seit 1994

19.02.2020 - 25 Jahre KAP: was macht Carlos jetzt?!

...unser erster Jugendlicher aus dem Marokko-Reiseprojekt ist mittlerweile in den USA

Interview Tim (Carlos) in Miami / Florida – Peter Alberter Regensburg

 

Vor mittlerweile fast 25 Jahren wurde das KAP-Institut von unserem heutigen Geschäftsführer Peter Alberter gegründet, im Dezember 1994.

Der Grund für die Unternehmensgründung: ein Reiseprojekt mit einem damals 14-jährigen, verhaltensauffälligen Jugendlichen, den keine Einrichtung in Deutschland mehr aufnehmen wollte. Das Reiseprojekt startete in Agadir / Marokko, die Route führte am Atlantik entlang Richtung Mauretanien, dann quer durch die Sahara zur algerische Grenze, und dann über die Atlasgebirge, Spanien, Frankreich zurück nach Deutschland. Über 6 Monate waren Peter und Tim (Name anonymisiert) unterwegs.

Wer mehr über das damalige Projekt nachlesen möchte, findet hier den offiziellen Bericht: https://www.kap-outdoor.de/ueber-uns/ueber-kap/team/peter-alberter/veroeffentlichungen-peter-alberter/1997-agadir-atlas-aussenwohngruppe.html

 

Bereits nach dem Projekt vor fast 25 Jahren hielten Peter und Tim verschiedene Vorträge, es gab Berichte in Fachzeitschriften (u.a. der e&l). Das Projekt wurde mit dem Outward-Bound-Preis ausgezeichnet…

 

Während der gesamten 25 Jahre ist der Kontakt zwischen Peter und Tim nie abgerissen. Wenn auch mal einige wenige Jahre Funkstille herrschten: immer wieder standen gegenseitige Besuche (z.T. auch spontan), Telefonate, Austausch über diverse Mail- und Messenger-Dienste, usw. auf dem Programm.

 

Zum 20-jährigen Jubiläum kam die e&l erneut auf das KAP-Institut zu und bat um ein Update: wie geht’s Tim nach 20 Jahren, wie geht’s Peter nach 20 Jahren? Wie wird das Projekt nach dieser langen Zeit von beiden beurteilt?

Zu diesem Zweck wurde ein Telefoninterview mit Tim geführt. Das ganze Interview finden Sie hier abgedruckt. https://www.kap-outdoor.de/ueber-uns/presse/2015-maerz-wer-die-wueste-schafft-der-meistert-auch-sein-leben.html

 

Nun sind abermals 5 Jahre ins Land gezogen und wir haben bei verschiedenen Fachvorträgen an HEP-Schulen, Unis für Pädagogen, angehende Erlebnispädagogen usw. immer wieder festgestellt: das Interesse des Publikums ist ungebrochen. Meist lautet eine der ersten Fragen: „wie geht es ihm jetzt und was macht er jetzt?!“.

 

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir – nach einem ¼ Jahrhundert - erneut ein Interview mit Tim geführt. Mittlerweile ist er die USA ausgewandert, ist im Besitz der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft und arbeitet bei einem Sicherheitsdienst in Florida.

 

Auf ausdrücklichen Wunsch von ihm wird auch nunmehr die Anonymisierung des Namens aufgehoben und wir dürfen vorstellen: Tim heißt eigentlich Carlos… Ab sofort wird er bei uns immer unter seinem richtigen Namen erwähnt. Lieber Carlos: vielen Dank dafür, und vielen Dank, dass du zahlreiche neugierige Fragen zu deiner Person immer noch geduldig beantwortest J

 

Hier ist das aktuelle Interview von Carlos und Peter:

 

Das Interview fand am Mittwoch, 29.01.2020 um 12.00 Uhr (deutscher Zeit) statt, per Whatsapp-Videoanruf

 

P.: Unser letztes Update von dir ist 5 Jahre her – wie geht’s dir heute Carlos?

C.: Gut! Haare sind grau, ich bin 40, alles gut…

 

P.: Ja wunderbar. Wo lebst du zurzeit und was machst jetzt?

C.: In Miami. Bei mir ist es grad 6.00 Uhr morgens. Ich bin im Sicherheitsdienst, im bewaffneten Sicherheitsdienst. Im Moment bin ich in der Arbeit. Ich bin hier alleine, ich bin hier der einzige Sicherheitsbeauftrage in der Nacht…

 

P.: Und, wie gefällt es dir?

C.: Das Wetter ist immer schön, immer warm, niemals kalt, kein Schnee. Aber es ist nicht einfach, man muss sich schon durchbeißen… Sprache, Mentalität, Denkweise von den Leuten, das ist sehr unterschiedlich von den Deutschen.

 

P.: Arbeitest du viel?

C.: Ja, ich glaube im Durchschnitt insgesamt 55 – 70 Stunden die Woche… Ich arbeite nebenher noch jeden Sonntag 14 – 15 Stunden noch in einer Kirche im Sicherheitsdienst. Dann bekomme ich ab und zu von einem Kollegen einen Auftrag, der dann tagsüber ist, als Bodyguard oder als Personal Guard - so was wie ein bewaffneter Taxifahrer. Das ist ziemlich gut bezahlt, sind dann auch so 8-10 Stunden…

 

P.: Ja spannend… Bist du auch heute noch manchmal privat mit dem Fahrrad unterwegs, wie damals in Marokko?

C.: Ne, ich hab keine Zeit… Mein Fahrrad hat vier Reifen und einen Motor (lacht)! Vor zweieinhalb oder drei Jahren war ich mal wieder auf dem Mountainbike… Als ich nach Amerika gekommen bin, da hatte ich ja kein Auto… Also hab ich mir das Fahrrad geschnappt und bin dann erstmal zum Laden gedüst mit dem Fahrrad. War spannend…

 

P.: In unserem letzten Interview hattest du erwähnt, du würdest gern mal Paragliden oder Bungeejumpen. Das ist ja jetzt 5 Jahre her: hast du schon irgendwas umsetzen können, oder hast du mittlerweile andere Hobbys?

C.: Jetski fahre ich gerne. Hier in Florida ein ideales Revier. Ansonsten ist mein Hobby ist Arbeiten. In den USA ist es nicht so wie in Deutschland: hier musst du erstmal Geld mitbringen, bevor du arbeiten darfst. Du hast hier auch keinen Kündigungsschutz, die können dich rausschmeißen, von heut auf morgen. Nach 20 Jahren können die sagen, mir passt deine Nase nicht mehr. Also muss man immer wieder sehr gut aufpassen, was man tut, wie man was macht. Man muss sich behaupten, man muss sich immer wieder beweisen. Man darf nicht fehlen – wenn du jetzt krank bist, dann wirst du auch nicht bezahlt. Urlaub: nach einem Jahr kriegst du mal ne Woche bezahlten oder auch unbezahlten Urlaub – je nachdem.

Ich leb jetzt hier seit 23. August 2017, und hab in diesen zwei Jahren doch sehr viel geschafft. Hier gibt es einen sog. „Credit-Score“, ohne den kriegst du hier gar nichts. Ich gehöre mittlerweile zu den knapp 50% der Amerikaner, die kreditwürdig sind. Zum Start bekommt man Kreditkarte mit 450 Dollar. Aktuell bin ich bei 9500 Dollar Kredit, plus mein eigenes Auto mit 9000 Dollar.

Aber das ist halt wirklich Zeit, die man braucht, wo man auch wirklich arbeiten muss, wo man auch die Rechnungen bezahlen muss. Einmal nicht bezahlt, bist du 5 Jahre erstmal fertig mit dem Kredit – kriegst du auch nix mehr.

 

P.: Vor 5 Jahren hast du uns erzählt, du möchtest mal deine Schwester besuchen, die du 32 Jahre lang nicht gesehen hast. Was ist aus der Idee geworden: hast du sie getroffen?

C.: Ich hab ein ganzes Jahr bei ihr gewohnt! Sie kann sich nicht an mich erinnern, ich kann mich ein bisschen an sie erinnern… Sie hat ja auch drei Kinder, meine Nichten und Neffen. Das war interessant! Es war sehr interessant und unsere Familie ist ja riesengroß. Das hat ja glaub ich über 600 Leute. Und ich kenn grad mal 50 davon. Das geht von hier bis nach Puerto Rico, bis nach Kolumbien, nach Mexico, usw…

Mit meiner Schwester, das war was Neues und war wirklich schön.

 

P.: Das Reiseprojekt von Marokko nach Deutschland: wie würdest du das nach einem Vierteljahrhundert bewerten?

C.: Nochmal machen würd ich das nicht, dafür bin ich zu alt (lacht)… Aber 25 Jahre jünger: ich würds wieder tun - sofort. Ich würde versuchen, den Schnee zu vermeiden, aber alles andere war wirklich genial. Das ist mehr wert, als man mit Geld bezahlen könnte. Ich hab die alten Fotos auch noch, wo ich im Sand liege…

 

P.: Wenn du das Projekt in Amerika jemandem erzählst, die denken, du erzählst von 1001 Nacht…

C.: Das stimmt… Ich hab einer Tante von mir das alte Foto gezeigt, wo ich im Sand lieg, oder da, wo wir das alles ausgebreitet haben, was wir auf unseren Fahrrädern mitgeschleppt haben. Sie meinte: „das bist nicht du!“ Ich hab gesagt, das bin ich nicht mehr, aber das war ich mal… Sagt sie: „ne das warst du auch nicht!“ Also, glauben tuts keiner…

 

P.: Gibt’s da irgendwie eine Lernsituation von der Marokko-Reise, wo du heute noch profitierst?

C.: Das ist einiges… In Marokko hat man nicht aufgeben, im Nachhinein hat man nicht aufgegeben. Früher hat man ja öfter dran gedacht aufzugeben, in welcher Form auch immer. Wenn man überlegt, die Wüste überqueren, das war wirklich ein hartes Brot. Genauso war es ein hartes Brot, in den Col du Zad zu steigen, mit all den ganzen Schneewehen… Hätte man da aufgegeben zu dem Zeitpunkt, ich glaube wir wären vielleicht tot oder in einem Krankenhaus gelandet.

Und manchmal ist das so wie die Wüste, oder wie ein Berg: es ist steinig, es geht nicht voran, es ist keiner da, der dir vielleicht die Hand hinstreckt und hilft, du wirst dann schon deinen eigenen Weg suchen und finden… Zudem trifft man oftmals auch falsche Entscheidungen, wo man aber auch gelernt hat, damit umzugehen und das dann dementsprechend besser zu machen. Und das hat ja viel was mit der Marokko-Reise zu tun. Alles was in Marokko gewesen ist, war das Beste, was man machen konnte. Marokko war… Ja, war der beste Start.

 

P.: Also hat sich das Reiseprojekt für dich letztendlich gelohnt, oder hätte man die Kosten der Reise letztendlich auch anders investieren können?

C.: Anders investieren kannst du natürlich immer… Ob es sinnvoll ist, ist die andere Geschichte. Das Gute an Deutschland ist, dass die so schnell nicht aufgeben, an den Jugendlichen. In Amerika läuft das ganz anders: du bist 12 Jahre alt, du verprügelst jemanden – die Gründe sind unerheblich – du wirst dafür verhaftet, du bist im Jugendknast die nächsten Jahre, du hast ein Zeugnis, du wirst hier keine Arbeit kriegen. Das wiederum bedeutet, du bekommst keine Arbeit, du wirst kriminell. Das wiederum heißt, die nächsten 20 Jahre sind dir sicher… Es gibt hier keine zweite Chance. Und das ist das Schöne an Deutschland: man gibt den Kindern, den Jugendlichen eine zweite Chance. Was sie daraus machen, na ja, das liegt irgendwo an den Zwergen selbst. Aber, das Gespräch hatten wir ja damals auch, das liegt auch ganz gewaltig an den Therapeuten… Mit dir hab ich Mords-Glück gehabt, auch wenn wir mal kurz davor waren, uns gegenseitig eine auf die Schnauze zu hauen.

Kannst du dich an den Satz erinnern, wo ich zu dir gesagt hab, ein guter Therapeut ist nicht der, der gelernt hat aus dem Buche, ein guter Therapeut ist der, der aus Erfahrung berichtet…

 

P.: …ein weiser Spruch, das werden wir 1:1 so abdrucken! Was wünschst du dir denn für deine Zukunft?

C.: Eigentlich gar nicht so viel. Ich bin gesund, ich plan grad meinen Weg zu gehen. Dass ich den Weg schaffe, den ich mir vorgenommen habe. Und ja, einfach ein normales zufriedenes Leben zu führen. Und irgendwann mal weniger Stunden arbeiten. Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden. Da gibt’s keine großen Ziele, die ich jetzt verfolgen will. Gibt’s sonst noch irgendwas?! Ne… Stetig weitergehen, und es kommt dann genau das, was kommen muss, also man kann nichts erzwingen...

 

P.: Wann fährst du mal in Urlaub Carlos?

C.: Das mit dem Urlaub, das ist hier in Amerika sehr kompliziert. Du hast hier keinen regulären Urlaub. Speziell nicht unbedingt bezahlt - die meisten Firmen bezahlen erst nach einem Jahr vielleicht mal eine Woche. Was ich mir jetzt gekauft hab, vor einer Woche erst, ist ein 65 Zoll Fernseher, so einen kurvigen, von Samsung, ich hab mir eine Playstation 4 und ne Soundbar gekauft für 1500 Dollar. Ich mach meinen Urlaub zuhause…

 

P.: Also, wir machen das einfach so: sollte ich mal nach Amerika fahren, dann werd ich dich auf alle Fälle besuchen. Und umgekehrt Carlos…!!

C.: Nach Amerika zu kommen ist einfach. Kostet ein paar Euro, und innerhalb von 30 Tagen hast du ein Touristen-Visa. Da gibt’s das Esta-Programm, dann hast du ein Aufenthaltsrecht von 90 Tagen...

 

P.: …und dann fahr ich da mit ein paar Harleys durch die Gegend Ich liebe Motorrad-Fahren…

C.: …oder eine Rundreise mit den Kiddies durch Amerika. Das ist spannend – Colorado, mit den Bergen usw. Könnte spannend werden.

 

P.: Und umgekehrt Carlos, wenn du mal einen Deutschlandurlaub machst, dann kommst du bei uns vorbei, du kannst bei uns wohnen, dann fahren wir Kanu, was du willst….

C.: Dann werd ich mir das für die nächsten 5 Jahre mal vornehmen…

 

P.: Ja genau, so machmas. Du nimmst es für die nächsten 5 Jahre vor, und ich auch - wers als erstes schafft. Komm ich nach Amerika lädst du mich zum Bier ein, kommst du nach Deutschland, lad ich dich zum Bier ein Carlos…

C.: Das ist ein Deal, darauf freu ich mich.

 

P.: So machen wir das! Carlos, tausend Dank, das hat mich sehr gefreut. Dir alles Gute und wir bleiben in Kontakt! Und wenn was ist: meld dich!

C.: Ich danke dir für das Interview und die Zeit, wir sehen uns bald wieder.

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