seit 1994

Ziel: Der Blick in den See

Reflexion in Theorie und Praxis

 

Rutkowski Mart

 

Ziel Verlag Augsburg

 

 

Leseprobe

 

 

Der Reflexionsblumentopf

 

Beschreibung:

Wie sieht die Methode aus und wie funktioniert sie?

In der Mitte steht ein Blumentopf, daneben liegen viele (viele!!! Etwa drei bis viermal so viele wie Teilnehmer!) unterschiedliche Naturmaterialien: Zapfen und Steine, kleine Äste, Rindenstücke, Flechten usw. Jeder Teilnehmer äußert nun etwas zu der vergangenen Aktion. Dabei legt jeder Teilnehmer pro ausgesprochenem Gedanken einen Gegenstand in den Blumentopf. Hat ein Teilnehmer etwas zu einem bestimmten Gedanken eines Vorredners zu sagen, holt er den Gegenstand wieder aus dem Topf, sagt etwas dazu und legt den Gegenstand wieder zurück.

 

Einsatz der Methode:

Wie und wann passt diese Methode gut?

Auch diese Methode ist eine meiner Lieblingsmethoden. Sie passt sehr häufig und lässt sich fast immer verwenden. Die Methode ist strukturierend, da sie hilft, immer nur bei einem Thema zu bleiben, und doch offen genug, dass alle Themen Raum bekommen. Ob die Situation emotional sehr berührend, stark dynamisch bis konfliktgeladen oder einfach nur chaotisch war – der Reflexionsblumentopf hat die Reflexion sehr bereichert! Wichtig dabei ist, dass der Trainer nicht vergisst, selbst die Gelegenheit zu nutzen um Fragen zu stellen, Hypothesen in den Raum zu werfen oder Themen „in den Topf“ zu werfen. Der Charme dieser Methode besteht darin, dass sich die wichtigen Themen oft von ganz alleine herausschälen. Auch wenn das Thema zwischendurch schon gewechselt wurde, erlaubt der Blumentopf jedem, auf ein altes Thema noch einmal zurückzukommen und dazu etwas nachzureichen. Mit der Blumentopfmethode werden einzelne Gedanken visualisiert und die
Teilnehmer wissen immer, worüber gerade gesprochen wird.

 

Stolpersteine:

Worauf man achten sollte!

Oftmals braucht diese Methode besonders beim ersten Sprecher etwas Unterstützung. Manchmal glauben die Teilnehmer, sie müssten pro Satz einen Gegenstand hineinlegen. Und manchmal ist es umgekehrt: Der Teilnehmer gibt ein umfangreiches Statement und legt dann nur einen Gegenstand hinein. Die Regel heißt: Pro Gedanke ein Gegenstand. Als Trainer kann man hier unterstützen, indem man z. B. fragt: "Wie würde dieser Gedanke jetzt heißen?" und manchmal auch sagt: "Ok, das wäre jetzt aber ein neuer Gedanke – da brauchst Du einen neuen Gegenstand!" Manchmal muss der Trainer auch die Grenzen kommunizieren: "Halt! Du bist jetzt gerade nicht mehr bei dem Ursprungsgedanken, sondern beim Gedanke X. Wenn Du etwas zu X sagen willst, brauchst Du auch den Gegenstand von X." Dieser Umstand beeinträchtigt die Methode in ihrer Qualität manchmal, wenn man mit Schülergruppen zu tun hat. Die Methode ermöglicht sehr intensive Reflexionen – braucht aber auch Zeit. In der Arbeit mit Schülern ist daher Vorsicht geboten. Insbes. wenn die Jugendlichen "zu cool" sind (siehe oben), ist die Methode nicht immer die Beste. Man kann sie dennoch auch hier verwenden, darf sich aber nicht wundern, wenn die Reflexion oberflächlicher bleibt.

 

Anleitung:

So sagen wir es!

"Ihr seht hier unseren Reflexionsblumentopf und viele Gegenstände. Schaut noch mal zurück auf die Aktion – was war alles los? Was habt Ihr erlebt? Was ist zwischen Euch passiert? Wie ging es Euch persönlich? Schaut in Euch nach, welche Themen gerade präsent sind. Dann dürft Ihr Euch zu Euren Gedanken äußern. Für jeden Gedanken, den ich äußere, lege ich nun einen Gegenstand in den Topf. Wenn ich nun z. B. X sagen will, dass ich ihm für seinen Beitrag danke, weil er so wertvoll war, sage ich ihm das und lege diesen Gegenstand hinein. Will ich etwas zur Kommunikation in der Gruppe sagen, nehme ich mir einen anderen Gegenstand und lege ihn hinein. Wenn nun jemand anderes meinen Gedanken aufgreifen will, nimmt er diesen Gegenstand wieder heraus, sagt, was zu sagen ist, und legt danach den Gegenstand wieder zurück. Alles klar? Dann bitte los: Was beschäftigt Euch gerade? Wer mag, sucht sich einen passenden Gegenstand und beginnt."

 

Variationen:

Das kann man auch noch machen!

Man kann natürlich mit viel mehr Metaphorik anleiten:

"Wenn Du etwas in die Gruppe geben möchtest, dann tue etwas hinein. Wenn Du Dir mal etwas in der Gruppe herausnehmen möchtest, nimm Dir etwas heraus. Vielleicht hast Du erst später etwas zu einem bestimmten Gedanken zu sagen – krame ihn nochmals hervor. Wir können jeden Gedanken von allen Seiten betrachten, bevor wir ihn in den Topf tun. Legt nun das in die Mitte, was Euch wichtig ist."

Schön ist natürlich auch, dass der Visualisierungscharakter auch symbolische Handlungen ermöglicht. "Nun haben wir uns lange und – wie ich finde – produktiv mit diesem Gedanken namens Streit (Trainer hält entsprechenden Gegenstand hoch) beschäftigt. Was soll nun damit geschehen? Wollt Ihr ihn mitnehmen als eine Art Talisman um Euch immer wieder an diese Streitsituation zu erinnern? (Transferhilfe!) Oder wollt Ihr den Streit für alle Zeit begraben? Was soll mit dem Streit nun geschehen?" Existieren in dieser Situation zwei "Hauptstreithähne", dürfen sie, wenn sie sich für "den Streit begraben" entscheiden, dies mit Hilfe einer Schaufel tatsächlich tun.

Man kann natürlich auch an Stelle von Gegenständen Kärtchen nehmen und diese mit einem Stichwort für jeden Gedanken beschreiben. ("Wie heißt der Gedanke für Dich? Ok, schreib es auf!")

Denkbar sind auch Varianten mit Gefühlskärtchen oder mit Alltagsgegenständen (siehe oben).

Allerdings bevorzuge ich meistens die "Reinmethode" ohne Kombination, denn die Methode ist in ihrer Schlichtheit und mit Naturgegenständen sehr schön und sehr einfach – und ich mag den offenen Symbolcharakter der Naturgegenstände. Möglich – aber anspruchsvoller!!! – ist es auch, die Teilnehmer die Naturgegenstände für den Blumentopf nach der Aktion selbst suchen zu lassen (siehe die Methode "Symbol aus der Natur").

 

Praxishilfe:

Als Trainer sollte man sich zum Suchen der Gegenstände etwas Zeit nehmen – an einem Gemisch schöner, ansprechender Naturgegenstände hat man bei der nächsten Reflexion wieder viel Freude.

 

Tipp:

Manchmal ist kein Topf zur Hand – dann kann man natürlich auch etwas Anderes nehmen. Teilnehmer unserer Weiterbildung verwendeten in der Vergangenheit zu diesem Zwecke einfach ein großes Tuch, aus dem sie eine Art Sack knoteten und in die Mitte drapierten.