche Beeinträchtigungen haben. Um die Normalität dieser Verschiedenheit besser zu erkennen, ist es unerlässlich,
Kinder in ihrer Ganzheitlichkeit zu betrachten, d.h. jedes Kind in seiner ganzen Persönlichkeit zu akzeptieren und zu respektieren, sein Selbstwertgefühl nachhaltig zu stärken, bedürfnisorientiert sich individuellen Entwicklungsmöglichkeiten zu erschließen, lebensweltorientiert zu agieren und zu partizipieren. Sich an den Ideen der Kinder zu orientieren, die Heranführung an die eigenständige Entwicklung kreativer Problemlösungs- und Handlungsstrategien ermöglicht den Kindern, sich selbst als Akteure in ihrer Umwelt zu erleben.
Erlebnispädagogik beinhaltet all diese pädagogischen Schwerpunkte und bildet damit ein mögliches Instrument, Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig zu stärken.
Vor diesem Hintergrund entstand die Idee eines Kooperationsprojektes mit Teilnehmern aus verschiedenen Einrichtungen. Aufgabe der Kinder war es, innerhalb kürzester Zeit Wege und Möglichkeiten der Kommunikation zu suchen und zu finden, die es ihnen ermöglichen, als Team zu agieren. Besonders die Teilnahme von Kindern mit geistiger Behinderung stellte eine große Herausforderung an das gesamte Teilnehmerfeld dar, hatten doch die wenigsten bisher Kontakte zu diesem Personenkreis gehabt.
Der Schwerpunkt des Projektes sollte nicht nur auf der Beziehungsebene liegen, sondern den Kindern verschiedenste Möglichkeiten planerischen Handelns im individuellen, aber auch auf Teamebene aufzuzeigen. Physische Herausforderungen, gepaart mit kognitiven Leistungen sollten den Teilnehmern Lust auf Naturerleben machen und sie für Aktivitäten, fernab von Internet und Play Station sensibilisieren.
2.2. allgemeine Zielsetzung
Wir haben uns das Hauptziel gesetzt, Anregungen zu schaffen, die es den Kindern ermöglicht, sich nachhaltig positiv in ihrer Persönlichkeit zu entwickeln. Hierzu gehört:
- Erhöhung sozialer Kompetenzen durch die Förderung der Selbstwahrnehmung und Reflexionsfähigkeit
- Entwicklung und Förderung der Interaktivität
- Entwicklung von Eigeninitiative, Spontaneität, Kreativität, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein
- Förderung der Kooperations-, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit
- Verbesserung der Handlungskompetenzen
aber auch:
- Herantasten an Grenzsituationen ohne Überforderung
- Naturerleben unter Einbeziehung verschiedener Medien
2.3. Art der Unternehmung
Das Projekt sollte genau fünf Tage dauern und eine Kombination aus Erlebnisradtour, Wanderung und Schlauchboottour mit erlebnispädagogischem Hintergrund sein. Diese Aktionen verknüpften wir mit dem, was die Region auszeichnete:
- Radtour zu ausgewählten Burgen
- Wanderung über den Napoleonstein zur Benndorfer Heide
- Schlauchboottour über die Saale
Sie sollte im Zeitraum von Dienstag, den 14. Juni 2011 bis Samstag, den 18. Juni 2011 stattfinden.
Die Durchführungsorte müssen wir differenziert betrachten, da wir jeden Tag unterwegs waren:
1. Tag: Campingplatz Naumburger Blütengrund
2. Tag: Campingplatz Blütengrund, Erlebnisradtour (Naumburg – Bad Kösen – Saaleck und zurück)
3. Tag: Campingplatz Blütengrund, Wanderung durch das Saale-Unstrut-Tal über Napoleonstein zur Benndorfer Heide
4. Tag: Benndorfer Heide, Wanderung nach Großheringen, Fahrt über Saale mit dem Schlauchboot
5. Tag: Campingplatz Naumburger Blütengrund
3. Zielgruppe
3.1. Gruppenzusammensetzung
Bei der Planung des Projektes machten wir uns Gedanken über die Größe und Zusammensetzung der Gruppe. Da ein Betreuungsschlüssel von 1:3 für unser Vorhaben mit verhaltensauffälligen und defizitbehafteten Kindern Voraussetzung war, wählten wir eine Gruppenstärke von 9 Teilnehmern im Alter zwischen 8 und 12 Jahren aus. Zusätzlich nahm der Sohn einer Projektleiterin teil. Unsere Gruppenanzahl von 10 Kindern haben wir bestimmt, da wir viel unterwegs sein würden und so der Sicherheitsaspekt auf Straßen und Flüssen an erster Stelle stehen sollte. Die Teilnehmer wurden aus drei unterschiedlichen Einrichtungen ausgewählt. Die Entwicklungs-, Sozial- und Verhaltensauffälligkeiten sind sehr unterschiedlich und für einige ist das Einnehmen von Tabletten unabdingbar. Wir haben versucht, auch schwächere Kinder einzubeziehen, um ihr Selbstvertrauen und ihre Wahrnehmung für Grenzerfahrungen zu stärken. Für uns als Leiter stellte die Zusammensetzung der Gruppe eine gewisse Herausforderung dar, da jeder nur mit einem Drittel der Kinder vertraut war.
3.2. Beschreibung der Teilnehmer/innen
„Kinder sind wie Muscheln am Strand, man muss sich erst bücken, um ihr einzigartiges Sein zu erkennen...“
Aus dem Kinder- und Jugendheim
Kevin J. (9)
lebt seit 1 Jahr im Heim und besucht die Förderschule. Er ist in erster Linie ruhig und unauffällig. Er hat es schwer, seinen Platz innerhalb der Gruppe zu behaupten. Oft verschwinden Dinge aus Räumen, die er betrat. Er braucht viel Bewegung, ist aber keine Sportskanone. Kevin hat keine Möglichkeit, seine Eltern zu besuchen.
Martin P. (11)
lebt seit knapp 2 Jahren im Heim und besucht die 4. Klasse der Grundschule. Er ist aufgeschlossen gegenüber Abenteuern und ist schnell für eine Planung und Umsetzung zu begeistern, allerdings muss er bei der Durchführung ständig motiviert werden. Besonders im Dunkeln ist er ein Angsthase und versucht das mit seinem großen Mundwerk zu kompensieren. Martin verliert nicht gern und es mangelt ihm an Teamgeist.
Benjamin D. (10)
lebt seit 1 ½ Jahren in der Einrichtung und besucht die 3. Klasse der Förderschule. Allein oder in Kleingruppen ist Benjamin gut steuerbar und leicht zu motivieren. Er verschafft sich nicht nur mit seinem Mundwerk Gehör bei den Mitbewohnern, sondern setzt, wenn es nötig wird auch seinen Körper ein.
Aus dem Kinderheim
Lars D. (11)
lebt seit 3 Jahren in der Einrichtung und besucht die 4. Klasse der Grundschule. Er ist sehr wissbegierig, interessiert und zu allem schnell zu begeistern. Dennoch mangelt es ihm an Durchhaltevermögen. Häufig versucht er negativ im Mittelpunkt zu stehen, sei es durch Bocken oder Zerstörungswut als Folge von Trotzreaktionen. Er ist kritikschwach und kann sich nur schwer sozial anpassen. Da er sich ständig in Unruhe befindet, ist es sehr schwer, ihn zu einem normalen Spielverhalten zu bringen. Er braucht viel Bewegung vor allem in der Natur. Für Lars wird derzeit eine Pflegefamilie gesucht.
Georg R. (12)
lebt seit 3 ½ Jahren im Kinderheim und besucht die Förderschule. Er ist ein eher ruhiger Junge, der unter starken Selbstzweifeln leidet. Er beteiligt sich gern an Gruppenvorhaben, braucht aber immer wieder emotionale Impulse durch den Erzieher. Für ihn ist es wichtig, von den anderen Kindern ernst genommen zu werden. Er leidet unter erheblichen Sehstörungen (25% Sehkraft) des linken Auges.
Sebastian M. (12)
lebt seit 4 ½ Jahren in der Einrichtung und besucht die Förderschule. Er ist, trotz seiner egoistischen Art in der Gruppe beliebt, sucht aber immer die Nähe der Erwachsenen. Sebastian entgeht nichts. Er wirkt oft belehrend, altklug, imitiert Erwachsene. Er genießt jegliche Art von Ausflügen, er möchte nichts verpassen. Allerdings darf es nicht zu anstrengend sein, die Frage nach der Fortbewegung spielt dabei eine große Rolle. Sebastian ist wenig belastbar, es fehlt ihm an Geschick und Ausdauer. Sebastian hat sehr starke Berührungsängste. Auch leidet er unter erheblichen Sehstörungen (25% Sehkraft) des rechten Auges.
Herbert P. (12)
ist mein Sohn und ein aktiver und sportlicher Junge, der sich die meiste Zeit in der Natur aufhält und viel über sie weiß. Angeln, Treibjagden, Bogenschießen, Quad fahren und Tiere aller Art zählen zu seinen Interessen. Er züchtet bspw. Zwergkaninchen und verkauft sie im Zooeck oder trägt am Wochenende mit seinen großen Geschwistern Zeitungen aus, um sein Taschengeld aufzubessern. Er besucht die 6. Klasse der Sekundarschule und bewegt sich im guten Mittelfeld. Da er sehr selbständig ist und sich in allem gut auskennt, war er eine gute Ergänzung für die Gruppe.
Aus der integrativen Schülerbetreuung
Silvan T. (12),
adipös, besucht die 6. Klasse der Förderschule für geistig Behinderte. Er besitzt starke Intelligenzminderung, gestörte Merk- und Konzentrationsfähigkeit und weit unterdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten. Er ist neugierig, ängstlich und situationsunangepasst in seinen Bewegungsabläufen. Er geht neugierig auf Menschen zu.
Fabian M. (10)
besucht die 4. Klasse der Förderschule für geistig Behinderte. Auffallend ist eine kombinierte Entwicklungsverzögerung der Motorik, Sprache und Konzentration; Intelligenzminderung, Mikrozephalie, emotionale und soziale Vernachlässigung. Er ist sportlich, begeisterungsfähig und tritt schüchtern und gehemmt Erwachsenen gegenüber.
Jan D. (8)
mit ausgeprägter ADHS-Symptomatik besucht die 2. Klasse der Förderschule. Er ist ein Einzelgänger mit großem Interesse an Bau- und Konstruktionsaufgaben. Jan ist ein „Naturmensch“, schmächtig, besserwisserisch mit spontaner Neigung zu Aggressionen. Er trägt eine Brille.
„Die Natur will, dass die Kinder Kinder seien, ehe sie Erwachsene werden. Wollen wir diese Ordnung umkehren, so werden wir frühreife Früchte hervorbringen, die weder Saft noch Kraft haben: jugendliche Greise und greise Jugendliche.“
- Jean Jacques Rousseau
4. Projektverlauf
4.1. Vorbereitung
Erste Gedanken machten wir uns im April 2010 im Kurs „Anleitung zur Praxis“ und verteilten langfristige Aufgaben. Klar war uns aber schon, welche Kinder an unserem Vorhaben teilnehmen würden. Ebenso stand der Zeitpunkt fest. Noch im April legten wir einen Termin fest und trafen uns im Oktober bei Thomas, um an der Projektplanung zu arbeiten. Wir erstellten einen Flyer, Kostenkalkulationen, Einverständniserklärungen, Notfallplan, Packliste, ein Belehrungs- und Regelwerk und klärten die verschiedenen Örtlichkeiten ab.
Bis März hatten wir genügend Zeit, unser Projekt der Geschäftsleitung, dem Jugendamt, Eltern und möglichen Sponsoren vorzustellen.
Es konnte nicht schaden, schon etwas Geld zu sammeln. Auch die Kinder sollten sich kreativ an diesem Vorhaben beteiligen. Mit den Teilnehmern in unseren Einrichtungen haben wir diverse Spenden gesammelt, indem wir in den jeweiligen Orten durch die Geschäfte zogen und uns Unterstützung erbeten haben, welche wir in Form von Spielzeug und anderen kleinen Präsenten erhielten. Diese Gaben nutzten wir als Spielmaterial und sie ermöglichten uns, jedem Kind eine kleine Aufmerksamkeit zum Abschluss zu geben. So wurden uns beispielsweise Werbeartikel als Spende zugeschickt. Eine Apotheke, mit welcher das Kinderheim schon jahrelang zusammenarbeitet, unterstütze uns mit Materialien. Außerdem stellte ein Tischler Frühstücksbrettchen für jedes Kind her die mit ihren Namen graviert wurden, sodass jeder noch eine persönliche Erinnerung erhalten konnte. Ein Lions Club sponserte kurz entschlossen nach Vorstellung des Projekts 250,00 €, die Lebenshilfe gab 250,00 € dazu und nicht zuletzt hat uns eine freundliche Frau eine Geldspende von 250,00 € übergeben, bedauerlicherweise möchte sie anonym bleiben. Sie bekommt aber eine Bilder-CD unserer Projektarbeit, damit sie nachvollziehen kann, wozu ihr Geld verwendet wurde. Ein Rettungsschwimmer bot sich an, uns kostenlos bei der Schlauchboottour zur Verfügung zu stehen. Kosten für die Essen sollten über das Verpflegungsgeld der Kinder abgedeckt werden.
Ostersonntag (24./25.04.11) wanderte Kathrin mit den Kindern des Jugendheimes die Strecke bis zur Jagdhütte ab und übernachtete im Wald. Den Weg markierten wir mit roten Bändern. Eine Kollegin wanderte am nächsten Tag zurück. Schon das das war ein kleines Highlight für die Kinder.
Der Mountainbikekurs vom 26.-29.06.11, an dem Andreas und Kathrin teilnahmen, stellte eine gute Ergänzung dar.
Vom 08.-10.06.11 trafen wir uns zur Feinabsprache. Die geplante und von uns zuvor abgefahrene Bike-Tour sollte 20 km betragen. Ebenso fuhren wir mit den Rädern bei starkem Regen zur Jagdhütte, um die Örtlichkeit näher zu erkunden. Die Situation ohne Toilette und fließend Wasser im Wald war in der Vorbereitung innerhalb unseres Teams spannend hin und her bewegt worden. Es gab nur einen Spaten und eine ungefähre Richtungsangabe, wo man im Wald seine Geschäfte verrichten könne. Es ging uns darum, die Natur ganzheitlich zu erleben.
Die letzten Absprachen erfolgten mit den Kollegen des Kinderheimes, die mit dem Kleinbus bereit stehen würden, falls ein Kind oder Erwachsener erkrankt. Eltern und Kollegen halfen den Kindern beim Packen. Mit Kribbeln im Bauch waren wir bereit für die kommende Woche.
4.2. Geplanter Projektverlauf
Dienstag, 14.06.11 – Errichtung des Basislagers, Kennenlernen, Projektvorstellung
- 13.00 Uhr – Treffpunkt aller Teilnehmer an der Lebenshilfe in der Friedensstraße in Naumburg, Verladen des Gepäcks und der Fahrräder – Andreas fährt, Kathrin und Thomas wandern mit allen Kindern zum Blütengrund, kleiner Imbiss
- 14.30 Uhr – Vorstellung und Kennenlernen der Teilnehmer, Projektleiter und der Woche, Verteilung der Zuständigkeiten, Erstellung des Speiseplans sowie Belehrung
- 15.30 Uhr – 3 Kinder fahren mit Andreas einkaufen, während der Rest gemeinsam des Basislager errichtet
- 17.00 Uhr – Zubereitung des Abendessens, kleine Spiele für den Rest der Gruppe
- 18.00 Uhr – Abendessen, Abwasch
- 19.00 Uhr – Kontrolle der Fahrräder für den nächsten Tag
- 21.00 Uhr – erste Reflektionen, Gruppentagebuch, danach gemeinsames Zähne putzen
- 22.00 Uhr – Nachtruhe
Mittwoch, 15.06.11 – Erlebnisradtour ca. 20 km
- 8.00 Uhr – Wecken, Waschen, Aufräumen, Vorbereiten des Frühstücks
- 8.30 Uhr – Frühstück, Vorstellung des Tagesplans, Tagesrucksack packen
- 9.00 Uhr – Warm-up
- 9.30 Uhr – 5-Punkte-Check der Fahrräder
- 9.45 Uhr – Beginn der Tour auf dem Radwanderweg mit zwei Zwischenstopps für Kooperationsaufgaben (Fahrradtausch, Gleichgewichts- und Partnerfahren)
- 11.30 Uhr – Andreas und Kathrin fahren mit den „Arnolds“ die schwierigere und Thomas mit den „Häschen“ die leichtere Strecke durch den Schulpfordaer Wald
- 12.00 Uhr – Pause an der Kloppstockquelle, Wasserspiele
- 12.45 Uhr – wir fahren nach Schulpforte (ca. 500 m), Gruppenfoto
- 13.00 Uhr – Weiterfahrt nach Bad Kösen – Saaleck
- 14.30 Uhr – an der Blockhütte unterhalb der Rudelsburg machen wir Rast – es gibt einen Imbiss
- 15.00 Uhr – wir stellen unsere Räder ab und wandern zur Burg Saaleck
- 15.45 Uhr – Blinde Karawane, Aufstieg auf die Burg
- 16.00 Uhr – Reflektion auf dem Turm
- 16.30 Uhr – Abstieg, Eintragen ins Gästebuch, Gruppenbild fürs Gästebuch, anschließend Wanderung zurück zur Blockhütte
- 17.15 Uhr – Rücktour mit den Rädern zum Blütengrund, Zwischenstopp am Bahnhof in Bad Kösen (Fahrkarten für Freitag lösen)
- 18.30 Uhr – das Kinderheim besucht uns zum gemeinsamen Grill- und Spieleabend
- 20.30 Uhr – während ein Teil der Gruppe abwäscht, räumen die anderen rund um das Lagefeuer auf
- 21.00 Uhr – Auswertung des Tages, Gruppentagebuch, danach Duschen und Zähne putzen
- 22.00 Uhr – Nachtruhe
Donnerstag, 16.06.11 – Wanderung auf die Jagdhütte zur Benndorfer Heide ca. 14 km
- 8.00 Uhr – Wecken, Waschen, Vorbereitung des Frühstücks
- 8.30 Uhr – wir besprechen beim Frühstück den Tagesablauf und bereiten unsere Wegzehrung zu, anschließend helfen alle gemeinsam beim Abräumen, Abwaschen, Wasser holen etc.
- 9.30 Uhr – Warm-up, anschließend gemeinsames Packen der Wanderrucksäcke, lesen der Wanderkarte
- 10.30 Uhr – Toilettengang, danach gehen wir auf Wanderschaft – bis nach Roßbach (ca. 2 km) kleine Spiele zwischendurch
- 11.30 Uhr – erste Raststation in Roßbach, Kathrin besorgt im Mios das Abendessen, Kooperationsaufgabe auf dem Roßbacher Spielplatz,
- 13.00 Uhr – wir wandern ca. 1 km unterhalb der Weinhänge weiter bis nach Almrich , gehen durch das „Tal des Schweigens“ und durchstreifen ca. 2 km eine sehr reizvolle Naturlandschaft
- 14.30 Uhr – zweite Raststation am Napoleonstein, Gruppenbild
- 15.15 Uhr – auf den Spuren der Pilger – ca. 4 km bis zur nächsten Raststation werden mit kleinen Spielen wie Partner führen überbrückt
- 16.45 Uhr – dritte Raststation in Punschrau, hier werden wir die Wasserflaschen nachtanken und hier ist die Kreativität der Kinder ist gefragt
- 17.15 Uhr – Motivationen der Teilnehmer für die letzten 5 km bis zum Ziel
- 19.00 Uhr – angekommen und ausgeruht werden die Kinder in drei Gruppen aufgeteilt, um verschiedene Aufgaben zu erledigen (Biwak Aufbau mit Andreas, Feuerholzsuche und Errichtung des Lagerfeuers mit Kathrin, Essenszubereitung mit Thomas)
- 20.00 Uhr – Essen am Lagerfeuer, Austausch mit den Kindern über die Wanderung, Gespräche untereinander, gemütliches Zusammensein, Erkunden der Umgebung
- 21.45 Uhr – Katzenwäsche und Zähne putzen
- 22.00 Uhr – Nachtruhe – alle schlafen im Biwak
Freitag, 17.06.11 – Wir sitzen alle in einem Boot.....
- 8.00 Uhr – Wecken, Zähne putzen Vorbereiten des Frühstücks
- 8.30 Uhr – Frühstück, Abbau des Biwaks, Sachen packen, Aufräumen
- 9.15 Uhr – Frage nach den Befindlichkeiten, Reflektion (Metaplan)
- 9.30 Uhr – Verlassen des Lagers, Wanderung nach Poppel (ca. 2 km), um das Gepäck unterzustellen, Auffüllen der Wasserflaschen
- 11.00 Uhr – Wanderung nach Großheringen ca. 2 km, Zwischenstopp auf dem Rehehäuser Berg mit Blick auf die Rudelsburg und Burg Saaleck, Pyramidenbau als Kooperationsaufgabe
- 12.43 Uhr – Wir fahren mit dem Zug nach Bad Kösen (ca. 5 min.), nehmen am Bahnhof einen kleinen Imbiss ein und gehen zur Anlegestelle am Campingplatz
Unser Notfallplan, falls ein Kind keine Genehmigung zur Bootsfahrt erhält: Andreas wird mit dem Zug und den betroffenen Kindern weiter bis nach Naumburg fahren und sich um das Lagerfeuer kümmern.
- 14.00 Uhr – sitzen wir alle in einem Boot....Zwischenstopp zum Baden und Spielen
- 17.00 Uhr – Ankunft im Naumburger Blütengrund, Reflektion
- 17.30 Uhr – Vorbereitung des Grillabends, Grillschale leihen, Holz sammeln, Stöcker schnitzen – -wieder hat sich das Kinderheim angekündigt und sorgt für Stockbrot
- 18.30 Uhr – fröhliches Beisammensein bei Benok und Knüppelkuchen
- 19.30 Uhr – Spiele mit dem Fahrrad (Slalom, Abschleppen u.a.)
- 21.00 Uhr – Gesamtreflektion, Gruppentagebuch
- 21.45 Uhr – Duschen, Zähne putzen
- 22.00 Uhr – Nachtruhe
Samstag, 18.06.11 – Abbau des Basislagers, Abschluss
- 8.00 Uhr – Wecken, Zähne putzen, Vorbereitung des Frühstücks
- 8.30 Uhr – Frühstück, Abwasch
- 9.30 Uhr – Abbau des Basislagers
- 10.30 Uhr – Abschlussrunde (Reflektion), Verabschiedung
- 11.00 Uhr – Abfahrt
4.3. Tatsächlicher Projektverlauf
1. Tag
Wir trafen uns am Dienstag wie geplant um 13.00 Uhr mit den Kindern an der Lebenshilfe. Andreas reiste mit dem Kleinbus an, Kathrin brachte gegen 11.00 Uhr das Gepäck und kam dann mit dem Trupp und Fahrrad dazu. Thomas stand mit seinen Teilnehmern schon bereit. Nachdem das Gepäck und die Fahrräder verladen wurden, stellten wir uns kurz vor und machten ein Gruppenbild. Kathrin und Thomas wanderten mit der Gruppe zum Blütengrund. Andreas fuhr mit dem Kleinbus. Auf dem Weg zum Campingplatz murrten schon die ersten, weil sie laufen mussten und motzten sich untereinander voll und wir dachten: „Das kann ja heiter werden!“ Zu allem Übel fing es auch noch an, in Strömen zu regnen. Super, genau die richtige Einstimmung, ein Projekt im Freien zu beginnen!
Die Regenzeit nutzten wir, unter einem Carport zu Vespern und uns gegenseitig vorzustellen.
Es nieselte nur noch, als wir endlich unser Lager aufbauen konnten. Das Aufbauen der Zelte klappte relativ gut, da man sich gegenseitig mit Rat und Tat unterstützte. Die Zelte wurden verteilt, die Kinder gemischt. Kevin war nicht gerade erfreut darüber, dass sein Zelt nun den Erziehern zur Verfügung stehen sollte und fing an zu bocken.
Nach der Errichtung des Basislagers stellten wir das Projekt vor und besprachen mit den Kindern Befürchtungen und Erwartungen, die sie und wir an die kommenden Tage stellten. Wir sprachen noch die Zuständigkeiten, einzelne Belehrungspunkte und den Speiseplan durch. Die klare Festlegung des Küchenpersonals, welches für Zu- und Nachbereitung der Mahlzeiten der einzelnen Tage verantwortlich war, ließ keinen Platz für Maulereien, da alles gerecht aufgeteilt wurde. Dann fuhr Andreas mit einer kleinen gemischten Truppe für die Woche einkaufen, der Rest erkundete das Lager und richtete die sogenannte Küche her. Während Herbert, Sebastian und Lars das Abendessen zubereiteten, es gab Nudeln mit Tomatensoße, spielten die anderen Fußball. Die spontan gewünschte Tour noch am Abend des ersten Tages ließ dann auch ein Stück der Anspannung von den Teilnehmern weichen. Wir fuhren mit den Rädern flussab bis nach Schönburg. Da auf dem Rückweg getestet werden musste, welches der Räder nun das schnellste sei, wurden auch einige unserer vorher abgesprochenen Treffpunkte klassisch „überfahren“. Die Auswertung dieser, „im Rausch der Geschwindigkeit“ übertretenen Regeln folgte auf dem Fuß und sollte im Verlauf des Projektes einmalig sein.
Gegen 21.00 Uhr kehrten wir zurück. Erste Reflektionen zeigten uns zufriedene und hochmotivierte Kinder. Herzhaft konnten wir über die Aussagen im Gruppentagebuch lachen.
Nach dem Zähne putzen war 22.00 Uhr Nachtruhe, aber nicht für uns......es dauerte etwa bis 0.30 Uhr bis endlich Ruhe einkehrte.
2. Tag
Das Wecken um 8.00 Uhr war eigentlich nicht nötig, da schon alle Kinder munter waren. Nach dem Toilettengang, Frühstück und Aufräumarbeiten, starteten wir mit einer Morgenrunde und einem Warm-up.
Anschließend setzten wir die Helme auf und stellten uns mit den Fahrrädern in einem Kreis auf. Andreas erläuterte die Betriebssicherheit und wir führten folgenden Bike-Check durch:
- fester Sitz der Räder
- Kontrolle der Pedalen
- richtige Kettenspannung
- richtiger Lenkersitz
- sicher eingestellter Sattel (Höhe, Festigkeit)
An dem einen oder anderen Bike waren noch ein paar Einstellungen zu tätigen.
Die Strecke war ausgewogen. Es gab lange gerade, aber auch kurvenreiche und enge Passagen zu bewältigen.
Um 10.00 Uhr starteten wir ganz entspannt unsere Erlebnisradtour auf dem Radwanderweg. Die ziemlich eintönige Strecke wurde mit Partnerfahren und Fahrradtausch spannend und abwechslungsreich. Im Schulpfortaer Wald teilte sich die Gruppe in die „Arnolds“ (Andreas, Kathrin) und „Häschen“ (Thomas) und fuhr verschieden anspruchsvolle Wege. Die Kloppstockquelle, an der wir uns dann alle wieder trafen, war eine willkommene Erfrischung, da sich unsere knapp bemessenen Wasservorräte dem Ende zu neigten. Es war an diesem Tag sehr schwül und deshalb hatte keines der Kinder ein Problem damit, sich bei den Spielen mal so richtig nass zu machen – auch wir nicht.
Die nächste größere Pause legten wir in Bad Kösen ein. Wir nahmen noch Energie in Form von Eiskugeln zu uns, der eine mehr, der andere noch mehr.....
1,5 Stunden und einem Sturz mit Schürfwunde am Knie später, erreichten wir unser gesetztes Tagesziel, die Burg Saaleck. Hier ging es dann als blinde Karawane mit verbundenen Augen die Stufen bis zur Turmspitze hinauf. Alle Kids waren dabei sehr diszipliniert und hielten die Augenbinden solange auf, bis auch der letzte unserer Gruppe die ausgetretene Holztreppe überwunden hatte. Auf der Aussichtsplattform wurden sie dann so positioniert, dass jeder für sich einen atemberaubenden Ausblick genießen konnte. Nach dem Abnehmen der Augenbinden überschlugen sich die Eindrücke der Kinder: „Boa, Alter ist das krass!“, „Oahh!“, „Hammer Aussicht!“, „...na, da hat sich ja die Anstrengung hier her wirklich gelohnt......“. Nach etwa 15 Minuten setzen wir uns gleich auf dem Turm in einen Kreis und reflektierten. So konnte jeder seine Eindrücke ohne störende Bewunderungsschreie wiedergeben.
Unsere Rücktour sollte nicht so pannenfrei sein wie die Hintour. Trotz unseres gründlichen morgendlichen Checks der teilweise nagelneuen Räder, lösten sich während der Fahrt Schrauben vom Schnellspanner des Vorderrades sowie Schrauben, die zur Befestigung der Bremsanlage vorgesehen waren. Ein Kettenumwerfer wurde von einer Speiche so mitgezogen, dass er sich an den hinteren Zahnkränzen verkeilte und ein Pedal benötigte ausreichend Zuwendung, da es sich immer wieder löste. Selbstverständlich hatten wir auch noch einen „Plattfuß“ zu beheben. Aber mit Hilfe des richtigen Werkzeugs und dem Wissen aus dem Mountainbike-Kurs kamen wir wenigstens ans Ziel. Besonders bemerkenswert war das Interesse der Kinder. Die Jungs versuchten erst selbst zu diagnostizieren und zu reparieren. Letztendlich hatten wir immer super interessierte und motivierte Handlanger um uns herum. Die Nachzügler, die durch einige Anstiege weit zurück fielen wurden von den Teilnehmern regelmäßig ermutigt und angefeuert. Das machte ihnen Mut und sie hatten in keiner Situation das Gefühl, die „Bremsen“ der Nation zu sein. Selbst unsere „Großmundbesitzer“ zeigten Teamgeist und feuerten mit an.
Als wir gegen 18.00 Uhr zum Blütengrund zurückkehrten wartete schon die Gruppe aus dem Kinderheim mit Würstchen zum Grillen. Wir veranstalteten mit unseren Gästen anschließend einige Kistenspiele. Nach dem Duschen führten die Kinder das Gruppentagebuch. 22.00 Uhr war Nachtruhe und alle schliefen sofort ein.
3. Tag
Unser Ziel am Donnerstag war ein Waldstück in der Benndorfer Heide. Die Wegstrecke dahin umfasste ca. 14 km. Am vorherigen Tag gewannen wir einen Einblick in die konditionelle Verfassung der Kinder. So konnten wir uns seelisch und moralisch auf streikende und von Unlust befallene Teilnehmer vorbereiten. Gut gesättigt, mit gepacktem Rucksack und ausreichend Proviant starteten wir am zeitigen Vormittag zu unserer Wanderung. Da sich einige Schlafutensilien in einer von uns zugänglichen Hütte befanden, musste nicht jeder seinen Schlafsack mitnehmen.
Unsere erste Pause legten wir in der Nähe von Roßbach, direkt unterhalb einer Saalebrücke ein. Hier hatten wir die Möglichkeit, unsere Füße zu kühlen, Frösche zu fangen und im Schatten zu entspannen.
Unsere Wanderroute führte an einem Großmarkt vorbei. Dort kauften wir unsere Verpflegung für den geplanten Grillabend im Wald. Auf einem nahe gelegenen Spielplatz beschäftigten wir uns mit kooperativen Problemlöseaufgaben (Paar-Verknotungen). Es war festzustellen, dass es zu Beginn der Aufgabe fast immer nur einen „Denker und Tester“ gab und ein Partner abwartete und still hielt. Nach knappen 10 min. und einer gefühlten halben Stunde für die Beteiligten, war dann auch der zweite Partner voll involviert.
Während die Zuschauer des Spektakels warten mussten, versuchte plötzlich einer der Jungs, die herumliegenden Äpfel in die unter einem Baum stehende Mülltonne zu werfen und inszenierte eine gruppendynamische Problemlösungsaufgabe. Das löste einen Wettkampf aus. „Wer trifft die Tonne aus der weitesten Entfernung?“ Nach kurzer Zeit lagen nur noch wenige Äpfel auf dem Boden.
Unser nächstes Etappenziel war der Napoleonstein. Bis dorthin liefen wir auf der regionalen Weinstraße entlang, durchzogen Gärten an Weinbergen und durften uns, auf Geheiß des Besitzers, auf seiner Kirschplantage so richtig satt essen. Um das stupide nebeneinander herlaufen interessanter zu machen, wurde das „Tal des Schweigens“ ausgerufen. Jeder zweite setzte sich auf der letzten Steigung vor der Plantage eine Augenbinde auf und musste sich führen lassen. Beide Partner durften sich dabei nicht unterhalten. Nach ca. 100 m unwegsamen Geländes wechselten dann beide ihre Rollen. Zu erkennen waren dabei wieder die „Großmundbesitzer“. Es waren diejenigen, die nicht in der Lage waren, ohne zu schummeln diesen Abschnitt zu überwinden. Die Angst zu fallen, sich zu blamieren oder sich ungewollt zum Kasper zu machen war so groß, dass sie kein Vertrauen in ihren Partner aufbauen konnten.
Am Napoleonstein angekommen hatten wir eine wundervolle Aussicht. Wir konnten die gestern gefahrene Route noch einmal von einer anderen Sichtweise betrachten. Hier eröffnete sich für einige noch mal auf einen Blick die komplette Wegstrecke, die sie gemeistert hatten.
Nach einer kurzen Verschnaufpause und einem Gruppenfoto, setzten wir unsere Wanderung fort. Bisher gab es schon zwei „Blasen-Opfer“. Das veranlasste uns, deren Gepäck auf uns alle zu verteilen. Silvan T. wuchs an diesem Tag über sich hinaus. Er war eines der „Blasen-Opfer“. Tapfer stellte er sich trotz Schmerzen jedem Hügel, jedem Gelände. Zur Beruhigung der Nerven gab es ausreichend Kirschen. Das Verhältnis: 1 Schmerz = 1 Kirsche.
Einige Jungs hatten die Idee, aus ihrem Wasser Kirschwasser zu zaubern, welches so eklig schmeckte, dass sie ihre Wasservorräte wegschütteten. Die Kinder, die noch Wasser hatten teilten sehr sozial mit denen, deren Flaschen nun leer waren. In Punschrau angekommen bestand die Aufgabe darin, die Wasserflaschen mit Hilfe freundlicher Dorfbewohner zu füllen. Nach anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten meisterten alle die Aufgabe ganz gut und waren stolz auf sich.
Es lagen die letzten 4 km vor uns und der Himmel kündigte sinnflutartige Regenfälle an. Wir hatten zwar an Wechselwäsche gedacht, aber die Wolkenwand würde aller Wahrscheinlichkeit auch diese in unseren Rucksäcken durchnässen. In dieser Situation kam uns ein Traktorfahrer wie gerufen. Nach kurzem Abwägen und in Anbetracht der Tatsache, dass komplett nasse Kleidung der Stimmung deutlich zusetzen und einige total überfordern würde, nutzen wir die Gelegenheit aus und ließen uns das letzte Stück auf einem offenen Anhänger chauffieren. In der abendlichen Reflektionsrunde wurde diese Fahrt von einigen Kindern als das Tageserlebnis beschrieben.
Um uns für diese Fahrt zu revanchieren, flitzten eine Abordnung der Kinder durch den Wald und luden den kompletten Anhänger voll mit Holz. Einige andere wurden mit dem Feuermachen betraut, aber nicht mit herkömmlichen Mitteln. Ein Feuereisen wurde dafür benutzt. Es dauerte zwar deutlich länger bis der Zünder in Flammen aufging, aber es hatte den Anschein, dass dieses Feuer viel heißer brannte... Während dieser Arbeiten spannten wir Planen für unser BIWAK auf und bereiteten unser Nachtlager vor. Wir legten eine zusätzliche Plane auf den Boden, um vor Bodenfeuchtigkeit geschützt zu sein.
Die Jungs liefen noch bis zum Einbruch der Dunkelheit, um Holz für den Anhänger zu sammeln. Martin P., welcher der größte Angsthase der Truppe war, wuchs über seine Grenzen hinaus. Wohl wissend, dass er für das Beladen des Anhängers mit eingeteilt war, reinigte er aber die Feuerstelle bis auf den letzten Krümel. Bis dahin wurde er bereits zweimal aufgefordert, Holz aus dem Wald zu holen. Nun fing er an, Holzstücke neben der Feuerstelle der Länge nach zu sortieren. Erst als ihm der Hinweis gegeben wurde, dass man auch zu zweit auf die Suche gehen kann, ging er mit – bis zum Waldrand. Dort nahm er dann das Holz entgegen und brachte es zum Anhänger. Kurze Zeit später meldete er sich lautstark in den Wald ab, denn dort lag ein sehr großer Baumstamm, der nicht alleine getragen werden könne und er müsste helfen. Das war für ihn der Punkt, an dem er seine Angst überwunden hatte. Von nun an war er kaum noch zu bremsen und marschierte auch alleine durch die Dunkelheit.
Der Starkregen hatte eingesetzt und wir fanden unter dem Vordach der Hütte Schutz, wo wir auch das leckere Abendbrot mit Rostbrätel genossen. Für die Jungs war der Toilettengang kein Problem, der Spaten war öfters als vermutet verschwunden und stand kurze Zeit später wieder an seinem Platz.
Am späten Abend zeigte uns Kevin J. etwas Besonderes. Er öffnete seine Hand und zeigte uns ein eingefangenes Glühwürmchen. Schnell hatte sich eine Traube um uns gebildet, denn das war nicht nur für uns etwas Neues und Unbekanntes. Er wurde ausgefragt, wo und wie er dieses Würmchen gefangen hat. Er war sehr stolz und fühlte sich in der Gruppe anerkannt. Generell hat er Schwierigkeiten, schnell mit unbekannten Kindern und Erwachsenen locker und ungehemmt in Kontakt zu treten.
In dieser Nacht rückten alle etwas näher zusammen, nicht jedem waren die Geräusche im Wald geheuer. Es hörte auch bald auf zu regnen und die Glühwürmchen tanzten in und um unser BIWAK herum. Unter Staunen stellten wir fest, dass sich selbst in der Nacht zwei Kinder unabhängig voneinander auf den Weg zur „Toilettenstelle“ machten, welche sich nicht in unmittelbarer Nähe zu unserem Lager befand.
4. Tag
Am kommenden Morgen stärkten wir uns mit Toast, Wurst, Käse und Marmelade bevor wir uns an das Zusammenpacken unserer Habseligkeiten machten. Einer durfte zum Frühstück sogar noch sein Steak vom Vorabend essen, denn maßvolle Beladung des Tellers mit Lebensmitteln gehört natürlich auch zum richtigen Umgang mit der Natur.
Gestärkt machten wir uns auf den Weg nach Bad Kösen zur Bootsanlegestelle. Dieser führte uns über den Rehehäuser Berg. Dort konnten wir noch einmal einen wunderschönen Blick auf die zwei Burgen werfen. Auf einer Wiese stellten wir Burgen in Form von Menschenpyramiden nach. Hier war wieder die Kreativität der Kinder gefragt und es war erstaunlich, wie aktiv sich auch die Teilnehmer mit starken Berührungsängsten einbrachten.
Von Großheringen nach Bad Kösen fuhren wir mit dem Zug, da auf Grund einer Brückenbaustelle dort der Einstieg nicht möglich war.
In Bad Kösen angekommen gab es für alle eine Bockwurst am Imbiss. An der Bootsanlegestelle wurden wir mit Rettungswesten, Paddeln und Tonnen ausgestattet. Die Belehrung führte unser Tourbegleiter gemeinsam mit dem Rettungsschwimmer direkt an der Saale durch. Schnell war das Boot zu Wasser gelassen. Wir benötigten nur ein kleines Stück, um den Rhythmus zu finden. Es schien so, als hätten die Jungs nie etwas anderes gemacht. Wir näherten uns einer brisanten Stelle, dem Wehr in Bad Kösen. Unter den Anweisungen unseres Tourbegleiters steuerten wir souverän die Bootsanlegestelle neben dem Wehr an. Beeindruckt und voller Respekt vor den Wassermassen und der Geräuschkulisse trugen wir gemeinsam unser Schlauchboot an dem Wehr vorbei. Der nächste Streckenabschnitt führte uns unterhalb am Napoleonstein vorbei. Martin P. freute sich, diese Erkenntnis zu machen und kombinierte, dass wir somit noch weitere Streckenabschnitte der Radtour vom Dienstag kreuzen würden. Kevin J. und Benjamin D. schlossen sich schon bald der Begeisterung von Martin P. an. Alles Bekanntes, aber wieder aus einer anderen Perspektive.
Nach einer guten Stunde Paddelei nahmen wir eine Insel in Mitten der Saale in unseren Besitz und machten eine ausgedehnte Pause. Ein paar kühlten sich in der Saale ab, einige machten sich auf die Suche nach Muscheln und besonderen Steinen und manch einer saß im Schlauchboot und wartete auf die Weiterfahrt.
Manche der Kinder wussten schon einiges über die Tiere in und an der Saale und deren Lebensweisen. Andere Kinder hingegen staunten über so viel Wissen und sogen alles an Informationen auf.
Die Strecke dieser Wasserwanderung hätte trotz des tollen Wetters und der schönen Landschaft mit ihren Eindrücken nicht länger sein dürfen. Auf den letzten Metern machte sich Müdigkeit in Form von Unlust und Maulerei breit. Dennoch bedankte sich einer der Jungs, mit eigenen Worten, im Namen aller bei unserem Tourbegleiter und dem Rettungsschwimmer für das tolle Erlebnis auf dem Wasser.
Am Abend war Benok (Pfannenraclette) angesagt. Das Holz für das Feuer hatten wir im Vorfeld bereits besorgt und so konnten wir uns einfach der Rettungswesten entledigen und uns um unser Feuer kümmern. Zu dieser Mahlzeit bekamen wir Besuch von den Bewohnern des Kinderheimes. Sie unterstützten uns bei der Vorbereitung unseres Raclettes. Bis das Feuer richtig brannte und alle Zutaten geschnitten waren, konnte sich jeder, der mit keiner Aufgabe betraut war, noch mit dem Fahrrad beschäftigen. Wir machten einige Grundfahraufgaben zum Aufwärmen und dann trauten wir uns an den Fahrrad-Limbo. Es wurden viele Techniken ausprobiert und von anderen abgeschaut, um nicht mit dem Seil in Berührung zu kommen. Beenden mussten wir diesen Tanz, als das Seil schon die Höhe des Lenkers erreichte. Ein tolles Erlebnis war noch das „Abschleppen“ per Fahrrad. Hierbei wurden an zwei Fahrrädern jeweils ein Fahrradschlauch an den Sattelstangen befestigt und mit der Lenkerstange eines dritten, dahinter stehenden Bikes verknotet. Die zwei vorderen Biker mussten sich auf der Wiese ordentlich ins Zeug legen, denn der Hintermann durfte ja nicht treten und konnte somit genießen. Einige hatten so viel Spaß an der Sache, dass sie mehrmals um den Teich der Campinganlage fuhren. In einem folgenden Smalltalk erkannten die Jungs, dass es am Leichtesten geht, wenn man den gleichen Rhythmus beim Treten der Pedale hat. Ausgangspunkt musste also die gleiche Einstellung der Gänge sein. Selbstverständlich war die Rolle des Abgeschleppten die beliebteste.
Als ein schöner Tagesausklang wurde das Pfannenraclette gewertet. Die Kinder waren sehr kreativ beim Befüllen der Pfannen. Auf Colakästen sitzend wurde später andächtig dem herunterbrennenden Feuer zugesehen.
4.4. Abschluss
Unser Abschluss mit den Kindern fand am Samstag den 18.06.2011 statt. Am Morgen waren die Kinder schon ziemlich hibbelig, denn es hieß Abschied nehmen. Nach dem Frühstück riefen wir alle in einen Sitzkreis zusammen und haben mit ihnen gemeinsam auf die vergangenen Tage zurück geblickt. Dazu malte jeder seine Hand auf ein Blatt nach und schrieb positive und negative Erlebnisse auf. Hier hatten die Teilnehmer die Möglichkeit hervorzuheben was ihnen gut gefallen hat und natürlich, was sie nicht gut fanden. Alle waren sehr zufrieden und stolz auf sich, dass sie diese Tage mit Bravur gemeistert hatten. Immer wieder erreichten uns Fragen wie „Wann dürfen wir so etwas wieder machen?“ und „Sehen wir die Kinder aus der anderen Gruppe wieder?“. Nachdem wir gemeinsam die Tage Revue passierenließen, erhielten alle ein kleines Präsent, bestehend aus einem Ball, einer Frisbeescheibe und einem Frühstücksbrettchen mit Namensgravur. Die Kinder freuten sich über diese kleine Aufmerksamkeit. Es wurde noch ein letztes Gruppenfoto gemacht bevor wir gemeinsam unser Camp abbauten. Die Kinder tauschten Adressen aus, umarmten sich und hier und da machte sich Traurigkeit breit, weil eine schöne und erlebnisreiche Woche zu Ende ging. Mit der Gewissheit, auch in Zukunft engen Kontakt zu halten, fuhren wir in die jeweiligen Einrichtungen zurück – mit dem Wunsch und der Hoffnung…. „da muss es noch einen zweiten, dritten, vierten….Teil geben!“
An dieser Stelle war unser Projekt noch nicht ganz beendet. Mussten doch nach Ankunft in den Einrichtungen die Autos entladen und Sachen zum Waschen ausgepackt werden – toll wie alle mithalfen!
Wir, als Projektleiter, trafen uns zwei Wochen später noch einmal in privater Runde. Gemeinsam sichteten wir das Rohmaterial und fertigten für die Kinder Foto-CDs an. Einig waren wir uns darüber, dass wir auch in Zukunft kooperative erlebnispädagogische Projekte anbieten wollen.
5. Nachbereitung
5.1. Veränderungen bei den beteiligten Kindern
Zuerst müssen wir natürlich erwähnen wie stolz die Kinder auf sich waren, dass sie diese doch auch anstrengenden Tage so toll gemeistert haben. Uns ist aufgefallen, dass sie einfach ausgeglichener sind, wenn sie sich an der frischen Luft bewegen und gefordert werden. In vielen Situationen konnte ein verändertes Verhalten als in der Heimgruppe wahrgenommen werden. Sie entwickelten schon nach kurzer Zeit ein Gerechtigkeitsgefühl. Was anfangs ein Machtkampf unter den Kindern aus den einzelnen Einrichtungen war, formte sich zu einem fairen und kameradschaftlichen Miteinander. Die letzten Wasservorräte wurden bei der Wanderung gerecht geteilt, beim Gepäck tragen half man sich, bei Aufgaben wurde gemeinsam nach Lösungswegen gesucht, der wurde Hänger ohne Murren voll mit Holz beladen, im Biwak erzählte man sich noch leise Geschichten, um die letzte Angst zu vertreiben und nicht zuletzt ruderten wir im Gleichtakt das Schlauchboot dorthin zurück wo alles begann. Jeder Teilnehmer, ohne Ausnahme, erkannte, dass die Gruppe nur so stark sein kann wie sein schwächstes Glied. Der Weg zu dieser Erkenntnis war für manchen nicht einfach. Auffällig war, dass die Besonderheit der geistigen Behinderung bei einem Teil der Kinder im Projektverlauf kaum wahrgenommen wurde. Besonders über sich hinausgewachsen ist Silvan T., der eher übergewichtige Junge hat es geschafft mit den anderen bei allen Aktionen mitzuhalten, obwohl er von zu Hause diese Bewegungsintensität nicht gewohnt war. Seine physischen Voraussetzungen ließen ihn öfter als alle anderen an seine Grenzen stoßen. Aber mit der Motivation und dem Gut-Zureden aller Kinder hat er jede Grenzsituation gemeistert und sich nie entmutigen lassen, bis zum Ende durchzuhalten. Er war innerhalb der Gruppe ein angesehener Teilnehmer, der von allen Respekt und Anerkennung erfuhr.
„Für uns sind die kleinen Erfolge, die größten überhaupt!“
5.2. Reaktionen in der Einrichtung
„Erst war es unmöglich, dann war es schwierig ... und plötzlich war es geschafft!“
Tage nach dem Projekt erzählten die Kinder noch stolz über das Erlebte und schauten sich häufig die Bilder-CD mit ihren Mitbewohnern und Betreuern an. Gemeinsam gestalteten wir eine Fotocollage und hängten sie im Heim auf. Neulich wurde ein neues Mädchen in die Heimgruppe aufgenommen und die Kinder berichteten wie üblich, was man bei welchem Erzieher darf, wer streng oder cool ist. Sie erzählten mit Hilfe unserer Fotocollagen, die im Flur aushängen von den Erlebnissen und blieben lange vor den Bildern stehen. Immer wieder tauchen Aussagen auf, wie: „Wissen Sie noch...?“ Wir haben mit unserem Projekt nicht die Welt einreißen können und auch die Kinder nicht von Grund auf geändert, aber wir haben vielleicht das Interesse für und die Auseinandersetzung mit der Natur geweckt. Mit diesem Gefühl sind wir nach Hause gefahren und es war ein tolles Gefühl!!!
Die Kinder haben erkannt, dass man alles schaffen kann, wenn man zusammenhält, sich gegenseitig unterstützt und motiviert, wenn Schwächen getragen von einer Gruppe sich zu Stärken entwickeln können. In bestimmten Situationen im Gruppenalltag wird diese Erkenntnis von genau diesen Kindern wieder ins Gedächtnis gerufen.
Eine große Resonanz zeigte unser Projekt bei den Eltern und Kollegen, die anfangs skeptisch Befürchtungen äußerten. Die Auswertung des Projektverlaufes füllte Teamberatungen. Wir sind dabei, unsere Ausrüstungen wie Wanderschuhe, Schlafsäcke, Zelte und auch Fahrräder zu vervollständigen. Außerdem haben uns Heimleitung und Geschäftsführung der jeweiligen Einrichtungen sowie Kollegen unserer Teams für kommende Projekte ihre Unterstützung zugesichert. Erlebnispädagogische Arbeit soll fester Bestandteil in unseren Einrichtungen und durch die Kreativität der am Prozess Beteiligten geprägt werden.
6. Reflexion
6.1 Besondere Erlebnisse
Die vielen besonderen kleinen Erlebnisse machten dieses Projekt zu etwas großem nicht nur für die Kinder sondern auch für uns.
Waren wir anfangs noch gespannt, wie die Kinder mit der Besonderheit von geistiger Behinderung bei einigen Teilnehmern umgehen würden, mussten wir nach kurzer Zeit feststellen, dass dies keine Relevanz besaß. Natürlich waren die Teilnehmer durch die Unterschiedlichkeit ihrer Einrichtungen geprägt, zeigten sich aber im Bewusstsein um das gemeinsame Ziel sehr zielstrebig und kooperativ.
6.2 Erkenntnisse / Erfahrungen
Die wirklich langfristige Vorbereitung (ca. 1 Jahr) des Projektes und hervorragende regionale Bedingungen boten uns eine optimale Ausgangssituation. Trotz der großen räumlichen Entfernung zwischen den Projektleitern ist es gelungen, unsere Aufmerksamkeit auf eine sehr detaillierte Vorbereitung zu lenken.
Grundlage des Projekterfolges ist nicht das Projekt selber, sondern das schrittweise Heranführen an einzelne Komponente in der Vorbereitung. Hierzu gehören z.B. der Umgang mit dem Fahrrad (Verkehrssicherheit, Fahrtraining), Kenntnisse der Ersten Hilfe oder die Planung einer Wanderung. Die daraus gewonnenen Erfahrungen zu bündeln und zu kommunizieren bestimmen maßgeblich die Qualität der Durchführung. Trotzdem sollte genügend Raum und Möglichkeit der Neuerfahrung und des Ausprobierens im Verlauf des Projektes gegeben bleiben.
„Zusammenkunft ist ein Anfang
Zusammenhalt ist ein Fortschritt
Zusammenarbeit ist ein Erfolg.“
Henry Ford I.