seit 1994

Momentaufnahme aus der Praxis

Peter Alberter

 

Ein pädagogischer Mitarbeiter einer stationären Jugendhilfeeinrichtung möchte mit den Jugendlichern seiner Gruppe eine 5-tägige Fahrradtour unternehmen. Bei der Gruppenbesprechung wurde von den Jugendlichen der Wunsch nach einer Radtour geäußert.

 

Ein Betreuer machte sich gleich an die Planung und hatte nach einiger Überlegung eine schöne Strecke ausgesucht. Er möchte mit den Jugendlichen entlang der Altmühl radeln - herrliche Gegend. Zur Projektvorbereitung ist er mit dem Auto die Strecke abgefahren und hat etwa alle 40 km eine feste Unterkunft, mal einen Campingplatz, mal ein paar kleine Landgasthöfe begutachtet und anschließend fest gebucht. Beruhigt fiel ihm ein, dass ein gut konditionierter Radfahrer etwa 30 km in der Stunde radelt. Dann schaffen die Jugendlichen an einem Tag bestimmt locker 40 km. Nach der Vorstellung bei den Jugendlichen, die die schnelle Realisierung des Projektes mit Begeisterung aufnahmen, wartete man auf die Ferien, die gleichzeitig den Beginn der Radtour kennzeichnete.

 

Die Radtour verlief chaotisch, die Freude war schnell vorbei. Bereits am ersten Tag hatten die Betreuer Mühe die Gruppe zusammenzuhalten. Während der erste schon fast aus dem Blickfeld der Betreuer verschwand hatte der letzte schon keine Lust mehr. Seine Satteltaschen rutschten am Gepäckträger. Bei einem anderen Jugendlichen streifte ständig das Schutzblech. Er wusste sich zu helfen, indem er kurzerhand das Schutzblech von der Halterung riss und ins Gestrüpp warf.

 

Die folgenden Tage waren nicht anders.

 

Die Betreuer hatten genug zu tun und waren ständig am reagieren und beschäftigt, die Gruppe zusammenzuhalten. Sie forderten das Warten auf die letzten. Die ersten der Gruppe waren schon genervt. Während sie davon sprachen, jetzt endlich mal richtig zu radeln, hatten die Letzten schon überhaupt keine Lust mehr.

 

Mit Ach und Krach, und mit "Komm, es ist nicht mehr weit", "Meine Güte, 40 km, das ist doch nichts", "Mensch denk an das gute Essen", "Das schaffst Du schon, jetzt komm!", "Jetzt streng Dich mal ein bisschen an, einmal wenigstens!"...

 

Als dann ein paar Jugendliche kurzerhand das Fahrrad in den Graben schmissen und den Betreuern lauthals verkündeten, dass sie jetzt überhaupt keinen Bock mehr hätten und keinen Meter weit mehr fahren würden, war auch die Geduld der Betreuer am Ende.

 

"Scheiß Radtour!" schrie einer der Jugendlichen. Er wurde schnell aufbrausend und zeigte deutlich seine impulsiv aggressiven Tendenzen. Dieser Jugendliche, der mit einem dissozialen Erscheinungsbild aufgenommen wurde, machte nach unverständlichen Drohgebärden, Anzeichen wegzulaufen.

 

Die Betreuer reagierten sofort: "Wenn du Dich jetzt nicht auf der Stelle auf Dein Rad setzt, dann..."

A) brechen wir die Radtour für alle ab.

B) kommst Du sofort zurück in die Einrichtung

C) rufen wir in der Einrichtung an, und lassen Dich abholen,

D) gehst Du nach dem Essen heute Abend gleich ins Bett,

E) ist das Fernsehen in der Gasstätte für heute Abend gestrichen.

 

Die Betreuer reagierten und setzten den verweigernden Jugendlichen schnell eine Konsequenz. Mittlerweile bogen die ersten Jugendlichen auf die stark befahrene Bundesstraße ab. Sie entschieden sich für eine Abkürzung. "Die Betreuer werden schauen, wie schnell wir unser Ziel erreicht haben." "Bis sie xy überredet haben weiterzufahren, sind wir schon längst am Ziel“, sagt einer der anderen Jugendlichen. "Das merken die doch gar nicht!" Mit in der Gruppe dabei ein Jugendlicher mit der Diagnose einer minimalen cerebralen Dysfunktion. Die kurze Konzentration, das schlechte Haushalten mit seinen Kräften und die leichte Ablenkbarkeit machen sich bei ihm nicht nur durch schlechte Leistungen in der Schule bemerkbar. Auch kann er die Wirkung seines eigenen Verhaltens auf die Umwelt nur ungenügend oder gar nicht einschätzen. Gift für ihn als Hyperkinetiker ist es, wenn er mit auditiven und visuellen Sinnesreizen überflutet wird. Nicht vorstellbar, was bei einem erhöhten Verkehrsaufkommen auf den Bundesstrassen und den in knappen abständen vorbei brausenden LKWs an Gefahrenmomenten vorprogrammiert ist.

 

 


Aufbau eines erlebnispädagogischen Projektes

Erlebnispädagogische Projekte mit verhaltensauffälligen Jugendlichen sollten so aufgebaut sein, dass sie den Kindern und Jugendlichen Erlebnis- und Erfahrungsräume bereitstellen, die zu ihrer Persönlichkeitsbildung und zur Förderung der Sozialkompetenz beitragen. Die Erlebnis- und Erfahrungsräume (z.B. Mountainbiketour mit Biwakieren und Selbstversorgung) sind darauf ausgerichtet, Selbsterfahrung zu machen, Handlungskompetenz zu erlernen und nach und nach Verantwortung für sich selbst und für die Gruppe zu übernehmen. Bei gut und detailliert vorbereiteten Projekten erhalten die Jugendlichen mit den Betreuern und Betreuerinnen das Gefühl von Teamwork, Zusammenhalt und Gemeinschaft. Für die Beziehung zwischen den Betreuern und den Jugendlichen ist die Tatsache, dass die Objekte - die Natur, die erlebnispädagogischen Aufgaben, das Biken, die Trekkingtour etc. - als Medium zwischen sie treten, von großer Bedeutung (z.B. statt Anordnung von Küchendienst, gemeinsame Lösung einer "verbockten Wegstrecke")

 

 

1. Ziel der Vorbereitung ist es:

•  durch spannend verpackte Informationen über das Projekt, das Interesse und die Neugierde der Jugendlichen zu wecken,

•  durch das Geben von Informationen eine erste Vertrautheit mit der zu erwartenden Situation zu schaffen,

•  die Jugendlichen können sich bereits vorab mit dem Projekt identifizieren, es zu "ihrer eigenen Sache machen". Die Motivation zur Mitarbeit wird damit sowohl in der Vorbereitungsphase, wie auch in der eigentlichen Durchführung deutlich gesteigert.

 

Beispiel:

Radtour zum Silbersee, mit integrierter Schatzsuche und anschließendem Spanferkelessen am Grill (1 Spanferkel für 10 Personen)

•  Sichtung der Landkarten und des Zielortes

•  Frage und Antwortrunde

•  Materialcheck: hier Fahrradbesitz und Funktionstüchtigkeit, Verkehrstauglichkeit

•  Verteilung von Verantwortlichkeiten (Besorgen von Zelten, Kocher etc.)

 

 

2. persönliche Vorbereitungsphase

•  konkrete Planung der Strecke anhand des Kartenmaterials (alle Bundesstraßen und die vom Güterverkehr betroffenen Verkehrswege sollten gemieden werden) komplette Erkundung der Strecke mit dem Auto

•  Klärung von Übernachtungsmöglichkeiten während diverser Zwischenstopps bei Landwirten

•  Einholen von Genehmigungen

 

 

3. Vorbereitungstag mit den Jugendlichen

•  Auszahlung des Verpflegungssatzes für einen Tag

•  Sichtung der jeweiligen Fahrräder

•  Austeilen Fahrradpass

•  Einstellungsarbeiten, Reparaturen am Bike

•  Flickübung: Demonstration und anschießend üben "Wie flicke ich ein Loch im Schlauch?"

•  Erneute Kartensichtung

 

 

4. "Fahrradtour mit Problemen" (offenes Rollenspiel)

Situation: Fünf Jugendliche und drei Erzieherinnen halten mit ihren Fahrrädern an der ersten Kreuzung in Pielenhofen.

Erzieher 1:  "Wo steckt denn eigentlich Axel, Uwe und Jens?"

Einige Jugendliche zucken mit der Schulter

Ben:   "Keine Ahnung!"

Erzieher 2:  "Ja aber, irgend jemand muss sie doch gesehen haben!"

Jörg:  "Das letzte Mal wo ich sie gesehen habe, dass war an der Bahnunterführung.

Erzieher 2: "An der Bahnunterführung, dass war ja vor über einer halben Stunde."

Erzieherin 1:  "Ja, und was war da?"

Ben:   "Ich glaube, Axel hatte keinen Bock mehr, der war völlig fertig mit den Nerven."

Jens:   "Ich habe noch gesehen, wie er sein Bike hin geschmissen hat!"

 

In vertauschten Rollen (einige Jugendliche übernehmen die Rolle der Erzieher und umgekehrt) und aus dem Stegreif spielen die Jugendlichen und die Erzieher das Rollenspiel weiter.

 

Mit dem Rollenspiel kann man die Jugendlichen bereits in der Planungsphase mit den eventuell auftretenden Problemen bekannt machen, und sie dazu anregen, sich gedanklich damit auseinander zu setzen. - "Was machen wir, wenn...?" - Durch die vertauschten Rollen können sich die Jugendlichen in die Lage der Betreuer versetzen und vielleicht neue Akzente in den Problemlösungsstrategien der Gruppe entwickeln. Die Betreuer können sich so verhalten, wie sie denken, wie die Jugendlichen wohl in der Situation reagieren würden, ...

 

 

5. Metaplan (Welche Probleme können während einer Mountainbiketour auftreten?

•  Panne mit dem Fahrrad

•  WC-Gang

•  Am Ende der Kräfte sein

•  Unfall

•  Sturz

•  Orientierung verlieren

•  Ärger mit der Polizei, fremden Leuten usw.

•  Nicht nachzukommen

•  Massenkarambolage

•  einer hat keinen Bock mehr

Basis, auf der gemeinsame "Spiel- und Verhaltensregeln" erarbeitet werden. Die gelten verbindlich während der gemeinsamen Biketour.

 

 

6. Notfall- / Katastrophenplan

•  Abmelden

•  Kolonnenfahren, auf gefährlichen Strecken

•  Biketour ist Gruppenverantwortung

•  jeder ist für sich verantwortlich, sowie für seine Ausrüstung

•  wir helfen uns gegenseitig

•  wir sind füreinander verantwortlich

•  Rücksichtnahme auf den schwächsten Bikefahrer.

 

 

7. Auf was muss bei einer MTB-Tour geachtet werden

a)  Helmpflicht

b)  Radfreie Zeit bedeutet nicht nur Freizeit, sondern viele Routinetätigkeiten müssen erledigt werden (Einkaufen, Kochen, Lagerplatz einrichten ...).

c)  Hinweis darauf, dass Taschengeld, persönliches Geld für den Zeitraum eines Tages eingeteilt werden sollte, um vielfältigen Wünschen nach Bedürfnisbefriedigung und Verlockungen (Imbissbude, Eisstand,...) widerstehen zu können.

d)  Sorgsamer und pfleglicher Umgang mit Lebensmitteln und Material

e)  Kochen im Zusammenschluss bringt mehr Vielfalt in die Küche, bedeutet aber auch Absprachen und Arbeitsteilung

f)  Grundregeln des Verhalt im Straßenverkehr erstellen und auf dessen Einhaltung achten

 

Bei Kindern mit einem Hyperkinetischen Syndrom sollte die geringe Aufmerksamkeitsspanne der erschöpfende und unwirtschaftliche Einsatz von Körperkräften, sowie das daraus folgende mangelnde Durchhaltevermögen bei Leistungsanforderungen in die Vorplanungen miteinbezogen werden. Ein Kind mit hyperkinetischem Syndrom längere Zeit auf Straßen mit erhöhtem Verkehrsaufkommen fahren zu lassen, würde einen unverantwortlichen und fahrlässigen Tatbestand in der Betreuung des Kindes darstellen. Das sollte jedoch nicht Gefahrenvermeidung bedeuten, dass Kind nicht mit gefährlichen Dingen unserer Zivilisation in Kontakt kommen lassen kann nicht das Ziel sein. Nach dem Motto: "Das ist nichts für Dich..., Das ist zu gefährlich..., Wir können das nicht für Dich verantworten!" es kann und darf nicht in unserem Interesse liegen, eine MTB-Tour für Hyperaktive und wahrnehmungsschwache Kinder und Jugendliche zu streichen, um ihnen Erfahrungen vorzuenthalten. Unser Ziel muss es sein, die Radtour so zu modifizieren, dass sie daran teilnehmen können. Es ist unserer Aufgabe, den Kindern zu helfen, ihre individuellen Schwächen behutsam wahrzunehmen und akzeptieren zu lernen. Der bewusste, sorgfältige und gekonnte Umgang mit der Gefahr, stellt eine große Lernchance für sie da.