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Leseprobe: Erleben & Lernen

Erleben & Lernen

Einführung in die Erlebnispädagogik

 

 

Leseprobe:

 

 

Vorwort zur 5. Auflage

 

Vor mehr als zehn Jahren kam dieses Buch auf den Markt der erlebnispädagogischen Literatur. Damals war es begehrt, weil es eine der ersten einigermaßen systematischen Einführungen in die von Praktikern geschätzte, von Theoretikern und Hochschullehrern eher missachtete Erlebnispädagogik darstellte. Etwas bescheiden oder auch kokett sprachen wir von "Einstieg", jetzt mit der fünften Auflage bezeichnen wir unser Werk als "Einführung".

 

Heute sind wir doppelt geschmeichelt. Nach wie vor wird erstens dieses Buch von Einsteigern, Studierenden, Praktikern als grundlegend erachtet und gekauft. Die Nachfrage ist erfreulicher Weise beständig gut. Zweitens haben wir mit Buch und Buchreihe einen neuen Verlag gefunden. Der Ernst Reinhardt Verlag trägt mit Qualität und Stil zur fachlichen Diskussion in Pädagogik, Psychologie und Therapie bei. Wir freuen uns, hier mitsprechen zu dürfen. Die vierte Auflage 2002 hatten wir stark überarbeitet, in der vorliegenden fünften Auflage haben wir nur wenige Details geändert. Vor allem die schnelllebigen Internetseiten wurden aktualisiert. Obwohl sich sonst inhaltlich kaum etwas geändert hat, ist das Buch, so hoffen wir, lesefreundlicher geworden. Freilich war es nie unsere Absicht, mit Fotos, Grafiken, Comics und Kurztext leicht verdauliche Lesehappen anzubieten. Die "Einführung in die Erlebnispädagogik" ist ohne Zweifel eine kleine, aber hoffentlich lohnende Zumutung.

 

Die Karawane "Erlebnispädagogik" zieht weiter. Dazu tragen wir mit den Büchern der Reihe "erleben & lernen" im Ernst Reinhardt Verlag bei. Hubert Kölsch und Franz-Josef Wagner haben als versierte Praktiker, Personalentwickler und Outdoor- Trainer die "Erlebnispädagogik in der Natur" beschrieben, Niko Schad und Werner Michl mit ihrem Herausgeberband dem Outdoor-Training eine fundierte Basis gegeben. Nun liegt also die bekannte, aber immer noch begehrte "Einführung in die Erlebnispädagogik" vor. Das sind wichtige Orientierungs punkte im erlebnispädagogischen Blätterwald, der inzwischen zum Dschungel gewachsen ist.

 

Die PISA-Studie hat den Deutschen ein ernüchterndes Zeugnis ausgestellt, und Zeitschriften wie der "Spiegel" haben in den Lehrern gleich die Schuldigen gefunden. Der Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec stellte fest: "Vieles hätte ich verstanden, wenn man es mir nicht erklärt hätte." In der Tat sind Schulen und Hochschulen sehr oft zu Erkläranlagen und Lernbelästigungen verkommen. Andererseits gibt es genügend Hinweise auf wirksames Lernen. Nachhaltige Unterstützung kommt aus Neurobiologie und Hirnforschung. Mit dem Bestseller "Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens" (Heidelberg, Berlin 2003) hat der Psychiater Manfred Spitzer letztlich ein Plädoyer für Erlebnispädagogik geschrieben: "Aus Erlebnissen der Seele werden Spuren im Gehirn" (S. 3). Freilich hat die Neurobiologie vor allem lerntheoretische Annahmen und didaktische Erkenntnisse abgesichert und bewiesen, die längst bekannt sind. So zeigt schon ein flüchtiger Blick auf Raffaels (1483-1520) Gemälde "Die Schule von Athen", wie modern die Schule des 16. Jahrhunderts gedacht war: Eine Schule soll das sein? Hier sitzt niemand auf Stühlen, niemand doziert und niemand schreibt sitzend in gebeugter Haltung, mit krummem Rücken, mit. Keine Front ist zwischen Lehrer und Schülern aufgebaut, daher auch kein Schützengraben, kein Hierarchiegefälle, das sich schon durch das Stehen des Lehrers und das Sitzen der Schüler ausdrückt. Wo wird hier gelehrt? Und wer ist der Lehrer? Schule? Nein, eigentlich ist es ein Sauhaufen! Jeder geht rein und raus, wann er will. Manche sind weit weg mit ihren Gedanken, andere stehen einfach rum, einige schreiben fleißig mit und diskutieren. Jeder folgt dem eigenen Lerntempo. Eine erlebnis reiche Schule! Eine Synthese, gewoben aus der Tradition der lernpsychologischen Forschung, aus aktuellen neuro biologischen Erkenntnissen und der Praxis des handlungsorientierten Lernens, könnte Erziehung und Bildung, Schule und Hochschule in Deutschland eine neue Richtung geben.

 

Doch zurück zur Erlebnispädagogik! Ohne Zweifel gibt es, obwohl die Stimmen der Kritiker leiser geworden sind, immer noch, oder besser: immer wieder, einige Sackgassen in der Erlebnispädagogik. So wurden die Möglichkeiten des metaphorischen Lernens noch nicht bis zur Gänze ausgeschöpft. Die Lernpotenziale von Seilgärten werden, vor allem was die Teamentwicklung betrifft, meistens überschätzt. Etwas beunruhigend sind auch manche esoterische Anklänge von sozialpädagogischen Stadtschamanen, Schreibtischindianern, euro-asiatischen Weisheitssuchern und -findern.

 

Trotzdem ist die Praxis der erlebnispädagogischen Arbeit heute professioneller denn je, und Sackgassen lassen sich meistens erst dann erkennen, wenn wir an deren Ende angelangt sind. Wir wiederholen uns: Der Erlebnispädagogik geht es um wirksames Lernen; wer sich mir ihr nur ausleben wollte, hat sich ins Aus gelebt.

 

Theodor W. Adorno und Konrad Lorenz wären beide im Jahr 2003 hundert Jahre alt geworden. Adorno bewegt uns durch die Aussage: "In nichts anderem als in der Zartheit und dem Reichtum der äußeren Wahrnehmungswelt besteht die innere Tiefe des Subjekts." Zu diesem Reichtum der äußeren Wahrnehmungswelt hat die Erlebnispädagogik beigetragen. Wir hoffen natürlich auch, dass dies zur "inneren Tiefe des Subjekts" geführt hat. Konrad Lorenz, dessen politische Positionen rn-ehr als fragwürdig sind und dessen wissenschaftlicher Ertrag umstritten ist, warnte vor der" Verhausschweinung des Menschen." Dagegen hilft auch der Weg in die Natur, den die Erlebnispädagogik eingeschlagen hat.

 

Schließlich möchten wir einigen Personen danken. Sie haben durch ihren fachlichen Rat, durch ihre Ideen und kritischen Verbesserungen zum Gelingen des Buches beigetragen. Das Dankeschön geht an Andreas Bedacht, Christina Crowther, Wilfried Dewald und Albin Muff.

 

Bernd Heckmair und Werner Michl

München und Berg, im Januar 2004

 

 

 

 

 

Vorwort zur 1. Auflage

 

Die Erlebnispädagogik vermittelt Einstiege - Einstiege in die Kletterwand, Einstiege in das Höhlensystem, Einstiege in das Kajak. Viele Jugendliche entdecken sich Zum ersten Mal selbst, zeigen aufeinmal Interesse an ihrersozialen und natürlichen Umwelt und entwickeln neue Perspektiven für ihren Alltag. Dieses Buch will Einstiege ins Gespräch über diesen modernen handlungsorientierten Ansatz ermöglichen, soll zur Diskussion, zum Nachdenken und Vertiefen anregen. Keine Einführung liegt hier vor - die durchweg systematische Bearbeitung eines Themas, seine Darstellung in allen Facetten ist Sache von fleißigen Doktoranden oder emsigen Professoren. Den Praktikern fehlt dazu die Zeit, die Muße vielleicht, letztlich auch die Lust.

 

Als Praktiker bieten wir einen Einblick in alle Bereiche der Erlebnispädagogik an, die uns in unseren beruflichen Handlungsfeldern herausfordern, die unsere Freizeit verschönern, die uns abends durch die Fachliteratur beschäftigen und die uns nicht selten nachts im Traum begegnen. Obwohl wir ein breites Themenspektrum aufgreifen, haben wir Vollständigkeit nicht erreicht und auch nicht beabsichtigt. Unsere subjektiven Zugänge brauchen auch nicht verschwiegen zu werden: In unseren Praxisfeldern der Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit, der Hilfen Zur Erziehung und der Betriebspädagogik dominieren die Erfahrungen mitkurzzeitpädagogischen Angeboten.

 

Dabei haben wir im Laufe der letzten 15 Jahre viele praktische Erfahrungen mit unterschiedlichsten Zielgruppen gesammelt: mit Kindern, erlebnis- und bildungshungrigen Jugendlichen, Jugendgruppen aus Verbänden, arbeitslosen Jugendlichen, Familien, Auszubildenden, Studierenden der Fachakademien und Fachhochschulen, Fachkräften aus fast allen Feldern der sozialpädagogischen Praxis.

 

Mit der fortschreitenden Professionalisierung und der Weiterentwickung des beruflichen Werdegangs nimmt die Verantwortung zu, die Ebene der fachlich-theoretischen Diskussion wird bedeutungsvoller. Dazu komnen die politische Interessenvertretung, die Gremienarbeit, die Teilnahme und Mitgestaltung an Fachtagungen, Fortbildungen. Gleichzeitig nehmen die Kontakte zu den Zielgruppen der Sozialpädagogik und Bildungsarbeit. Wir befinden uns beruflich in der Grauzone zwischen Praxis und Theoie, sind Brückenbauer zwischen (sozial-)pädagogischen Berufsfeldern und der Wissenschaft. Genauso ist die Intention dieses Buches zu verstehen.

 

Unsere Erfahrungen zu Papier bringen - das konnte nur durch die Mithilfe guter Freunde gelingen. Zunächst unserer Partnerinnen, die nicht nur abends, sondern zunehmend auch an Wochenenden und Feiertagen auf uns verzichten mussten. Ulrike Beckers, Angela Eberhard und Birgitt Reisenweber haben mit kritischen Augen unsere Manuskripte durchgelesen, korrigiert, ergänzt, nachgefragt, verbessert. Vielen Dank dafür. Christina Crowther und Andreas Bedacht haben uns in kurzen, aber wichtigen Passagen des Buches ergänzt. Christina hat einen Teil des Kapitels über Frauen und Erlebnispädagogik verfasst, Andreas hatte die Idee zum Vergleich erlebnispädagogischer Aktivitäten und leistete zum Text einen wichtigen Beitrag. Die Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Michael Jagenlauf zeigt auf, dass er durch die Herausgeberschaft dieser Buchreihe nicht nur ein Forum für Praktiker und Theoretiker begründet hat, sondern auch eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der praktischen und universitären Ebene möglich machte.

 

Viele Fragen und Themen liegen weiterhin brach. Die Erlebnispädagogik ist auf dem besten Wege, sich von einem Orchideenfach zu einem modernen und nicht selten erfolgreichen Konzept für viele pädagogische Aufgaben zu entwickeln. Wir hoffen, mit diesem Buch einen kleinen Beitrag zu dieser Entwicklung leisten zu können.

 

Bernd Heckmair und Werner Michl

 

München, im April 1993

 

 

 

 

 

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