seit 1994

Peter Sabel

Abschlussprojekt der Ausbildung Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP des KAP-Institutes

Aufgrund des Datenschutztes wurden die Namen aller Beteiligten (außer Julie Castra und Gordon Bittern) geändert und alle Informationen, die Rückschlüsse auf Personen zulassen, entfernt.

 

Voyageurs auf der Weser - Eine Kanutour mit Tiefgang

 

Erlebnispädagogisches Projekt von Peter Sabel

 

 

Projektbericht – Inhaltliche Gliederung

1. Einleitung: Erlebte Geschichte

 

2. Erlebnispädagogisches Konzept
2.1. Pädagogischer Hintergrund / Idee
2.2. Allgemeine Zielsetzung
2.3. Art der Unternehmung

 

3. Zielgruppe
3.1. Gruppenzusammensetzung
3.2. Beschreibung der Teilnehmerinnen

 

4. Projektverlauf
4.1. Vorbereitung
4.2. Geplanter Projektverlauf
4.3. Tatsächlicher Projektverlauf
4.4. Abschluss

 

5. Nachbereitung
5.1. Veränderungen bei den beteiligten Kindern
5.2. Reaktionen in der Einrichtung

 

6. Reflexion
6.1. Besondere Erlebnisse
6.2. Erkenntnisse / Erfahrungen

 

7. Öffentlichkeitsarbeit

 

8. Literaturverzeichnis

 

9. Anhang
9.1. Einverständnis der Einrichtung; Nachweis Versicherung
9.2. Projekttagebuch
9.3. Spielanleitungen
9.4. Empfehlungen Ausrüstung
9.5. Übersichtskarte Weser

 

1. Einleitung : Erlebte Geschichte

Jeder Mensch lebt seine Geschichte, jeden Tag ein neues Kapitel. Manchmal ergibt sich die Chance, jemand anderes Geschichte mitzufühlen, sei es in der persönlichen Erzählung, im Buch oder im Film. Doch wie wäre es, für einige Tage die Geschichte eines anderen selber zu erleben? In den Mokassin eines anderen zu laufen, wie ein Spruch der Indianer sagt, heißt ihn besser verstehen. Ein anderer, das soll hier heißen: ein Mensch, der zu einer anderen Zeit auf einem anderen Kontinent ein anderes Leben führte. Vielleicht lerne ich auf diesem Weg Sichtweisen und Dinge kennen, die auf mein alltägliches Leben rückwirken?

Seit 1990 bin ich als Psychologe in der AA Landshut tätig. In meinem Alltag habe ich oft teil an den schwierigen Geschichten der Menschen, die in der Arbeitsgesellschaft ihren Platz nicht finden. Um ein Haar hätte ich aus dieser Rolle heraus ein Projekt mit jugendlichen Arbeitslosen begonnen, doch dazu kam es nicht – haftungsrechtliche Fallstricke, institutionell-behördliche Realität. Aus der Not fand ich auf einem Umweg zurück zu einer älteren Idee, die ich nun mit sozial benachteiligten Kindern umsetzen wollte: der Darstellung der Geschichte und Geschicke vergangener Zeiten habe ich selber, gemeinsam mit meiner Familie und mit Freunden, seit Jahren schon viel Zeit und Hingabe gewidmet. Den beteiligten Kindern dieses Fenster in die Vergangenheit öffnen und damit gleichzeitig Gelegenheiten zum Lernen, zur Bewährung, zur Kooperation anbieten, das will ich probieren.

 

 

 

2. Erlebnispädagogisches Konzept
2.1. Pädagogischer Hintergrund / Idee

Ich will mit Mädchen arbeiten, die aus ihrem wenig förderlichen Umfeld herausgelöst und durch Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe in ein familienähnliches Setting eingegliedert wurden. Eine gemeinsame Kanu-Tour kann das Erleben eigener Fähigkeiten fördern wie auch das Wahrnehmen der Natur als Anreiz zur eigenen Fortentwicklung. Unsere Reise auf dem Fluss bringt uns nahe an die Voyageurs (Abb. F. A. Hopkins, 1869, Library and Archives Canada), die im Transport von Pelzen und anderen Waren im 18. / 19. Jahrhundert über Flüsse und Seen den nordamerikanischen Kontinent für die weiße Besiedlung erschlossen haben. Ihr wichtigstes Fortbewegungsmittel war das Kanu (im Sinne der deutschen Bezeichnung Kanadier). Sie leben im frankophonen Raum in ihren Liedern weiter, und nun also auch im Titel meines Projektes.

 

 

2.2. Allgemeine Zielsetzung

Die Teilnehmerinnen haben in ihrem Leben überwiegend Erfahrungen in unsicheren familiären Bindungen gesammelt und deshalb tendenziell wenig Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeitserwartung entwickeln können. Hemmungen und Ängste müssen abgebaut, mentale Stärke und Durchhaltevermögen aufgebaut werden. In der Gruppe kann das Zusammenhelfen in der Mühe wie auch das gegenseitige Entlasten modellhaft eingeübt werden. Die aktive Bewegung und Betätigung in einer attraktiven Natur-/ Kulturlandschaft soll Alternativen zum passiven Konsumieren aufzeigen. In der Förderung körperlicher und praktischer Fertigkeiten liegt ein positiver Keim für die Steigerung der Eigeninitiative, die im Leben oft erst einen produktiven Problemlöseprozess eröffnet. Unterm Strich soll das gemeinsame Erlebnis den Mädchen für zukünftige Bewährungssituationen im familiären Zusammenleben und in der Schule Rückgrat und Rückenwind mitgeben.

 

 

2.3. Art der Unternehmung (inkl. Projektort und –dauer)

Die Inhalte des Projektes Voyageurs auf der Weser liegen im Natur- und Selbsterleben während einer zweitägigen Tour. Bewältigung und Scheitern sind denkbar, da mir widersprüchliche Meinungen zur Angemessenheit bestimmter Tagesetappen vorliegen. Ich favorisiere eine Durchführung nahe am Wohnort der Teilnehmerinnen, und so nehme ich in Kauf, dass ich den zu befahrenden Fluss nicht aus erster Hand kenne. Einige Telefonate, ein einschlägiger Kanuwanderführer (Schulze, 2011) und das sorgfältige Studium von google-Maps füllen diese Erfahrungslücke. Die Weser verspricht  auch im späten Sommer einen stabilen Wasserstand, sie gilt dabei als unproblematisch selbst für Paddel-Neulinge. Letztlich orientiere ich mich in meiner Planung maßgeblich an einem Beispiel (→ Literaturliste), das der Anbieter Kanu Wasser Wander Service / Bad Münder im Internet vorstellt. Hier finde ich gleichzeitig eine gute Adresse für die Bereitstellung des Materials und Vorinformation.

 

 

3. Zielgruppe
3.1. Gruppenzusammensetzung

Eine Bekannte leitet mit ihrem Ehemann eine sozialtherapeutische Lebensgemeinschaft. Das Ambiente ist ländlich, Gebäude und Grund werden parallel landwirtschaftlich genutzt. Die teils schon erwachsenen eigenen Kinder und eine fest angestellte hauswirtschaftliche Kraft helfen bei der Bewältigung der anfallenden Arbeit. Aktuell leben fünf Mädchen zwischen acht und dreizehn Jahren in der Einrichtung. Die Pflegeeltern sind mit der gegenwärtigen Gruppenzusammensetzung sehr zufrieden, denn trotz aller persönlichen und sozialen Belastungen harmonieren die Mädchen untereinander besser als früher dort betreute Jugendliche.

Die beabsichtigten Projektinhalte sind auf körperlich regulär belastbare Mädchen im Schulalter abgestimmt. Sinnesbehinderungen oder gesundheitliche Sensibilitäten mit Auswirkungen auf die gemeinsamen Aktivitäten sind von den Teilnehmerinnen nicht bekannt.

Ich kann in der gewählten Gruppenkonstellation auf kindliche Freude und auf kindliche Bockigkeit stoßen; auf unterschiedliche Kondition mit wechselnder Bereitschaft zur Kooperation; auf Normen und Werte, die spürbar von meiner eigenen Prägung verschieden sind. Die Frage der Motivierung wird sich möglicherweise immer wieder stellen. Immerhin darf ich auf die pädagogische Vorarbeit und auf die hohe Unterstützungsbereitschaft der Pflegefamilie aufbauen. Da für die Mädchen der Bezug zu ihren Pflegeeltern sichtbar bleiben soll, bezieht der Projektablauf diese an den wichtigen Etappenzielen ein.

 

 

3.2. Beschreibung der Teilnehmerinnen (Kurzbeschreibung, Ressourcen, Ziele)

Tina (13) ist die älteste Teilnehmerin. Ihre leibliche Mutter hatte sie beim Stiefvater zurückgelassen, dessen neue Partnerin Tina irgendwann auf dem Parkplatz eines Krankenhauses absetzte. Zu den leiblichen Eltern fehlt der verlässliche Kontakt. Mit dieser Hintergrunderfahrung von Beziehungsabbrüchen kämpft Tina in erkennbarer Weise. Sie taut im Zweierkontakt soweit auf, dass man etwas von ihren Wünschen und Plänen hört; sie möchte später als Erzieherin arbeiten. In der Gruppe äußert sie sich nur ungern, was sie ängstlich und unbeholfen wirken lässt. Das Zelten als solches kennt sie als Einzige unserer Teilnehmerinnen, so dass sie sich mit Kraft und Geschick mehr als die anderen in den Aufbau des gemeinsamen Camps einbringen kann. Sie beweist dazu auf der Blockflöte eine gewisse Musikalität. Vielleicht gelingt es, sie für den Kontakt etwas zu öffnen und ihr ein Empfinden für ihre starken Seiten zu vermitteln.

Ramona (12) und Tanja (9) sind Schwestern. Ihr Vater kam bei einem Arbeitsunfall 2008 ums Leben. Ramona war früh in eine verantwortliche Position gekommen, schon zur Entlastung der verwitweten Mutter. Die starb 2009 unter ungeklärten Umständen; ein Suizid in der Folge erlebter psychischer Überlastung ist nicht ausgeschlossen. Das familiäre Klima, namentlich der Kontakt zu den Großeltern, war wohl immer gespannt; diese Katastrophe konnte es letztlich nicht auffangen. Ramona gilt als recht fixer Kopf und kann einen eigenständigen Kontakt zu Erwachsenen aufbauen. Sie ist eine der Säulen für die konditionelle Bewältigung unserer Tour. In unserer Mädchengruppe sichert ihr das eine maßgebliche Position. Etwas Kindheit nachzuholen könnte ihr gut tun.

Tanja währenddessen erscheint häufig verträumt und verliert in vielen Situationen bald den Faden. Äußere Risiken bedeuten ihr wenig, wenn sie forsch an die Dinge herangeht und probiert, was ihr probierenswert erscheint. Ihr Kontakt zur Großmutter war etwas enger und herzlicher, soweit bekannt ist. Die Rivalität zwischen den Schwestern führt oft zu Zwistigkeiten; sie sollen lieber nicht im selben Kanu sitzen, meint der Pflegevater. Für Tanja wäre es ein passendes Ziel, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Bewältigung der Gruppenaufgaben einzusetzen.

Franziska (10) entstammt einer Beziehung, die früh auseinander ging und in der noch heute keine angemessene Kommunikation möglich erscheint. Trotz Missbrauchserfahrungen und Hinweisen auf eine schulische Retardierung zeigt sie sich im Alltag relativ unauffällig. Im sozialen Gefüge ist sie beliebt; das ermöglicht ihr, andere zu Unfug anzustiften und selber schadlos auszugehen. Manche Pose und Kontaktaufnahme kommt recht kokett daher und gerade im körperlichen Kontakt tendiert sie verschiedentlich zur Testung der Grenzen. Das müssen wir bei der Belegung unserer Zelte in die Kalkulation aufnehmen. Franziska singt mit Hingabe und geht wonnig in der Musik auf, die wir gemeinsam machen. Die Balance zwischen Nähe / Wärme und Respekt / Distanz wird ein wesentliches Lernfeld sein.

Für Veronika (8) sind die familiären Startbedingungen auch prekär gewesen. Sie ist in einer längeren Geschwisterreihe nicht das erste, das vom Jugendamt  in ein gedeihlicheres Umfeld verpflanzt wurde. Ihre Mutter ist geistig sehr einfach strukturiert (wohl Analphabetin) und konnte Veronika nicht fördern. Erst kürzlich hat diese mit dem Erlernen des Lesens begonnen, und auch andere kognitive Leistungen gelingen Veronika vergleichsweise verzögert. Sie fragt oft nach, was zu tun sei und wie es weitergehen werde, doch verquirlt sie die Informationen zu einem kunterbunten Brei. Zurzeit ist das Umgangsrecht mit der Herkunftsfamilie wegen wiederholter Missbrauchsvorfälle streitig. Die Mutter versucht zumindest regelmäßig den telefonischen Kontakt zu halten; in diesem Kontext bringt sie hinsichtlich der Tour etliches durcheinander und lässt deutliche Besorgtheit erkennen. Es wäre für Veronika schon ein veritabler Erfolg, wenn sie ihre eigenen Ängste bezwänge und konditionell einigermaßen durchhielte.

 

 

4. Projektverlauf
4.1. Vorbereitung

Bis zum Start des Fortbildungsmoduls „Anleitung zur Praxis“ hatte ich kein klares Ziel für mein Projekt abgesteckt. Locker hatte ich erwogen, mich mit H.D. Thoreau und seinem Werk Walden zu befassen. Einige der dort vorgefundenen Kapitelüberschriften inspirierten mich auf Projektelemente hin, die mir förderlich und stimmig erschienen:

 

Ökonomie                                           → Ausrüstung absprechen

Wo ich lebe                                          → Orientierung mit Karte und Kompass

Lesen                                                  → vorlesen und zuhören

Die Geräusche des Waldes                    → Sinnliche Wanderungen ohne Sicht

Alleinsein und innere Stille finden         → Solo

Gäste                                                   → Warmes Essen

Der See                                                → Kanu

Höhere Gesetze                                    → ausgewogene Ernährung

Wärme                                                 → Lagerfeuer

Abschluss                                            → Erfindung der Lichtbilder (Partnerspiel Kamera)

 

Diese gedankliche Annäherung half mir später, als ich – wie oben angedeutet – Knall auf Fall ein neues Projekt definieren musste. In der Planungsphase wurde mir ein bewusstes Ineinanderfließen psychologisch begründeter Interventionen und erlebnispädagogischer Angebote wichtig. Dieser eigene Anspruch, abgeleitet aus dem Selbstverständnis als wissenschaftlich ausgebildeter Praktiker, war auszubalancieren gegen das Risiko einer Überfrachtung mit Inhalten und Material, gegen ein Übermaß an Aktivität beim Gruppenleiter.

Offen gestanden, hätte ich mit einer aus meinem beruflichen Kontext geläufigen Thematik mehr Zuversicht und Sicherheit empfunden, und auch das wenig vertraute örtliche Umfeld des Projekts forderte mich. Die zeitliche Deckelung auf zwei Netto-Tage wählte ich in diesem Kontext als Risikobremse. Ein Projekt dieser Größenordnung blieb im Rahmen dessen, was ich mir nach Jahren kommunikationsorientierter Schulungstätigkeit zutrauen kann.

Die Suche nach Co-Trainern war kurz: mein Sohn Matthias (19) ist in der Wasserwacht aktiv und ausgebildeter Rettungsschwimmer; meine Tochter Sandra (16) war im zurückliegenden Schuljahr für sechs Monate auf einem Törn mit dem Sail Training Ship Thor Heyerdahl. Ihre Teilnahme war mir auch wichtig, weil sie Ansprechpartnerin und Identifikationsfigur für Mädchen sein kann, wo sich diese vielleicht nicht an einen Mann richten wollen.  Wir gingen, unterstützt von meiner Frau, auf eine eintägige Kanu-Tour auf dem Regen, um die Kooperation zweier Boote und Notfallszenarien zu erproben. Eine systematische Auswertung unserer Erkenntnisse, die u.a. ein prachtvoll gelungenes Kentern der Eltern recht eindrücklich formte, unter Organisations- und Sicherheitsaspekten schloss sich an. Manche neue Idee floss in die weitere Planung ein.

Spielerische Elemente wählte ich aus dem Material der vorab absolvierten Seminare aus, dazu aus Veröffentlichungen zur erlebnispädagogischen Arbeit speziell mit Kanadier-Booten (Steinhardt & Singer, 2005). Zusätzlich wollte ich das gemeinsame Singen einbauen, als gruppenstiftendes und –stützendes Element; im erlebnispädagogischen Kontext war mir dieses Medium bislang wenig begegnet. Über meine Frau, die als Gitarrenpädagogin arbeitet und die sich musikalisch einbrachte, hatte ich die Lieder der Voyageurs kennen gelernt.

Auf diese Weise bestand ein komplexes Rollengeflecht innerhalb des Trainer-Teams:  männlich / weiblich; Eheleute / Geschwister; Eltern / (nahezu erwachsene) Kinder; pädagogisch erfahrene Betreuer / Neueinsteiger etc. Die terminliche und organisatorische Abstimmung immerhin gelang auf diese Weise ganz reibungsarm. Ob die familiäre Nähe sich auch als Basis für ein professionelles Zusammenwirken eignen würde, angesichts der Versuchung, familiäre Autorität anstelle einer fachlich-sachlichen Abstimmung zu setzen?

Da bereits das Kanufahren für die Mädchen eine ungewohnte sportliche Aktivität darstellte, die viel Kraft und Aufmerksamkeit absorbieren würde, hielt ich die Risikoschwelle bei den Spielen betont niedrig. Reizvoll erschien mir das Anknüpfen an traditionelle Spiele, die in früheren Zeiten zur Schulung von Geschick, Körperbeherrschung und Fairplay selbstverständlich waren. Meine eigenen Assoziationen zum Rahmenthema beriet ich prüfend mit meinen Co-Trainern. Laufend gab es in der Planungsphase Absprachen mit den Pflegeeltern, damit das Angebot nahe an den Bedürfnissen der Teilnehmerinnen verblieb.

Wir würden uns innerhalb der Reichweite der regionalen Notfallversorgung bewegen, so dass das Mitführen eines kleinen Erste-Hilfe-Sets sowie der Notizen zu den Anlaufstellen für etwaige medizinische Notfälle hinreichend erschien. Zum Sicherheitskonzept gehörte die Einteilung der Crews, wo die verantwortliche Stellung je eines Trainers auf jedem Boot sicherzustellen war. In der Absprache der Verantwortlichkeiten und Prioritäten für den Notfall regelten wir gleichzeitig die Rollenzuordnung (Notfallrettung Matthias / ich; Materialbetreuung Sandra / ich). Wir sichteten die für unseren Kurs relevanten Zeichen für die Binnenschifffahrt

(→ Literaturliste), da die Weser als Bundeswasserstraße eingeordnet ist. Durch eine Ergänzung des bestehenden Vertrages zur Betriebshaftpflichtversicherung der Pflegeeltern war die versicherungsrechtliche Absicherung unaufwändig.

Die Finanzierung (Kosten für Anfahrt, Miete der Kanus, Campingplatz, Versicherung etc. summierten sich auf ca. 522 €; zusätzlich stellte die Institution die Verpflegung) war aus den Tagessätzen der Jugendhilfe heraus möglich. In Fachliteratur und Spielmaterial zur eigenen Weiternutzung  investierte ich selber ca. 115 €. In der gegebenen Konstellation wollten wir als Trainer-Team auf eine Entlohnung verzichten. Ideelle Anerkennung für meine Co-Trainer erfolgte durch eine Bestätigung über Praktikumstage im pädagogischen Einsatzfeld.

 

 

4.2. Geplanter Projektverlauf

Briefing, Kontaktaufbau

Mittwoch, 24.08.2011; Peckelsheim, Stadt Willebadessen; ca. 19:00 h; 1,5 Std.

Kennen lernen

Vertrauen herstellen

Vereinbarungen zur Zusammenarbeit

 

Ablaufplan:

Info zum Ablauf

Regeln (z.B. zu Hierarchie, Feedback) einführen

Erlaubnis (z.B. Fotodokumentation) einholen

Kurzinformation Kanu

Spiel Das bewegte Tischtuch (→ Anhang)

Einteilen Crews (2 x 3, 1 x 2)

Gepäck gemäß Packlisten (vollständig? Nicht zuviel?) (→ Anhang)

Erwartungsabfrage; Spiel Zündhölzer (→ Anhang)

 

Material:

Feste Plane, unzerbrechliches Weinglas

Streichholzschachtel

 

Einweisung und Etappe I

Donnerstag, 25.08.2011; Peckelsheim / Holzminden-Stahle; ca. 07:00 h; 5,5 Std.

Eigene Vorsorge treffen (Verpflegung für den Tag)

Koordiniert und pünktlich anreisen

Sicherheit auf der Tour

Erste Praxiserfahrung

 

Ablaufplan:

Frühstück, Vorbereitung der eigenen Verpflegung

Anfahrt (ab 08:00 h) zum Treffpunkt (09:00 h, Kanuverleih)

Einkleiden Rettungswesten

Einweisung Kanu / Paddel

Paddel Hipp-Hopp (→ Anhang)

Verstauen des Tagesgepäcks

Langsamer Einstieg / Start Tour

 

Material:

Kanu, Paddel, Rettungswesten, wasserdichte Tonnen (vom Kanuverleih)

 

Rast I: 

Donnerstag, 25.08.2011; Heinsen; ca. 12:30 h; 1,5 Std.

Sorgsamer Umgang mit dem Material

Orientierung nach Karte und Kompass

Exakte Kommunikation

 

Ablaufplan:

Kanus sichern

Mittagessen / Picknick (Vorbereitete Brote, Gemüse-Sticks mit Dip, Obst)

Positionsbestimmung mit Karte und Kompass

Spiel Hindernislauf (durch unwegsames Gelände) (→ Anhang)

Vorbereitung zur Fortsetzung der Tour

 

Material:

Karte, Kompass (ein Exemplar zur Demonstration)

Pflöcke (Zelthäringe o.ä.), Schnüre, Augenbinden (Dreieckstücher o.ä.)

 

Etappe II und Rast II:

Donnerstag, 25.08.2011; ca. 14:00 h; 3,5 Std.

Sicherheit

Kooperation in wechselnden Rollen

Die eigenen Kräfte einteilen

Bewusstes Erleben der Umwelt

 

Ablaufplan:

Abfahrt (14:00 h) und Fortsetzung Tour

Einführung in die Wasserrettung (während einer kurzen Pause bei Grave)

Spiel Menschliche Kamera → Anhang

Fortsetzung Tour

 

Zeltplatz und Nachtlager: 

Donnerstag – Freitag; 25./26.08.2011; Rühle (Zeltplatz Rühler Schweiz); ca. 17:00 h; 14 Std.

Kooperation, Fairness und Gewissenhaftigkeit

Geschicklichkeitsspiele, neu und traditionell

Musik und Singen als erlebnispädagogisches Medium

 

Ablaufplan:

Treffpunkt Camping-Platz (ca. 17:00 h)

Kanus sichern

Aufbau Camp

Zubereitung Abendessen

Persönliche Nachlese (Stille Minute) (→ Anhang)

Abendessen

Abräumen, Abwasch etc.

Spiel Murmelreise (→ Anhang)

Spiel Boules / Pétanques (→ Anhang)

Leben und Lieder der Voyageurs (→ Anhang)

Körperpflege

Nachtruhe

 

Material:

Zelte, Schlafsäcke etc., Verpflegung, (Koch-)Geschirr etc. (→ Anhang)

Klangschläuche (Isolierschläuche aus dem Baumarkt), Boules

Texte und Noten, Gitarre

 

Lagerabbruch und Etappe III:

Freitag, 26.08.2011; Rühle (Zeltplatz Rühler Schweiz); ca. 07:00 h; 6 Std.

Wach werden für das Naturerlebnis

Gemeinsam aufräumen

In den Kanus neu zusammenfinden

 

Ablaufplan:

Aufstehen (ca. 07:00 h)

Spiel Blinde Karawane (→ Anhang)

Gemeinsames Frühstück, Vorbereiten der Tagesverpflegung

Lager räumen und abbrechen

Vorbereitung zur Fortsetzung der Tour

Stimmungsbild Cäsars Daumen (→ Anhang)

Fortsetzung Tour

 

Material:

Verpflegung

Augenbinden (Dreieckstücher o.ä.)

 

Rast III: 

Freitag, 26.08.2011;  Hajen; ca. 12:00 h; 1,5 Std.

Auf andere achten → Fürsorge zeigen

Realistische Zielsetzung für eine Gruppenleistung vereinbaren

Individuelles Körpergeschick und Selbstvertrauen einüben

 

Ablaufplan:

Kanus sichern

Mittagessen / Picknick
(Vorbereitete Brote, Müesli-Riegel, Trocken-Obst, Nussmischung)

Spiel Menschenpyramiden

Fortsetzung Tour

 

Material:

Bildvorlage Menschenpyramiden

 

Etappe IV und Abschluss:

Freitag, 26.08.2011; Hajen / Hameln; ca. 13:30 h; 3,5 Std.

Durchhalten

Ein sauberer Abschluss

Zusammenfassende Reflexion

Rückmeldung in einer wertschätzenden Atmosphäre

 

Ablaufplan:

Fortsetzung Tour bis zum Zielpunkt

Säuberung und Rückgabe Kanus

Reflexion (nach Leitfragen) (→ Anhang)

Rückmeldung (Runde mit Talking Stick) (→ Anhang)

 

Material:

Talking Stick

 

 

4.3. Tatsächlicher Projektverlauf

Briefing, Kontaktaufbau

Beginnt zwanglos aus dem gemeinsamen Abendessen heraus. Das Vertrauen ist ganz schnell da. Das Packen nimmt  Eigendynamik auf und zieht sich unerwartet lange. Deshalb deutliche Verzögerung im Zeitplan.

 

Einweisung und Etappe I

Weit gehend entsprechend der Planung. Beim Verstauen des Bordgepäcks vergessen wir einen Teil der Verpflegung (Trockenobst etc.). Die ersten Kilometer geben Sicherheit.

 

Rast I: 

Die Positionsbestimmung entfällt mangels markanter Punkte zum Anpeilen. Wir ziehen den Themenpunkt Wasserrettung vor. Ein zusätzliches Spiel (Buddy Bang) zur Auflockerung. Sonstiger Ablauf wie vereinbart.

 

Etappe II und Rast II:

Gute Stimmung an Bord, es geht auch gut voran. Die Mädchen verzichten auf die Rast, damit entfällt das vorgesehene Spiel.

Zeltplatz und Nachtlager: 

Alles im Plan; die zunächst so nicht vorgesehene Anreise beider Pflegeeltern gibt dabei tätige Unterstützung. Alle fühlen sich wohl im Camp. Die Nacht verläuft nicht gänzlich störungsfrei, dennoch ohne Dramen.

 

Lagerabbruch und Etappe III:

Auch an diesem Morgen geht es reibungsfrei voran. Wir haben uns vereinbart, recht frühzeitig auf dem heutigen Weg eine Besichtigungspause in Bodenwerder einzulegen. Dahin verschiebe ich die Blinde Karawane.

Etwas Zeit für eine kleine touristische Erkundung außerhalb des Tourplans.

 

Rast III: 

Etwas Kühle suchen im Schatten einer Ufermauer. Die Menschenpyramiden fallen den Mädchen schwerer, als ich es eingeschätzt hätte. Wir improvisieren auf einfachem Niveau, und so kommt der Spaß doch noch zu seinem Recht.

 

Etappe IV und Abschluss:

Gerade eben reicht die Kraft. Die ca. 7 fehlenden Kilometer nach Hameln legen wir im Transporter zurück. Jetzt gibt es das dringend ersehnte Eis für alle und danach eine kleine Spurensuche zum Rattenfänger.

Reflexion und Rückmeldung verlagere ich auf den späteren Abend, d.h. nach der Rückkunft in der Einrichtung. Ganz offensichtlich sind alle beseelt von der gemeinsamen Erfahrung.

 

 

4.4. Abschluss

Der folgende Samstag dient der Regeneration. Am Abend wird auf der Pferdeweide hinter dem Hof ein Lagerfeuer entzündet. In der Glut backen sich alle Stockbrot und verschiedene Würste (hausgemacht und lecker). Zwar treibt uns ein Gewitter in die Scheune, doch auch um den Grill sitzend kann man noch einmal die neu gelernten alten Lieder der Voyageurs singen. Nach der Tour ist vor der Tour – neue Pläne werden schon geschmiedet.

Sonntags gleich nach dem Frühstück heißt es Abschied nehmen. Mich und mein Trainer-Team ruft der Alltag zurück nach Niederbayern. Die Zugfahrt nutzen wir zum abschließenden Gedankenaustausch.

 

 

5. Nachbereitung

5.1. Veränderungen bei den beteiligten Kindern

Nachhall:

Alle fünf sind noch Wochen später ganz erfüllt von den Erlebnissen der Kanu-Tour. Die Pflegemutter weiß in unserem Gespräch dazu von keinem einzigen einschränkenden Satz, von keinem „das … aber hat mir nicht gefallen“. Die Mädchen wünschen sich auch nicht allein ein Aufgreifen des Abenteuer-auf-dem Fluss-Fadens, sondern ein tieferes Eindringen in die Geschichte, wie sie hier erlebbar war. Nach unserem Abschied von Peckelsheim dauert es nicht lange, bis die Mädchen sich brieflich bei Sandra und Matthias melden: Fan-Post.

 

Entwicklung:

Für die Durchführung unseres Projekts war eine Gruppe mit vergleichsweise milden Störungsbildern ein Riesenvorteil. Nun fehlen halt die Sichtbelege für die ganz großen Entwicklungsschübe. Ohne Zweifel hat sich bei den Mädchen der Horizont erweitert, für die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten zum einen, für die Angebote ihres Lebensumfelds zum zweiten und für die geschichtliche Wirklichkeit zum dritten.

 

 

5.2. Reaktionen in der Einrichtung

Resonanz:

Uneingeschränkt positiv. Da kommen sicherlich einige gute Gründe zusammen, und die menschliche Nähe zwischen der Pflegefamilie und dem Trainer-Team ist einer davon. Gleichwohl bringen die Pflegeltern selber hinreichend Sachverstand, Vergleichsmöglichkeit und Aufrichtigkeit auf, zu benennen, was daneben gegangen wäre. Ein Folgeprojekt für 2012 steht auch bei den Verantwortlichen der Institution ganz oben auf der Wunschliste.

 

Einschätzung von Aufwand und Nutzen:

Eine Entlastung der Institution von zeitlichem und finanziellem Aufwand war nicht zu spüren, obwohl die Betreuung der fünf Mädchen für die Zeit des Projekts sozusagen outgesourct war. Der logistische Faktor des „Begleit-Teams“ schlägt dabei schwer zu Buche. Die entstandenen Kosten schätzt man, insbesondere in Anbetracht des relativ hohen Personalschlüssels, als eher günstig für eine solch überschaubare Gruppe; Profis hätten bei entsprechendem Kostensatz pro Kopf erst bei einer wenigstens doppelt so großen Teilnehmerzahl die Paddel in die Hand genommen, damit schlussendlich Geld übrig bleibt. Alles in allem vernehmen wir ein freudiges und eindeutiges „das war’s wert“.

 

 

6. Reflexion

6.1. Besondere Erlebnisse

Wenn ich in meinen Erlebnissen krame, wird mir deutlich: das Besondere ist der beinahe reibungslose Ablauf gewesen. Wie finde ich prägnante Bilder und Worte zur Beschreibung eines unspektakulären Gelingens? Nun, eine Erinnerung wird mir klar vor Augen bleiben: unsere Kanus, verbunden zur Insel, treiben an Kühen vorbei, die bis zum Euter in der Weser stehen, und die Mädchen lauschen hingebungsvoll paralysiert auf ein amerikanisches Volkslied, dessen zweihundert Jahre alte Geschichte sie tief berührt.

 


6.2. Erkenntnisse / Erfahrungen

Erlebnispädagogik und Psychologie:

Durchaus keine unversöhnliche Kombination. Schwierig wird die wissenschaftlich befriedigende Beschreibung von Kausalzusammenhängen, der Wirksamkeit bestimmter Interventionen und der Dauerhaftigkeit beobachteter Verhaltensänderungen. Auch der (zumeist erwünschte) Transfer neu erlernten Verhaltens in andere soziale Kontexte würde sich erst unter der Bedingung aufwändiger Pre- und Post-Befragungen erschließen. Diese Herausforderungen ähneln denen der Psychotherapieforschung. In meinem eng umgrenzten Projekt muss ich mir keine gesicherten Erkenntnisse dazu erhoffen.

  

Erlebnispädagogik und Didaktik:

Ein aneignendes Lernen durch Handeln entspricht der Struktur des menschlichen Hirns ganz eindeutig mehr als die akustisch oder visuell unterstützte Wissensvermittlung. Wer die längerfristige Wirksamkeit erlebnispädagogischer Konzepte für den Geschichtsunterricht o.ä. in Zweifel zieht, kann seine hohe Meinung von der Einprägsamkeit kreidestaubtrockener Tafelanschriebe sicherlich schlüssig begründen.

 

Kooperation im Trainer-Team:

Aus unseren durchwegs positiven Erfahrungen allein lässt sich kein System ableiten. Wie in jedem Team erleichtert Homogenität die interne Kommunikation, während Diversität das kreative Potenzial vermehrt. Unbedingt beibehalten würde ich den Personalschlüssel, schon um jedem Mitglied der Betreuungsmannschaft auch einmal eine Auszeit zu ermöglichen.

 

Elemente des Projekts: 

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, sagt Goethe (ein Zeitgenosse der Voyageurs, wie nebenher angemerkt sei). War es genug? War es das Richtige? War es zu viel des Guten? Ich blicke zurück und erkenne – wie häufig bei mir – ein Muster, die verfügbare Zeit prall aufzufüllen mit Angeboten. Da spielt wohl der Rechtfertigungsdruck im Abschlussprojekt hinein, doch auch die eigene Neigung, die Kontrolle zu behalten. Gäbe es noch einmal die Chance auf ein vergleichbares Projekt, wollte ich die Inhalte lieber etwas ausdünnen. Dem inneren Erleben mehr Zeit und Ruhe lassen …

 

Planung und Improvisation:

Ich weiß schon aus meiner musikalischen Erfahrung: man sollte sich gut vorbereiten auf das Improvisieren. Dabei ist es nur eine persönlich peinliche Erfahrung, wenn man ein Jazz-Solo mal in den Sand setzt. In eine andere Dimension stößt man vor, wenn bei einem Projekt in der Natur unzureichende Vorüberlegungen oder die eigene Rigidität andere in Bedrängnis und Gefahr bringen. Dieses Mal habe ich den Mittelweg eingehalten, meine ich.

 

H.D. Thoreau: 

Immer noch ein schräger Vogel für mich, in seinem Idealismus und in seiner Favorisierung der Askese kein rechtes Vorbild für ein blutvolles Leben. Er gleicht anderen Propheten darin, dass er wortreich großartige Entwürfe malt, die er im eigenen Leben bis zur Grenze des Lächerlichen verfehlt. Nach seinem Tod dann aber haben seine Texte so viel in unserer Welt angestoßen, die Humanität und die soziale Gerechtigkeit solchermaßen befeuert – so macht die langfristige Wirkung erst den großen Mann aus ihm, als der er heute gilt. Und dass ein Aufenthalt in einer Waldhütte irgendwann so weithin Wellen schlägt – ist das nicht ein treffendes Beispiel für die Bedeutsamkeit kleinster Anfänge?

 

 

7. Öffentlichkeitsarbeit

An einer Publikation in der regionalen Presse oder an einer allgemein zugänglichen Darstellung des Projekts im Internet ist mir wegen des geschlossenen Rahmens unserer Vereinbarungen für die Tour persönlich nicht gelegen. Vorgesehen ist, die fertige Dokumentation auf Wunsch den zuständigen Organen der Kinder- und Jugendhilfe zugänglich zu machen. Der Institution steht das Projekt nicht schlecht an. Sollten wir dann wirklich eine aufbauende Folgeveranstaltung für das Jahr 2012 ins Auge fassen, finden sich im Projektbericht sicherlich gute Argumente für eine weiter gehende Unterstützung.

 

 

8. Literaturverzeichnis

 

Brendel, S. u. Kassel, G.: Kanufahren als soziale Therapie. „Übers Wasser auf zu neuen Ufern“. Pollner Verlag, Oberschleißheim; 2008.

KAP-Institut: Lehrgangs-/Kursunterlagen; Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP; Einführungskurs. Undorf: 2007.

KAP-Institut: Lehrgangs-/Kursunterlagen; Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP; City Bound. Undorf: 2008.

KAP-Institut: Lehrgangs-/Kursunterlagen; Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP; Bergsteigen, Trekking & Klettersteig. Undorf: 2009.

KAP-Institut: Lehrgangs-/Kursunterlagen; Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP; Anleitung zur Praxis. Undorf: 2010.

Liederatlas europäischer Sprachen der Klingenden Brücke. Band 1. Maßgebliche Gestaltung: Engel, G. u. Ohlenschläger, S. Die Klingende Brücke, Bonn; 2001.

Liederatlas europäischer Sprachen der Klingenden Brücke. Band 2. Maßgebliche Gestaltung: Engel, G. u. Ohlenschläger, S. Die Klingende Brücke, Bonn; 2002.

Schulze, M.: Die Weser. Ein nie enttäuschender Fluss. Pollner Verlag, Oberschleißheim; 2011

Steinhardt, T. u. Singer, D.: Kanuspiele.  Pollner Verlag, Oberschleißheim; 2005.

Widmann-Rapp, U.: Arbeiten im Team. In: Obermann, Chr. U. Schiel, F. (Hrsg.): Trainingspraxis – 22 erfolgreiche Seminare zu Vertriebstraining, Führung, Teambuilding und Unternehmensentwicklung. Köln: Wirtschaftsverlag Bachem, 1997.

Zu den Zeichen für die Binnenschiffahrt: http://www.elwis.de/Schifffahrtsrecht/Binnenschifffahrtsrecht/BinSchStrO/Anlagen/Anlage-7/index.html

Zu H.D. Thoreau: http://de.wikipedia.org/wiki/Walden

Zu H.D. Thoreau: http://en.wikipedia.org/wiki/Walden

Zum Camping-Platz: http://www.brader-ruehler-schweiz.de/

Zum Kanuverleih und zur Wegbeschreibung: http://www.paddeltouren.de/kanu_camp_i.html

Zum Talking Stick / Redestab: http://de.wikipedia.org/wiki/Redestab

 

9. Anhang

9.2. Projekttagebuch

 

Briefing, Kontaktaufbau

Bald nach unserer Ankunft in Peckelsheim nutzen wir einige offene Minuten zur Abstimmung der personellen Einteilung (Logistik, Kanus, Zelte) mit dem Pflegevater. Die letzten Checks zu Wetter- und Wasserstandsprognosen zeigen keine ernstlichen Schwierigkeiten, wenngleich wir nicht auf einen gänzlich trockenen Verlauf hoffen dürfen. Wenig später steht das Abendessen auf dem Tisch. In dieser Situation ergibt sich ganz zwanglos die Gelegenheit zur grundlegenden Einstimmung der Teilnehmerinnen.

Das Spiel Das bewegte Tischtuch zeigt zunächst, wie pfiffig gerade Ramona die Instruktion in eine andere Lesart umzudeuten vermag, die sie dann fast alleine umsetzt. Die Betonung der gewünschten Kooperation, eine beratende Intervention und eine Vereinfachung der Aufgabenstellung bringen die Mädchen zum angemessenen gemeinschaftlichen Handeln.

Sandra erstellt im Dialog mit den Teilnehmerinnen eine Packliste, die von den Mädchen in einem vereinbarten Zeitraum abzuarbeiten ist. Das klappt zunächst gut und flüssig, doch steht unvorhergesehen ein zeitliches Hindernis im Weg: aus meiner Empfehlung, die mitgeführten Brillen durch eine Kordel zu befestigen, entwickelt sich ein entsprechendes Bedürfnis für die (Arbeits-)Handschuhe. Mit Kordeldrehen und Knoten sind die Mädchen dann weit über die wünschenswerte Zeit hinaus befasst. Das sieht alles kreativ und schick aus, doch der Abend wird viel länger als geplant.

Die Abfrage der Erwartungen mittels der Zündhölzer offenbart ganz klar die Vorfreude. Einzig Franziska gesteht ihre Sorge ein, ins Wasser zu fallen. Tina scheut sich, das Streichholz zu entzünden und mag sich sogar unter diesen Umständen nur knapp äußern.

 

Einweisung und Etappe I

Die Vorbereitung der Tagesrationen gelingt den Mädchen im gewohnten Umfeld reibungslos. Auch die Anfahrt zeitigt keine Komplikationen, und recht pünktlich treffen wir auf den Mann, der unsere Kanus nach Stahle transportiert hat. Zum Abladen der Kanus helfen an dieser Stelle die anwesenden Erwachsenen. Die Ausgabe der Rettungswesten und der Paddel ist wiederum komplikationslos. Alle nehmen gespannt die erste Einweisung in das Führen der Paddel auf. Eine spontane Abmachung, über die ich später froh sein werde, setzt den Zielpunkt einige Flusskilometer nach vorne. Nicht Hameln, sondern Hagenohsen werden wir am zweiten Tag erreichen müssen.

Der Paddel Hipp-Hopp verläuft alles andere als pannenfrei. Ich nehme bei allem Tohuwabohu als gutes Zeichen, dass bis hinab zur jüngsten Teilnehmerin alle rechts und links korrekt auseinanderhalten. Das sollte die Anweisungen im Fluss einfacher machen. Im allgemeinen Trubel lassen wir dann das vorbereitete Päckchen mit den Müesli-Riegeln im Transporter liegen. Trotzdem: los geht’s! Und erstaunlich flott setzt sich die kleine Flottille in Bewegung.

Bundeswasserstraße Weser: ein Baggerschiff ist an diesem Vormittag, abgesehen von wenigen Fähren in diesem Flussabschnitt, das einzige andere Wasserfahrzeug, das unseren Spielraum einengt. Ich bin erleichtert, wie meine Streckenauswahl sich in diesem Punkt bewährt. Das alles ist gerade spannend genug.

 

Rast I: 

Alles geht bisher glatt und undramatisch über die Bühne. Nach ca. 10 Flusskilometern bemerken auch die Letzten, dass wir arbeiten, selbst wenn wir flussabwärts unterwegs sind – die Jacken wandern in die wasserdichten Tonnen.  Die modifizierten Arbeitshandschuhe bewähren sich und niemand muss sich über Blasen an den Händen beschweren.

Um ihren Input zur Orientierung nach Karte und Kompass einzuspeisen, bräuchte Sandra markante Bezugspunkte in der Flusslandschaft. Die finden sich nicht (im Übrigen nach ihrer Ansicht auch nicht während der weiteren Fahrt – es war wohl schließlich nicht so wichtig, denn wir verirren uns zu keiner Zeit), und so zieht Matthias seinen Part von der Wasserrettung vor. Einen weiteren Abbau der Anspannung habe ich mit dem spontan anberaumten Spiel Buddy Bang (→ Anhang) im Sinn. Das klappt gut und lockert die Stimmung weiter auf.

Für den Hindernislauf ist ebenfalls noch Zeit in Heinsen. Sandra hat nach der Lektüre meiner Spielbeschreibung den Parcours recht frei interpretiert, was mir zusätzliche Gelegenheit gibt, über klare Kommunikation nachzusinnen. Den Mädchen macht die Aufgabe Spaß, so wie sie ist und sie finden sich zunehmend in den Rhythmus unseres Projekts.

 

Etappe II und Rast II:

Im Zweier, den Sandra führt, hat Tina sich ganz auffällig bewährt. Wir experimentieren mittlerweile auf dem Fluss zur Kraftersparnis mit einer Art Trimaran: unsere drei Kanus gehen längsseits und so müssen nur die zwei äußeren Crews paddeln, während das mittlere Kanu die Stabilität sichert. Dieses abwechselnde Geben und Nehmen gibt ein starkes Gefühl der Gemeinsamkeit und ermöglicht gleichzeitig ein erstes intensives Singen. Matthias, Sandra und ich zeigen, soweit die Texterinnerung jeweils reicht, ein wenig von unserem historischen Repertoire und begeistern unsere Mitreisenden. Die bedanken sich mit einem Beinahe-endlos-Lied, das in seiner Naivität und spätkindlichen Derbheit den Voyageur-Liedern gar nicht so unähnlich scheint. Ein paar Felswände am Talrand bieten sich für Spielereien mit dem Echo unserer Stimmen an. Meine Güte, fünf Mädchen können markerschütternd schrill schreien. Eigentlich gehört sich solcher Lärm für anständige Paddler ja gar nicht, doch a) hat keiner gesagt, dass wir anständige Paddler sind und b) beflügeln uns diese Erlebnisse umso mehr. So folgt nach einem im weitesten Verständnis demokratischen Abstimmungsprozess überraschend der Verzicht auf die nachmittägliche Rast. Die ca. 25 Flusskilometer ihres ersten Paddeltages haben die Mädchen offenkundig gut überstanden. Ob ich die Menschliche Kamera an einer anderen Stelle einbringen kann?

Wir kommen schließlich deutlich vor dem Zeitplan am Campingplatz Rühler Schweiz an. Das Anlanden dort zeigt dann doch noch einmal Tücken in der Bootsbeherrschung auf. Für die Anfahrt flussaufwärts an die Rampe müssten die Mädchen Kraft einsetzen, die sie jetzt nicht mehr aktivieren können.  Nachdem der ganze Tag ohne Kentern und vergleichbare Kalamitäten verstrichen war, setzt Franziska ausgerechnet beim Ausstieg und Ausheben des Bootes ihre Befürchtung vom Vortag in die Tat um. So sind dann schließlich doch noch Tränen zu trocknen, selbst wenn (wenigstens mir als nicht unmittelbar Betroffenem) ein großer blauer Fleck für all die schon überstandenen Abenteuer als ein fairer Preis erscheint.

 

Zeltplatz und Nachtlager:

Die Boote sind an Land; ich kümmere mich um die Anmeldung am Zeltplatz; dem Bedürfnis der Mädchen, nun auch einmal wieder die Beine zu bewegen, kann leicht entsprochen werden.  Erleichtert sehe ich, wie ungezwungen sie sich in diesem neuen Terrain einfinden. Unsere Führung muss also nicht so eng sein und gibt ihnen doch Rückhalt. Schön ist es, auch Tina heute ganz locker zu erleben.  Nur Tanja muss ich entschieden zurückpfeifen, damit sie nicht auch noch in die Weser fällt.

Unser „Tross“ (die Pflegeeltern und deren kleine Tochter kommen für den Abend vorbei) trifft ein, und am erwählten Platz lassen wir in gemeinschaftlicher Arbeit zügig unser Camp für die Nacht entstehen. Das Abendessen ist vorgekocht – im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung, denn weitere ein oder zwei Stunden würde ich die Mädchen nicht auf die Kräftigung warten lassen wollen. Gerade für die von Sandra angeleitete Stille Minute (→ Anhang) reicht die Geduld noch, dann wird gefuttert.

Auf diese nahrhafte Grundlage kann ich Geschichten aus den Orten setzen, die wir morgen erreichen wollen. Über den berühmten Lügenbaron aus Bodenwerder amüsieren sich die Mädchen ganz köstlich, während der Ratten- und Kinderfänger von Hameln ihnen eher Unbehagen macht.

Wir erkunden gemeinsam in einer spontanen Session die musikalischen Möglichkeiten unserer Isolierschläuche, bevor sie uns als Spielmaterial für die Murmelreise dienen.  In der nun gelösten Atmosphäre ist es mir nicht mehr sehr wichtig, alle Regeln punktgenau durchzusetzen. Ramona hat schon ganz interessiert nachgefragt, was das denn alles für pädagogische Spiele seien. Na gut, es soll ein spielerisch leichter Abend sein, mit viel Respekt vor der kindlichen Freude. Die Boules sind Motiv im Voyageur-Lied, auf das die Mädchen sich trotz der wenig vertrauten Sprache gerne einlassen, wie auch im turbulenten Spiel auf der Wiese. Die Abendtoilette geht gut vonstatten; einzig Veronika bemerkt, dass sie ihre Zahnbürste nun doch vergessen hatte. Sie spült sich ersatzweise nach eigenem Bekunden fünfmal den Mund mit klarem Wasser.  Also, der gute Wille ist bei aller Schusseligkeit anzuerkennen.

Bis spät in die Nacht, deutlich nach der offiziellen Bettruhe, muss gegeistert und gegiggelt werden. Besonders Veronika ist immer wieder unterwegs, augenscheinlich zur Toilette. Das späte Gewitter über dem Zeltplatz aber macht, wie sich morgens herausstellt, niemandem im Camp wirklich Sorgen. Diesen Mut hatten sich die Mädchen selber noch gestern gar nicht zugetraut, registriere ich für mich.

Morgens kommen alle gut hoch. Noch einmal lassen wir uns durch angeliefertes Frühstück stärken und verwöhnen, doch jede kennt auch ihre Verantwortung für die Brotzeit des Tages.

 

Lagerabbruch und Etappe III:

Aufräumen, abbauen, Bootsvorbereitung – alles gemeinsam, alles ohne Problem. Die Mädchen fühlen sich fit für den Tag, Cäsars Daumen ist oben. Veronika fragt nur sicherheitshalber noch einmal nach, unter welchen Bedingungen es am Zielort das zugesagte Eis geben werde. Sie ist im Zweifel, ob sie es weiter packen wird; über den Tag werden die Abschnitte länger, in denen sie sich der Gruppe anvertraut und treiben lässt.

Ramona besteht jetzt noch darauf, den Pflegeeltern live den Buddy Bang vorzuführen. Die sind beeindruckt, wie sollte es anders sein, von unserer Energie. Ab ins Wasser, zuerst einmal bis Bodenwerder, auf speziellen Wunsch Matthiass. Vom Lügenbaron Münchhausen hatte ich ja nicht von ungefähr erzählt. Denkmäler, die seine wilden Geschichten illustrieren, stehen unweit des Flusses; diskret aber werden die ungezügelten Aktivitäten der hinteren Hälfte des hier abgebildeten edlen Rosses ausgeklammert. Ramona, so hat sich mittlerweile erwiesen, kann auch Wasser speien. Selbst wenn die Imitation stilistisch gegenüber dem Original etwas nachlässt …

Für die Blinde Karawane, bei uns in der Kanu-gemäßen Variante mit Hecksteuerung, findet sich nahe der Anlegestelle Gelegenheit. Die Mädchen haben ihren Spaß, bringen allemal die Sensibilität füreinander auf, die diese Aufgabe verlangt. Auch die Augenbinde macht niemand Schwierigkeiten; da war ich im Vorfeld nicht sicher gewesen. Ein Manko: wieder kommt keine klare Kommunikation in Gang.

Meteorologische Prognosen sind das eine, anders als angekündigt haben wir jedoch einen knallheißen Tag erwischt. Für unseren weiteren Weg haben wir viel trinkbare Flüssigkeit eingepackt, doch der Fluss bietet vor der Sonne keine Zuflucht. Unter meinen Augen welken mir die Mädchen dahin. Wir erreichen den Rastplatz Hajen kurz vor dem Sonnenhöchststand und bergen uns im schmalen Schatten einer Ufermauer.

 

Rast III: 

Eben haben wir unsere Brotzeit ausgepackt, da landet ein Zweierkajak an der Anlegestelle. Bis ich aber den Entschluss fasse, das Pärchen um eine Erläuterung dieses anderen Bootstyps vor den Mädchen zu bitten, sind die beiden schon auf Besichtigungstour weg vom Fluss. Da war ich zu zögerlich, schade!

Matthias übergebe ich die Anleitung zu den Menschenpyramiden. Die Mädchen sind zuerst recht zaghaft am Werk, und so muss er den Einstieg über eine sehr niedrige Schwelle wählen. Meine Wahrnehmung ist, dass Gleichgewichtsgefühl und Mut unerwartet gering sind, zudem geht mittlerweile die Kraft zur Neige. Wir Erwachsenen geben viel Hilfestellung und mischen uns auch ein wenig ein, wie hier als Unterbau. Damit wächst die Experimentierfreude. Die ersten kleinen Erfolgserlebnisse stellen sich ein, die Mädchen bekommen mehr Gefühl für die Aufgabe. Aus einer spontan improvisierten Figur mit einer integrierten Kreisbewegung resultiert ein Anflug von erzgebirgischer Weihnachts-Pyramide. Zuletzt lacht die ganze Bagage also doch wieder.

 

Etappe IV und Abschluss:

Wir haben noch etwa 7 Flusskilometer zu bewältigen. Wenn ich mir jetzt die Mädchen ansehe, weiß ich, dass die Verkürzung der Gesamtstrecke quasi überlebensnotwendig war. Sogar Tina lässt mittlerweile etliche Paddelschläge aus. Unsere Trimaran-Technik hilft uns voran. Dabei wünscht sich zwar eigentlich jede, möglichst lange in der Mittelposition zu verbleiben, dennoch sorgen sie für den gerechten Ausgleich durch Abwechslung selber mit.

Wir passieren das Kernkraftwerk Grohnde, von wo uns flussabwärts durch die Erwärmung des Wassers eine wenig appetitliche Schaumkrone begleitet. Veronika und Tanja lassen sich nicht bremsen in ihrem Explorierverhalten, und ich sage mir im Stillen, braun und schaumig muss ja nicht gleich verseucht heißen.

Wir sind am Ziel in Hagenohsen, gut in der Zeit. Heute klappt der Anlegevorgang insgesamt besser. Der Uferbereich ist durch eine steile Böschung mit Bewuchs unübersichtlich, so dass ich die beiden anderen Boote, die kaum zwanzig Meter weiter an Land gegangen sind, erstmal nicht im Auge habe. Tina bricht auf meine Bitte hin zur Erkundung auf, rutscht auf einem glitschigen Stein aus und holt sich, wie tags zuvor Franziska, einen blauen Fleck und eine nasse Hose. Einerseits habe ich ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen, doch insgeheim hatte ich über die 46 Flusskilometer doch mit ernsteren Havarien und mehr nassen Kleidungsstücken gerechnet. Eine gewisse Erleichterung bricht sich in mir Bahn.

46 Flusskilometer an zwei Tagen! Ein Pensum absolut am oberen Limit der Mädchen, überhaupt nur erreichbar durch die stetige Strömung der Weser. Unterhalb von Hagenohsen wäre diese Strömung nun weggefallen, im Rückstau der Wehranlagen in Hameln. Nur gut, dass ich den Tipp vom Vortag beherzigt habe. Sonst bin ich oft sturer, aber dann geht es ja auch nur um mich allein.

Wenige Minuten nur, dann treffen fast gleichzeitig der Bootstransporter und unser Fahrservice ein. Die Zusammenarbeit der Mädchen mit uns Trainern beim Ausheben, beim Säubern und beim Verräumen der Boote klappt gut. Die Aussicht auf ein großes Eis in der Innenstadt von Hameln hat alle bei der Stange gehalten. Zu diesem Zeitpunkt zeichnet sich die Erschöpfung in den Gesichtern gerade deutlicher ab als das Glück über das gemeisterte Abenteuer. Doch die Lebensgeister sind durch die kühle Kalorienzufuhr schnell wieder geweckt. Mal eben noch sehen, wie die Hameler nach all den Jahrhunderten sich mit dem Rattenfänger arrangiert haben.

Auf der Heimfahrt im betriebseigenen Mercedes Sprinter reden wieder alle durcheinander, wie üblich. Ich konzentriere mich auf ein recht intensives Gespräch mit Tina über Schule und Zukunftsvorstellungen. Ja, bei diesem Thema fühle nun ich mich wieder wie der Fisch im Wasser. Und ich freue mich, wie sie in diesem Moment aus sich herausgeht.

Zurück in Peckelsheim. Auspacken, duschen, Abendessen. Jetzt, kurz vor der Schlafenszeit, scheint mir der rechte Zeitpunkt für die abschließende Reflexion. Mit Blick auf die Altersstruktur unserer Teilnehmerinnen habe ich diesen Aspekt während der Tour vergleichsweise knapp gehalten. Jetzt ist der Moment, wo jede über ihre intensivsten Erlebnisse noch einmal erzählen kann; der Talking Stick lässt dafür mehr Zeit als ein Streichholz. Die Mädchen zeigen sich einhellig begeistert vom Paddeln mit meinen Co-Trainern (sollte ich eifersüchtig sein?) und vom gemeinsamen Singen. Der Wunsch für die Zukunft: mehr paddeln, und eine längere Tour. Nun ja, ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Für so eine tolle Truppe …

 

 

9.3. Spielanleitungen

 

Das bewegte Tischtuch

Zündhölzer

Paddel-Hipp-Hopp

Hindernislauf

Menschliche Kamera

Murmelreise

Boules / Pétanque (vereinfacht)

Lieder der Voyageurs

Die Voyageurs vertrieben sich während ihrer langen und anstrengenden Kanufahrten die Zeit gerne mit Singen. Ganz ähnlich wie es früher Arbeitslieder bei bäuerlichen oder anderen gleichförmigen Arbeiten gab, unterstützte ein gleichmäßiger Rhythmus den Taktschlag beim Paddeln, gleichzeitig durchbrach der Wechselgesang zwischen Vorsänger und Chor die Monotonie. Für unsere Tour hatten wir zwei Lieder ausgewählt:

A la claire fontaine

En roulant ma boule

 

z. Vgl. s.: Liederatlas europäischer Sprachen der Klingenden Brücke. Band 1. Maßgebliche Gestaltung: Engel, G. u. Ohlenschläger, S. Die Klingende Brücke, Bonn; 2001. S. 46.

Liederatlas europäischer Sprachen der Klingenden Brücke. Band 2. Maßgebliche Gestaltung: Engel, G. u. Ohlenschläger, S. Die Klingende Brücke, Bonn; 2002. S. 56.

 

Blinde Karawane, heckgesteuert

Cäsars Daumen

Menschenpyramiden

Fragen zur Reflexion

Talking Stick

Buddy-Bang

Stille Minute

 

 

9.4. Empfehlungen Ausrüstung

 

Unterwegs im Kanu:

Wir fahren zwei mal zwei Halbetappen. Morgens und abends sorgen wir gemeinsam für sättigende Mahlzeiten. Für die Mittagspause bereiten wir jeweils morgens gemeinsam Brote etc. vor.  Jede braucht zusätzlich etwas Proviant zum „Nachtanken“ zwischen den üblichen Mahlzeiten. Ideal sind dazu Nüsse, Trockenfrüchte (Bananenchips o.ä.) und Müesliriegel. Beim Verpacken der Brotzeit (wasserdicht!) auch an den begrenzten Platz denken.

An Flüssigkeit für den Tagesverbrauch nicht zu knapp mitnehmen, 2 Liter pro Nase sind sicher nicht zu viel. Getränke bitte nur in PET - Flaschen! Wer lieber aus dem Becher trinkt, muss sich einen einstecken.

Wir wissen erst kurz vorher, wie das Wetter sein wird. Als Kleidung genügen an einem heißen Sommertag Badesachen und T-Shirt (Ärmel schützen vor dem Scheuern der Schwimmweste! Das ist auch ein guter Grund für ein Halstuch – und ein Tuch benötigt jede sowieso immer mal für ein Spiel). Wer wenig anhat, muss aber an den Sonnenschutz denken und jedenfalls Brille (befestigt am Band!), Mütze und Creme / Milch einpacken.

Sollte es kühler sein und / oder leicht regnen, tun es leichte Hosen / Jacken. Die meiste Zeit sind wir körperlich aktiv und so wärmen uns die eigenen Muskeln. Bei absehbar starkem Regen entscheiden wir mit Blick auf aller Sicherheit, ob die Tour durchgeführt werden kann.

Das ständige Paddeln strapaziert die Haut an Fingern und Händen. Fahrradhandschuhe (billiger sind einfache Arbeitshandschuhe, die Finger kann man ja vorne abschneiden) schützen vor Blasen. Tape (falls es wasserfest klebt) geht natürlich auch.

Eine zweite Garnitur und ein Handtuch sind nützlich, wenn man nach einem unfreiwilligen Bad nicht bis zum Abend nass bleiben will.

Schuhe / Sandalen sollten fest anliegen und nicht lose getragen werden; ein Flip-Flop ist schnell davongeschwommen (ALLES kann wegschwimmen, also besser nichts Unersetzliches / Teures einstecken).

Bei der eigenen Körperpflege tut es für 36 Stunden auch das kleine Programm – Zahnbürste, Zahnspangenbox, Seife, Kamm / Bürste, Mückenschutz.

 

Für alle:

Ein Outdoor-Erste-Hilfe-Set –

Eine Telefonliste für Notfälle –

Ein Mobiltelefon –

Einen Fotoapparat –

Kartenmaterial -

Schwimmwesten -

- bringe ich selber mit bzw. gibt es vom Kanuverleih.

 

Im Transporter:

Jede für sich:
Verlässliche Unterlagen und Schlafsäcke halten für die Nacht warm. Das erleichtert auch allen anderen das Schlafen.

Für die Abendgestaltung und die Übernachtung werden sich fast alle wärmere Fleece-Bekleidung oder entsprechendes (Wolle ist sicherer bei offenem Feuer) wünschen.

Taschen- oder Stirnlampen einstecken, falls vorhanden.

 

Für alle:

Ein großes und zwei mittelgroße Zelte bieten Platz für alle. Ein Netz gegen Insekten wäre zu empfehlen. Auf einer Wäscheleine kann man trocknen, was nass geworden ist.

Essen und Getränke für die Abendmahlzeit, für Frühstück und Mittagessen am zweiten Tag.

Camping-Geschirr, Kochutensilien.

Wenigstens zwei brauchbare Kocher (Spiritus o.a.) mit hinreichend Brennmaterial.

Spielmaterial, Instrumente.