seit 1994

Erlebnispädagogik im Wald

von Hajo Bach und Tobias Bach

 

Leseprobe

 

 

I

 

Lernen in der Natur: zwölf Themen für die Praxis

 

Wir haben aus der breiten Palette des Themenangebotes in der freien Natur zwölf Themen ausgewählt, die bedeutende erlebnispädagogische Wirkungsfelder des handlungs-orientierten Lernansatzes für einen breiten Interessentenkreis darstellen. Sie sind nur und ausschließlich in der Natur, also im Freien, durchführbar, und sie konzentrieren sich auf den Erlebnisraum Wald, der uns noch mehr geöffnet werden soll. Die Themen stammen zum einen aus meiner frühen Erfahrung und Erinnerung an spannende Pfadfinder-Aktivitäten vom Wölfling bis zum Stammesführer bei der DPSG (Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg) und aus der Frage: Was ist da eigentlich hängengeblieben? Was ich persönlich aus dieser frühen Lernphase noch weiß, möchte ich als nachhaltig bezeichnen und übernehme es daher in gewisser Weise unkritisch, so es den heutigen ethisch-moralischen Wertvorstellungen und pädagogischen Grundsätzen der Jugenderziehung entspricht.

 

Der zweite Einfluss auf diese Themenauswahl ergibt sich aus meiner mehr als 30-jährigen konzentrierten, beruflichen und auch privaten Erfahrung im In- und Ausland unter den Aspekten der „Überlebensfähigkeit“ unter unangenehmen oder sogar widrigen Bedingungen. Da diese Tätigkeiten mit hoher Führungsverantwortung verbunden waren, war mir die physische und psychische Unversehrtheit der mir anvertrauten Teilnehmer besonders wichtig und ist mit in diese Themenauswahl eingeflossen. Nicht zuletzt aber sind es der Eindruck und die Erfahrung der letzten acht praktischen Jahre in der Naturcamp-Arbeit, die diese zwölf Themen festlegten.

 

 

1 Lager und Behelfsunterkünfte im Wald bauen

 

Wir sehen den Schwerpunkt unserer erlebnispädagogischen Arbeit im Wald unserer heimischen Regionen, der als Lern- und Lebensraum eine neue Dimension erfahren soll. Uns ist dabei bewusst, dass wir nicht überall und auf Anhieb auf Begeisterung stoßen und erst einmal weniger Fürsprache haben als geglaubt oder erhofft. Staatliche Forstverantwortliche, private Waldbesitzer, Gemeindeverwaltungen, Feuerwehr und Jägerschaft sehen hier grundsätzlich einmal – und mit Recht – große Bedenken. Deshalb ist es unser Bestreben, die erlebnispädagogischen Aktivitäten in zugewiesenen und mit den Behörden abgestimmten Räumen, auch in Privatwäldern, in der Nähe von bewohnbaren Anwesen – in Naturcamps – durchführen zu können. Mehr über diese wichtigen Aspekte ist in den Kapiteln 15 und 16 zu lesen. Viele naturbegeisterte Erwachsene haben private Camping- oder gar Lagerleben-Erfahrungen als Pfadfinder oder in einer anderen organisierten und naturorientierten Jugendgruppe. Für die Nutzung des Lern- und Lebensraumes Wald ist das eine gute Voraussetzung, auf die aufgebaut werden kann. Kaum jemand hat aber tatsächlich schon längere Zeit im Wald geschlafen, ob zum Spaß oder aus einer Notsituation heraus. Das heißt, dass sich jeder Teilnehmer an solchen Unternehmungen mental auf eine völlig neue Situation einlassen muss – auf eine Situation, die bei dem einen Spannung und Abenteuerlust und bei dem anderen durchaus Ungewissheit und Ängste erwecken kann. Es gilt also, Unsicherheit schaffende Einflussfaktoren abzubauen und die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen, die uns die Natur bietet, ein angenehmes Nachtlager für mehrere Nächte zu bereiten. Dabei stehen die Erhaltung der körperlichen Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie die Einhaltung vielfältiger Natur-, Umweltschutz- und Sicherheits-bestimmungen im Vordergrund.

 

 

1.1 Das Waldlager

 

Zunächst gibt es einige Kriterien, die die Wahl eines geeigneten Waldlagerplatzes beeinflussen. Es besteht die allgemeine Vorstellung, dass der beste Platz für ein gemütliches Lager neben einem Bach, Teich, See oder anderem Gewässer ist. Dort finden sich auch vielerorts die Campingplätze. Sicherlich kann ein solches Plätzchen ein idyllisches Bild abgeben, wir wissen aber aus Erfahrung, dass es nicht der beste Ort zum Übernachten im Freien ist. Bekanntlich senkt sich die Kälte nachts in den Niederungen auf den Boden und die warme Luft steigt auf. Folglich ist es in unmittelbarer Nähe von Gewässern und an tiefen Punkten kälter und feuchter als an den höher gelegenen. Außerdem befinden sich im Sommer in Feuchtniederungen lästige Bremsen, Stechmücken und auch Zecken. Nach einem unerwarteten Wolkenbruch besteht dort außerdem die Gefahr einer plötzlichen Überschwemmung. Die höchste Stelle einer Erhebung oder eines Hügels ist ebenfalls nicht besonders günstig, da dort andere Windverhältnisse vorherrschen können und bei Sturm die Gefahr des Windbruchs besteht. Daher ist der beste Platz oberhalb eines Gewässers an einem leichten Schräghang in der Tiefe des Waldes zu wählen.

 

Was stellen wir uns unter einem Waldlager vor? Ein Waldlager ist eine Zuordnung von Arbeitsbereichen in einem bestimmten Teil eines Waldes, nämlich Schlafstellen, Sitz-, Koch-, Spül-, Abstell- und Holzhack- sowie Säge- und Lagerungsmöglichkeiten (siehe Abb. 1). Diese müssen allerdings in einer gewissen Ordnung festgelegt werden, so dass ein gutes Zusammenlager und behelfsunterkünfte im wald bauen lernen in der natur: zwölf themen für die Praxis wirken in der Gemeinschaft sichergestellt ist. Wir möchten hier ganz bewusst die Wörter „Disziplin“ und „Ablauforganisation“ verwenden. Disziplin verwenden wir im positiven Sinne. Wir nennen auch die Begriffe „Feuerdisziplin“ oder „Licht- und Geräuschdisziplin“ an anderer Stelle und begründen diese. „Ablauforganisation“ ist ein Begriff aus der Betriebs- und Organisationswissenschaft, der aber genauso gut auch hier passt. In einem Waldlager, in dem bis zu 30 unterschiedliche Menschen über einen längeren Zeitraum aufeinander angewiesen sind, kann nicht jeder tun und lassen, was er will. Es gilt, festgelegte Plätze zu kennen und sinnvolle Vorgaben bezüglich bestimmter Abläufe einhalten zu können. Folgende Plätze und Zuordnungen haben sich im inneren Aufenthaltsbereich eines Waldlagers als zweckmäßig erwiesen:

 

- Eine zentrale Feuer- und Versammlungsstelle bildet den „Dreh- und Angelpunkt“ eines Waldlagers. Wir empfehlen das Aufbauen von zwei Balkendreiecken, in deren Spitzen ein Querbalken von vier Metern Länge in zwei Metern Höhe waagerecht gelegt wird. Durch Auseinander- und Engerstellen der Dreiecksfüße kann die Höhe verändert werden. Am Querbalken können massive Henkeltöpfe oder ein Grillrost mit starken Drähten gut angebracht und einfach auch wieder abgehängt werden.

 

- Die Feuerstelle besteht aus einer Feuerwanne mit Luftlöchern, die in 40 cm über dem Boden auf Steinen aufgestellt wird. Die Wanne ist ein rundes Grillblech mit erhöhtem Rand, in das mit Hammer und großem Nagel 30–40 Löcher eingebracht wurden. Diese dienen der Luftzufuhr für das Brennmaterial. Unter der Feuerwanne befindet sich eine weitere Wanne gleicher Art, aber ohne Löcher, die immer mit Wasser gefüllt sein muss. Dadurch wird die Gefahr eines unbemerkten Schwelbrandes im Boden ausgeschlossen und der Boden wird durch die Hitze nicht in Mitleidenschaft gezogen. Um die Feuerstelle herum können in einem Sicherheitsabstand feste Sitzgelegenheiten aus Baumstämmen arrangiert werden. In den Lücken, auch davor oder dahinter, ist noch genügend Platz für bewegliche Sitzgelegenheiten, die aus dicken Stammblöcken oder Indianersitzen bestehen können. Der Indianersitz besteht aus zwei stabilen Brettern gleicher Länge, die jeweils in der Mitte zu einem Drittel mit einem Schnitt in Brettdicke eingesägt und dann ineinander gesteckt werden. Dadurch ergibt sich ein Stuhl in der Form eines schrägen X, auf dem man bequem zurückgelehnt sitzen kann. Zu beachten ist, dass die Teilnehmer, die zur Unterhaltung des Feuers oder zum Kochen eingeteilt sind, immer noch genügend Bewegungsfreiheit haben und sich nicht durch Stolpern oder Flammennähe gefährden. Die Sitzgelegenheiten dürfen auch nicht zu nahe an der Feuerstelle sein, sonst verlockt das vor allem dort sitzende Kinder zum ständigen Stochern oder Anbrennen von Stöcken (Feuerdisziplin!).

 

- Zentral über die Feuerstelle kann ein Rundkappenfallschirm als Feuerglocke gespannt werden. Er hat eine zentrale Aufhängung an einer großen Stange in der Mitte oben an der Kappenschlaufe und wird rundherum gleichmäßig mit Schnüren abgespannt.

Der Fallschirm bläht sich durch die aufsteigende Luft als Glocke auf und verhindert dadurch den Funkenflug. Er weist auch Regen und pralle Sonne ab und sorgt für Gemütlichkeit. Die Gruppe fühlt sich unter einem gemeinsamen Dach geborgener. Ein ausgesonderter Fallschirm ist in einem guten Outdoorladen (siehe Anhang), über einen Sportspringer-Club oder über das Militär einfach und kostengünstig zu beziehen.

Besonderheit: Feuer darf nur in einer Entfernung von 100 Metern zum Wald unterhalten werden. Ausnahmen kann es in einem Privatwald des Veranstalters geben, diese muss die Behörde aber genehmigen. Dieses Kriterium ist ebenfalls bei der Erkundung eines Waldlagerplatzes zu beachten.

 

- Neben der Feuerglocke, in Reichweite für die „Feuerverantwortlichen“, richten wir einen überdachten Holzlagerplatz für trockenes und zerkleinertes Brennholz ein.

Unmittelbar dahinter ist der Spalt- und Sägeplatz. Zwei schwere Holzblöcke, in fünf Metern Entfernung voneinander, sollen dort fest und sicher auf dem Boden stehen oder in diesen eingelassen werden. Weitere fünf Meter davon entfernt befindet sich ein selbst gebauter Sägebock. Äxte, Beile und Sägen hängen übersichtlich an einem Astgestell und nur die Teilnehmer dürfen sie mit Erlaubnis benutzen, die sich erfolgreich einer Überprüfung unterzogen haben (siehe Abb. 2). Kinder bekommen nach dieser Überprüfung die „Lizenz zum Hacken und Sägen“ erteilt – oder auch noch nicht, wenn sie der weiteren Anleitung bedürfen. Auch Erwachsenen sollte man auf die Finger schauen und in Fällen, in denen Gefahr für Leib und Leben besteht, besser den Umgang mit der Axt und mit der Säge verbieten.

 

- Auf der gegenüberliegenden Seite wird der Wasch- und Ablageplatz für Geschirr festgelegt. Zugunsten der Übersichtlichkeit sollte er zehn Meter vom Versammlungs- und Essensplatz entfernt sein. Die Teilnehmer spülen dort das Geschirr in bereitgestellten Wannen und legen es zum Trocknen auf Längsbretter, die 40 cm über dem Boden fest installiert wurden. Das Essgeschirr bleibt nach der Nutzung immer dort liegen. Es muss dann nicht ständig zwischen „Bett und Essen“ hin und her getragen werden. Außerdem ist mit dieser Methode für alle erkennbar, wer sein Geschirr nicht sauber gewaschen hat – eine einfache Art, Selbstdisziplin zu üben.

 

- Zur dritten Seite des Bereiches wird eine Ablage für das Material vorgesehen. Dieser Bereich soll so zwischen mehreren Bäumen gewählt werden, dass eine große Plane von etwa 16 Quadratmetern in der Form eines Hausdaches über ein Seil gespannt werden kann. Dort lagern regensicher in Weidenkörben und auf „Naturbänken“ Schnüre, Drähte, Werkzeuge, Seile, Lampen und weiteres Lager- und Ausbildungsmaterial. Sanitätskiste, Gitarre und Liederbücher sind dort auch zu finden.

 

- Unweit davon, aber auch noch unter dem Regenschutz, wird die Verpflegung, die Gewürze und das gesamte „Küchenmaterial“ gelagert. Daneben sollen stabile Lagertische aus massiven, halbierten Baumstämmen und schweren Brettern die Essenszubereitung ermöglichen.

 

- Die Behelfsunterkünfte stehen am besten im Halbkreis um den zentralen Platz seitlich und am Hang aufwärts in einer Entfernung von 20–50 Metern. Die Leitung sollte ihre Behelfsunterkünfte zwischen den Teilnehmern wählen. Die Möglichkeiten und der Aufbau werden im nachfolgenden Kapitel ausführlich beschrieben.

 

- Der letzte Bereich, der einer Lagerorganisation zugeordnet sein muss, ist der sanitäre Bereich. Ordnung, Sauberkeit und das bestmögliche Hygiene-Angebot sind für das Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum unerlässlich. Die Hygiene wird gerade bei Kindern unter den Bedingungen der Einfachheit und der Improvisation gerne vernachlässigt.Deshalb sind hier Anleitungen und Erklärungen in der Gemeinschaft notwendig. Die Toilette oder „Behelfs-Latrine“ wird ungefähr 100–200 Meter entfernt von den Unterkünften und auf der vom Wind abgewandten Seite gebaut. Sie entspricht den Bestimmungen des Umweltschutzes, dem persönlichen Hygienebedürfnis und der geforderten Intimität. Für den Bedarfsfall muss eine Ausweichmöglichkeit im benachbarten Anwesen vorhanden sein.

Ausführlich werden die Punkte und Bestimmungen hierzu im Kapitel 6 beschrieben.

 

- Die Waschstelle für die Körperpflege am Morgen und auch für zwischendurch ist an dem nahe gelegenen Fließgewässer eines Baches oder Flusses vorgesehen. Diese Stelle soll ca. 200–300 Meter vom Lagerbereich entfernt und unkompliziert erreichbar sein. Sie wird so vorbereitet und markiert, dass sich mehrere Personen nebeneinander waschen können. In der Einweisung und Belehrung muss auf das Verbot der Nutzung von Laugen und herkömmlichen Waschmitteln hingewiesen werden. Sinnvollerweise werden Kernseife und biologisch abbaubare Mittel bereitgehalten und zur Verfügung gestellt. Die ausgespuckte Zahnpasta hingegen schadet dem Wasser und den darin heimischen Lebewesen nicht.

 

 

1.2 Das Waldläuferbett

 

In dem erkundeten und für eine größere Gruppe festgelegten Bereich des Waldlagers wählen wir nun die einzelnen Plätze zum Aufbau einer Behelfsunterkunft. Zum Übernachten in der freien Natur ist diese Lagerstätte für den Einzelnen und für das Team von großer Bedeutung. Das Bauen und Herrichten eines Bettes ist für den Ungeübten allerdings sehr schwierig. Wir kennen die Sprüche, die so locker für das Schlafen auf dem Waldboden plädieren und eine gesunde Härte unterstreichen sollen. Man sei das gewohnt, es ginge schon, kalt wäre es nicht und Regen sei sowieso keiner zu erwarten. Überzogenes Überlebensdenken, vielleicht auch Unsicherheit, Bequemlichkeit oder Unvermögen begünstigen hier eine „Laissez-Faire-Haltung“. Dem möchten wir entschieden entgegentreten, allein dadurch, dass die nötige Zeit, das Material für den Aufbau und die verbindliche Vorführung eines mustergültigen Waldläuferbettes eingeplant werden.

 

Ausschlaggebend ist die Platzwahl, weil davon auch die Art der Überdachung abhängig ist. Ein erstes Kriterium für die Auswahl der Stelle in dem zugewiesenen oder verfügbaren Raum ist der Schutz vor Witterungseinflüssen wie Regen, Schnee, Hagel oder Sonne. Von der Seite rechnen wir mit Wind, Kälte oder auch mit Regen. Von unten müssen wir uns auf Kälte aus dem Boden, auf Wind (Zug) oder auf abfließendes Wasser einstellen (siehe Abb. 3).

 

 

 

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