seit 1994

Eric Pijl

Abschlussprojekt der Ausbildung Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik

im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP

des KAP-Institutes

  

 

„Über Grenzen gehen“

 

 

Erlebnispädagogisches Projekt von Erick Pijl

 

24. bis 27. August 2009

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

1.    Einleitung

 

2.    Erlebnispädagogisches Konzept

 

2.1. Besonderheit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

2.2. Besonderheiten des Ansatzes auf Clean.Kick

2.3. Das Medium Fahrrad

2.4. Der Weg um den Bodensee

2.5. Projektbezogenes erlebnispädagogisches Konzept

 

3.    Zielgruppe

3.1. Allgemeine Problematik

3.2. Allgemeine Planung der Gruppenzusammensetzung

3.3. Medizinisch-rechtliche Kriterien für die Auswahl

 

4.    Projektverlauf

4.1. Projektvorbereitung – Tagebuch

4.2. Mitstreiter finden – Tagebuch

4.3. Planungsphasen – Tagebuch

4.4. Geplanter Projektablauf – Tagebuch

4.5. Tatsächlicher Verlauf – Tagebuch

 

5.    Nachbereitung

 

6.    Reflexion

 

7.    Literatur

 

 

 

1. Einleitung

 

Seit September 2002 arbeite ich als Krankenpfleger auf der Station Clean.Kick. Ich begann als die Station gerade ein halbes Jahr geöffnet hatte, bin also ziemlich seit den Anfängen mit dabei. Clean.Kick ist eingebettet in die Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie des ZfP, früher Psychiatrische Landesklinik. Das ZfP ist verantwortlich für die psychiatrische Versorgung im Raum Bodensee-Oberschwaben.

 

Clean.Kick wurde vor ungefähr acht Jahren geöffnet. Es war und ist auch heute noch einzigartig in seiner Form. Wir sind eine offene Station für Jugendliche mit ausgeprägten Drogenproblemen. An einem geschützten Ort mit klaren Strukturen bieten wir Jugendlichen die Möglichkeit zu entziehen und Belastungssituationen mit fachlicher Unterstützung zu bewältigen. Zusätzlich werden sie auf weitere notwendige Maßnahmen wie eine längere Entwöhnungstherapie oder andere weiterführende Hilfen vorbereitet. Die Station hat 15 Betten und ist unterteilt in 2 Bereiche: einen Bereich zur Krisenintervention und Entgiftung sowie einen Bereich zur qualifizierten jugendpsychiatrischen Entzugsbehandlung. In der Regel dauert die Behandlung neun Wochen. Aufgenommen werden Jugendliche im Alter von 14 bis 18 (+/-2) Jahren, die eine Entgiftung oder Entzugsbehandlung brauchen. Auch bei akuten Krisen bieten wir die Möglichkeit zur Behandlung.

 

Von Anfang an wurde Wert darauf gelegt, unsere Therapie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch und alltagsbezogen zu gestalten. Daher bieten wir auch schon lange  Elemente wie Bogenschießen, Klettern, Kanufahren und seit kurzem Hochseilgarten an. Auch in den Ferien werden öfters mehrtägige Projekte angeboten wie zum Beispiel das „Kriegerprojekt“. Leider waren wir in den letzten  beiden Jahren wegen Personalwechsels nicht in der Lage, das anzubieten, was wir in den letzten Jahren angeboten hatten. Durch den Verlust an erfahrenen Mitarbeitern war unserem Team einiges an Kenntnissen und Fähigkeiten abhanden gekommen. Ab letztem Jahr wurde begonnen, dies durch Fort- und Weiterbildung und personelle Neubesetzung wieder zum Positiven zu verändern.

 

Diese Entwicklung hat natürlich auch die Wahl meines Abschlussprojektes beeinflusst. Da Projekte in der Regel von mehreren Kollegen gestaltet werden und oft auch interdisziplinär, ging es auch darum, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Kombiniert mit meiner eigenen Liebe zum und Erfahrung mit dem Radfahren war schnell deutlich, dass wir ein Fahrradprojekt planen wollten. 

 

Diese Idee wurde gleich mehren Punkten gerecht: meinem Ziel, mein Abschlussprojekt auf Station und mit meinen Kollegen zu gestalten, dem Ziel der Station, in therapieschwachen Zeiten (Ferien) mehrtägige Projekte anzubieten, die nach Möglichkeit die vorhandenen Ressourcen nutzen. Begünstigend kam hinzu, dass die Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie gut mit Rädern ausgestattet ist und wir am Bodensee eine große Auswahl an schönen Fahrradwegen  haben. Hierdurch ließ sich auch recht kurzfristig ein interessantes Projekt planen, welches den Schwerpunkt auf dem Erfahrungslernen hat.

 

 

2. Erlebnispädagogisches Konzept

 

2.1. Besonderheit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

 

Da Kinder und Jugendliche besser durch Erleben und Handeln zu erreichen sind als durch analysierende, reflektierende und therapeutische Gespräche, kommt der Erlebnispädagogik in diesem Bereich ein besonders hohes Gewicht zu.

 

Entsprechend dem lernpsychologischen Ansatz, dass wir 20 Prozent dessen, was wir hören, behalten, 30 Prozent des Gesehenen, 40 Prozent dessen, was wir hören und sehen, aber 80 Prozent dessen, was wir tun, ist der erlebnispädagogische Ansatz ein besonders effektives und langfristig wirksames Mittel, Problemverhalten bei Kindern und Jugendlichen zu beeinflussen.

 

Neben den auch in anderen Bereichen vorhandenen Zielen (Gefühle und Denken verändern, Erwerb von Schlüsselqualifikationen und größerer Handlungskompetenz) stehen im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie erlebnistherapeutische Aspekte im Zentrum.

 

Größere und kleinere Projekte dienen unter anderem  dazu:

•  durch Beobachtung des Patienten diagnostische Klarheit zu gewinnen und leichter Therapieziele festlegen zu können,

•  den Selbsterkenntnisprozess des Kindes/des Jugendlichen über Erfahrungslernen zu intensivieren und so die Motivation und Compliance, die oft ein Problempunkt ist, zu erhöhen,

•  die Gruppendynamik, die auf den Stationen ein besonders hinderlicher oder heilsamer Faktor ist, positiv zu beeinflussen,

•  neben dem persönlichen Wachstum, was ja auch in der Erlebnispädagogik angeregt wird, Besserung und Heilung bei den Kindern/Jugendlichen durch Gewinn an Sicherheit, Reduktion von dysfunktionalen Erlebens-, Verarbeitungs- und Handlungsmustern einzuleiten,

•  je nach Projekt durch Einbeziehung der Familie systemische Veränderungen, die die Heilung erleichtern, zu erreichen.

 

Der Reflexion und noch mehr dem Transfer ins Leben kommt im therapeutischen Bereich ein besonderes Gewicht zu.

 

 

2.2. Besonderheiten des Ansatzes auf Clean.Kick

 

Das erlebnispädagogische bzw. erlebnistherapeutische Konzept auf Clean.Kick unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von der der gesamten Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Unterschiede bzw. Besonderheiten resultieren vor allem aus den Besonderheiten der Klientel.

 

Die Jungendlichen mit Suchtproblematik zeigen oft eine besonders starke Diskrepanz zwischen Anspruchsdenken und Eigenkompetenzen, haben durch die ständige Flucht in den Drogenkonsum wenig Training im Tolerieren von Frustrationen, haben durch die Vermeidung von Herausforderungen und Flucht in den Drogenkonsum weniger persönliche Reifungsschritte vollzogen. Hinzu kommen wie bei allen Süchtigen ein verzerrtes und oft überschätzendes Selbstbild sowie eine deutlich geringere Motivation bzw. nur vorhandene Fremdmotivation zur Therapie.

 

Rückfälle beinhalten oft ein erhebliches gesundheitliches Risiko und je nach Ausgangssituation (Bewährungauflagen) auch rechtliche Konsequenzen.

 

Die Herausforderung passend, aber mit möglichst geringem Risiko des Scheiterns zu planen, den in Stresssituationen auftretenden Suchtdruck zu berücksichtigen und auf den Erwerb eines realistischen Selbstbildes besonders zu achten, sind z. B. besondere Punkte in der Therapie.

 

Die weit klaffende Schere zwischen Anspruchsdenken, überschätzendem Selbstbild (i.S. eines Selbstschutzes) und oft erschreckend  geringen sozialen Kompetenzen schaffen ein besonders anspruchsvolles Spannungsfeld für erlebnistherapeutisches Planen:

 

Spaß (zum Erhalt der Motivation),
Besonderheiten (um sie zumindest zum Teil beim Anspruchsdenken abzuholen),

Herausforderungen mit zunächst geringem, später alltagsgemäßem Risiko zum Scheitern und Konfrontation mit den realen Fähigkeiten müssen besonders differenziert abgestimmt werden.

 

 

2.3.  Das Medium Fahrrad

 

Bei der Wahl des Mediums gab es vorab verschiedene Überlegungen. Neben den in der Einleitung erwähnten praktischen und strukturellen Bedingungen wollten wir natürlich unser Erlebnispädagogik-Konzept und die aktuelle Patientenzusammenstellung berücksichtigen. Während das Erlebnispädagogik-Konzept ein relativ konstanter Faktor ist, der sich in Moment höchstens in Details verändert, beinhaltet die Patientenzusammenstellung viele Unwägbarkeiten. Sie ändert sich ausgesprochen schnell, manchmal sogar über Nacht. Die vorhandenen Patienten mit ihren Fähigkeiten und die daraus entstehende Gruppendynamik bestimmen mit, was die vorhandenen Möglichkeiten sind.

 

Beim Planen des Projekts war uns recht schnell klar, dass wir im Moment mit den Medium Fahrrad die beste Wahl treffen würden. Es gab uns die Möglichkeit, auf der unmittelbaren Handlungsebene und auch auf der Meta-Ebene so zu gestalten, dass wir damit alle Gegebenheiten optimal berücksichtigen konnten. Wir wollten ein Projekt, bei dem die Patienten nicht nur über ihre Grenzen gehen, sondern auch die Zeit haben, ihre neue Grenze wahr zu nehmen und zu verinnerlichen. Nicht nur Neues zu lernen, sondern auch die Wertschätzung wachsen zu lassen für das was jeder selbst und in der Gruppe erarbeitet hat, braucht ebenfalls Zeit. Außerdem war es uns wichtig, die Verantwortung für die Gestaltung des Alltags so weit wie möglich bei den Jugendlichen zu lassen. Dies sollte einerseits einen Kontrast zum Stationsalltag darstellen und andererseits dem Gefühl „Es ist eh egal, was ich mache“, das bei vielen unserer Patienten vorhanden ist, entgegen wirken. Wir wollten allen Teilnehmern die Erkenntnis vermitteln, dass große Ziele (Schule, Ausbildung, Job, Bewährung, Beziehung, Kinder kriegen) nicht auf einmal und über Nacht erreicht werden, sondern meist in kleinen Schritten die einen näher zum Ziel führen.

 

Mit dem Fahrrad wollten wir Situationen aus dem Alltag verdeutlichen. Muster und Handlungen auf, neben und mit dem Fahrrad sichtbarer machen, üben und nach Möglichkeit das Geübte wieder mit dem Alltag verknüpfen. Mögliche Metaphern sind zum Beispiel:

•  das Gleichgewicht halten zwischen Treten und sich rollen lassen: wann soll oder muss ich mich anstrengen und wann kann ich mich entspannen,

•  im Verkehr (Alltag, Stress) das reale (und innere) Gleichgewicht halten,

•  die Wahl des Weges haben: zu entscheiden welchen Weg man im Leben gehen will,

•  sich auf Körper und Technik verlassen, beides aber auch fürsorglich pflegen,

•  lernen, mit Pannen umzugehen und dabei auch Hilfe einzufordern und anzunehmen,

 

Aber auch  alltägliche praktische Handlungen und Fähigkeiten wollten wir üben: „Wie finden wir  den Weg zum heutigen Nachtlager und wie viel Zeit brauchen wir dafür? Wann essen wir und wo gehen wir was einkaufen? Wann haben wir Zeit, uns zu entspannen, zu chillen oder zu schwimmen?“

 

 

2.4.  Der Weg um den Bodensee 

 

Wo wir unser Projekt umsetzen wollten, brauchte  nicht viel Überlegung. Unser Ziel war es, einmal um den Bodensee zu fahren. Hiermit konnten wir einerseits die praktisch vor der Haustür vorhandenen Ressourcen nutzen und andererseits vermitteln, dass das, was man braucht, oft näher ist als man denkt. Auch aus anderen Gründen war der Bodensee gut geeignet für unser Projekt:

 

•  Weite Sicht: Klaren Kopf bekommen, Überblick gewinnen,

•  den Elementen ausgesetzt sein: positive Naturerfahrung, Umgang mit Widrigkeiten,

•  Konfrontation mit Fußgängern, Rad, Auto, Bahn und Boot: soziales Konflikttraining,

•  auf den oft schmalen Wegen gibt es Begegnungen, Überholungen, Entgegenkommen und gleich auf gehen: verschiedene Begegnungen erleben, sich arrangieren lernen,

•  Tour durch drei verschiedene Länder: Neues entdecken, mit eigenen Vorurteilen auseinandersetzen, Wertschätzung für Fremdes entwickeln,

•  flacher Weg, Schwierigkeiten gut abschätzbar: mit dem Einfachen beginnen, die Wahrscheinlichkeit von Erfolgserlebnissen vergrößern.

 

           
             
2.5.   Projektbezogenes erlebnispädagogisches Konzept

 

In der praktischen Gestaltung des Projektes haben wir versucht, nur die Eckpfeiler fest zu legen. Das bedeutet z.B. dass unser Projekt 4 Tage dauern sollte und es 4 Tagesetappen von ungefähr 50 Km gab. Aus wirtschaftlichen Gründen musste es im gut kalkulierbaren Rahmen bleiben. Vier Tage waren lang genug um mal raus zu sein, aber nicht so lang, dass es nicht für die Teilnehmer überschaubar blieb (geringe Frustrationstoleranz, erreichbares Ziel). Wir planten den Start mit dem Rad direkt von Station (sofort aus eigenen Kräften beginnen, vom bekannten zum unbekannten gehen). Übernachtungen in Heuhotels waren durch uns vorher schon reserviert worden (Mischung: Eigenverantwortung der Teilnehmer und Fürsorge durch uns). Wir wählten bewusst Heuhotels, weil wir auch hier dass Gleichgewicht finden wollten zwischen Anstrengung und Entspannung, Aufbruch ins Ungewisse und „sicherem Hafen“. Wir wollten abends eine einfache aber geborgene Atmosphäre bieten wo die Patienten auch die Möglichkeiten haben, es sich nach getaner Arbeit gut gehen zu lassen, aber auch den Tag zu reflektieren und die Möglichkeit zu bieten Erlerntes oder Erfahrenes zu verdauen (Selbstfürsorge, Innehalten, Nachdenken, aus Erlebtem lernen). Da die meisten Heuhotels auf Bauernhöfen sind, bot es auch eine Auseinandersetzung mit einem einfacheren, natürlicheren Leben. 

 

Geplant war, den Jugendlichen in Zweierteams die Verantwortung für eine bestimmte Aufgabe zu geben: den Weg zum Tagesziel zu finden, Einkauf und Kochen zu erledigen. Die Freizeitgestaltung zu übernehmen. Dadurch, dass es bei den Aufgabengebieten Überlappungen gab, waren sie nicht nur in ihren Zweierteams, sondern auch untereinander auf Kommunikation und Kooperation angewiesen.

 

Beim Einkaufen/Kochen kam es uns darauf an, dass jeder lernt, für sich zu sorgen, Rücksprache hält mit anderen, Rücksicht nimmt auf andere Geschmäcker und Umsicht entwickelt für gesundheitliche Probleme (Allergien). Für sein Handeln auch die Verantwortung zu übernehmen (präziser Einkauf, Budget beachten, Essen pünktlich zubereiten), mit Erfolg (Lob) und Misserfolg (Kritik) umgehen zu können, waren weitere wichtige Punkte.

 

Das Finden des Weg beinhaltete für die jeweilige Gruppe die Möglichkeit zu lernen, sich zu orientieren, die Führung in der Gruppe zu übernehmen, aber auch Rücksicht auf den Rest der Gruppe zu nehmen (wann machen wir Abstecher zum Supermarkt, wie spät wollen wir schwimmen z.B.), ohne das Gesamtziel (Hotel, Ankunftszeit) aus dem Auge zu verlieren (Spannungsfeld Eigeninteressen – Erwartungen des Umfelds). Unterwegs war es nötig den eigenen Zustand und die Kraftreserven einschätzen zu lernen (Selbstwahrnehmung) und danach zu handeln (Pausengestaltung, Selbstmotivation).

 

Bei der Freizeitgestaltung ging es darum  den Weg, der vor einem liegt, interessant zu gestalten, Neues zu entdecken und seinen Horizont zu erweitern. Auch hier waren Austausch, Absprache und Rücksichtnahme nötig (Ziele, Pausen, Änderungen).

 

 

3. Zielgruppe

 

3.1.Allgemeine Problematik

 

Ohne die Individualität des einzelnen Patienten zu vernachlässigen gibt es doch eine Reihe von Problemen, die wir bei vielen unserer Kids wiederfinden (Siehe auch Kapitel 2.2.)

•  Alkohol und/oder Drogenproblematik,

•  geringe Frustrationstoleranz,

•  mangelnde Ausdauer,

•  Entfremdung von der Natur,

•  verzerrtes Bild von den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten,

•  wenig Bezug zum Körper, Ablehnung des eigenen Körpers,

•  negatives Selbstbild,

•  negatives Frauen- oder Männerbild (durch Vorurteile oder negative Erfahrungen),

•  schlechte schulische Leistungen (oft ADHS-Störung),


•  Fremdmotivation zur Therapie (Auflage von Gericht, Heim oder Schule),

 

 

3.2. Allgemeine Planung der Gruppenzusammensetzung

 

Bei der Planung des Projektes war die Gruppengröße und Zusammenstellung natürlich schnell ein Thema. Wir planten eine gerade Zahl Teilnehmer, damit wir einerseits das Buddy-Prinzip durchführen  und andererseits Aufgaben in 2er Teams verteilen konnten. Auch schien uns eine 1:2 Betreuung angesichts des mobilen Mediums (Sicherheitsaspekte), der Aufgabenstellung und den Problemen der Teilnehmer angemessen. Dadurch wir mit 3 Kollegen insgesamt das Projekt anbieten wollten, war die logische Gruppengröße 6 Patienten.

 

Weil bei vielen unserer Jugendlichen die Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht oft mit negativen Erfahrungen verbunden ist, wollten wir mit einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe „auf Tour“ gehen, um den Patienten zu ermöglichen, das jeweils andere Geschlecht in einer ganz anderen Umgebung wahrzunehmen, neue, korrigierende Erfahrungen mit ihm zu machen. Unsere Hoffnung war, dass sowohl Jungs als auch Mädels in der Lage sein würden, außerhalb ihres normales Umfelds und in einer für sie ungewohnten Situation die übliche Muster und Stereotypen (die oft auch auf Station gelebt werden) ein Stück weit zu verlassen und eine andere Art von Interaktion zu leben. Konsequenz für uns war, dass auch das Mitarbeiterteam gemischtgeschlechtlich sein sollte.

 

Beim Alter beschlossen wir, dass  die Patienten ungeachtet ihres Alters mitgehen konnten, wobei es uns schon wichtig war, dass der Altersunterschied zwischen den Jüngsten und den Ältesten Patienten nicht mehr wie 4 Jahre sein sollte, da das auf Station regelmäßig zu großen Spannungen führt. Alle Patienten, die teilnahmen, sollten mindestens 4 Wochen in stationärer Behandlung sein, damit wir vorab ausreichend Zeit hatten, uns ein Bild von ihnen und ihren Problemen zu machen. Auch sollte jeder von ihnen in der Zeit schon Ausgang gehabt und sich darin bewährt haben sowie nach Möglichkeit eine Belastungserprobung seinem üblichen sozialen Umfeld absolviert haben.

 

 

3.3.Medizinisch-rechtliche Kriterien für die Auswahl

 

Abgesehen von den in 3.2. erwähnten allgemeinen Kriterien erarbeiteten wir auch noch eine Liste mit Kriterien, die mehr auf den einzelnen Patienten und seine medizinische Problematik bezogen sind. Bei Problemen, die sehr kurzfristig auftreten konnten und für den Moment ein sehr großes Risiko für ihn bzw. Handikap für seine Interaktion mit seinem Umfeld bedeute hätten, beschlossen wir, den Patienten nicht mitzunehmen. Diese Kriterien waren u.a.:

•  der Patient darf keine akute Psychose haben,

•  der Patient soll keine Epilepsie haben,

•  wenn der Patient Diabetes hat kann er nur mitgehen, wenn er gut eingestellt ist und über genügend Krankheitseinsicht verfügt,

•  der Patient darf keine starke Dissoziationen haben,

•  der Patient soll keine gefährlich starke Impulskontrollstörung haben,

•  der Patient sollte keine gerichtliche Auflage haben, das Land nicht zu verlassen,

•  der Patient sollte nicht wegen Sexualdelikten vorbestraft sein,

•  die teilnehmenden Patienten sollen keine Liebesbeziehung (und/oder sexuelle Beziehung) zu einander haben,

•  die Patienten müssen absprachefähig sein.

 

 

3.4. Teilnehmerbeschreibung

 

Unverhofft kommt oft und so war es auch in diesen Fall. Wir hatten 6 Patienten, 4 Jungs und 2 Mädels, ausgesucht und sie gefragt, ob sie mitgehen wollten. Leider bekam eine Patientin drei Tage vorher eine Psychose, wodurch sie, sehr zu ihrem aber auch unserem Bedauern, nicht am Projekt teilnehmen konnte. Ein anderer Patient konnte nicht mitgehen, weil er am Wochenende vor Beginn des Projekts während seiner Belastungserprobung einen Rückfall (Drogen) hatte und die Zeit, das zu bearbeiten, bis zum Projekt nicht gereicht hätte. Somit hatten wir nur noch 4 Patienten und wegen mangelnden Interesses keinen auf der Warteliste (die wir versucht hatten, zu erreichen). Durchgeführt wurde das Projekt trotzdem, aber nach Rücksprache mit der Leitung, mit einem Kollegen weniger. Nachfolgend sind nur die Teilnehmer beschrieben, die  tatsächlich mitgingen.

 

J., 14 Jahre alt

Aufnahmeanlass:

J. kam zu uns, nachdem er trotz ambulanter kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung bei uns und sozialpädagogischer Einbindung in einer Wohngruppe für drogengefährdete Jugendliche wieder zunehmend Alkohol und Cannabis konsumiert hatte. Der dortige Stufenplan sah in einem solchen Fall eine stationäre Aufnahme auf Clean.Kick vor.

 

Vorgeschichte und Konsumgewohnheiten:

J.ist das älteste von zwei Kindern eines Vaters im diplomatischen Dienst. Die Mutter kümmerte sich als Hausfrau um die beiden Brüder. Bereits vor Konsumbeginn war bei J.ein ADHS festgestellt und auch medikamentös behandelt worden. Mit 13 Jahren begann er Cannabis zu konsumieren, daneben 10 Zigaretten täglich und sporadisch Alkohol, den er allerdings nicht gut vertrug und deshalb tendenziell mied. Sobald die Eltern, mit denen er damals in München lebte, dies bemerkten, organisierten sie entsprechende Behandlungsschritte. Mittlerweile lebt er bedingt durch die Versetzung des Vaters von den Eltern getrennt, was ihn laut seinen Angaben nicht belastet. Den Drogenkonsum kann er außer durch Anlässe in der Peergroup nicht erklären, auffällig waren jedoch eine emotionale Gehemmtheit und Ziellosigkeit sowie eine gewisse Beziehungslosigkeit zur Herkunftsfamilie.

 

Hauptprobleme:

Neben einer durch das ADHS mit bedingten Sprunghaftigkeit in den Zielen und der Motivation zeigt sich ein sozialer Rückzug und die Neigung, problematische Situationen eher zu meiden als sich ihnen zu stellen. J. hat eine nur geringe Ausdauer, die emotionale Reaktionsfähigkeit und Vitalität sind durch das ADHS,  wiederholte Entwurzlungen (Umzüge der Familie) und den Cannabiskonsum reduziert.

 

Stärken/Ressourcen:

J. ist intelligent, freundlich, hat prinzipiell gute Umgangsformen und setzt sich trotz seiner reduzierten Vitalität auffällig oft für die Gruppe ein. Er hat für sein Alter ein schon relativ gutes Problembewusstsein für den Drogenkonsum und dessen Folgen. In der Schule kann er gut mithalten und zeigt auch im Umgang mit den Lehrern soziale Kompetenz und in diesem Rahmen auch die Fähigkeit zur Impulskontrolle.

 

Ziele:

Vermitteln von kurzen aber alle Sinne umfassenden Erfahrungen, die der geringen Aufmerksamkeitsspanne gerecht werden und intensiv genug sind, ihn trotz Gebremstheit zu erreichen und zu vitalisieren. Erreichen einer positiven Körpererfahrung. Stärkung des Selbstbewusstseins durch positive Bewältigungserfahrung und motivierende Rückmeldungen der Gruppe.

 

Medizinische Besonderheiten:

Schweres Asthma: Medikamenteneinnahme überwachen und Belastungen gut dosieren. Nussallergie: Aufklärung des Patienten und der Gruppe, damit es im Ernährungsplan Berücksichtigung findet.

 

 

C., 14 Jahre alt

Aufnahmeanlass:

C. war vor einiger Zeit wegen starker Alkoholisierung und aggressivem Verhalten auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen worden. Dort wurde ihr die Behandlung auf Clean.Kick nahegelegt, die sie und ihre Eltern auch zügig planten.

 

Vorgeschichte und Konsumgewohnheiten:

C. lebt bei ihren Eltern und hat eine ältere Halbschwester, die schon außer Haus ist. Sie hat eine unauffällige Entwicklung durchlaufen und wurde erst ab dem 12. Lebensjahr auffällig, als sie begann, regelmäßig Mischgetränke zu sich zu nehmen, was sich rasch zu regelmäßigem Konsum mit Vollrausch und Neigung zu aggressivem Verhalten entwickelte, so dass sie deshalb schon von der Polizei aufgegriffen wurde. Trotz der Problematik hat sie bislang weitgehend einen regelmäßigen Schulbesuch (Gymnasium) geschafft mit akzeptablen Leistungen.

 

Hauptprobleme:

C. hat ein geringes Selbstbewusstsein, ist deshalb sehr von der Anerkennung der Peergroup abhängig, kann sich weder gegen den Gruppendruck noch die Erwartungen der Eltern gut abgrenzen. Im „Normalzustand“ ist sie eher aggressionsgehemmt, was oft zu zunehmender innerer Spannung führt, für die sie kein Ventil hat.

 

Stärken/Ressourcen:

C. ist intelligent, hat Problembewusstsein und eine innere Differenziertheit, sie kennt (zumindest intellektuell) die Grenze, ist sozial kompetent, nimmt ihre Gefühle gut wahr, hatte früher einen guten Bezug zum Sport.

 

Ziele:

Stärkung des Selbstbewusstseins, Wiedergewinnung des positiven Bezugs zum Sport und zum eigenen Körper, Finden des eigenen Tempos und des eigenen Maßes innerhalb einer Gruppe, Üben, sich abzugrenzen und Frustrationen auszudrücken.

 

Medizinische Probleme:

keine

 

 

M., 19 Jahre alt:

Aufnahmeanlass:

M. kommt eigenmotiviert zur Aufnahme. Bei massiver familiärer Suchtgeschichte (s.u.) und langjährigem Alkoholkonsum hat ihn der Tod seines ältesten suchtkranken Bruders, der mit 30 Jahren an einem Schlaganfall starb, erschüttert und motiviert, etwas gegen seine Sucht zu tun. Zusätzlich bestärkt ihn die Beziehung zu seiner abstinenten Freundin, im Rahmen der es ihm schon gelungen ist, seinen Bierkonsum auf 4 Flaschen zu reduzieren.

 

Vorgeschichte und Konsumgewohnheiten:

Sehr viele Mitglieder seiner Herkunftsfamilie sind alkoholabhängig. Die Eltern haben sich früh getrennt, zwischen ihnen gab es viel Streit und auch Gewalt. Der Vater lebt seither abstinent, der Patient und seine 9 Geschwister wuchsen bei der Mutter auf. Die Entwicklung bis zur Einschulung war weitgehend unauffällig, dann zunehmend Konzentrationsprobleme, Stottern und Aufnahme in ein Sprachheilzentrum, das er mit Hauptschulabschluss beendete. Zurzeit ist er in einer beruflichen Bildungsmaßnahme. Seit dem 13. Lebensjahr begann er, Alkohol zu konsumieren, seit dem 16. Lebensjahr massiv 10 Flaschen Bier täglich, am Wochenende auch mehr bis zum „Filmriss“. Bei Abstinenz hatte er erste Entzugssymptome wurde auch immer wieder rückfällig.

 

Hauptprobleme:

M. hat ein geringes Selbstbewusstsein, ein sehr starkes familiäres Sucht-Rollenbild, geringe alternative Möglichkeiten (zum Konsum) sich Entspannung und Sicherheit zu verschaffen sowie ein geringes Durchsetzungsvermögen.

 

Stärken/Ressourcen:

Er zeigt eine gute emotionale Beziehungsfähigkeit, Hilfsbereitschaft, Selbständigkeit hat die Fähigkeit zu Selbstkritik und zeigt keine Verleugnungstendenzen.

 

Ziele:

Stärkung des Selbstvertrauens durch Erleben seiner sozialen Kompetenz in der Gruppe und der körperlichen Fähigkeiten, Finden von alternativen Entspannungsmöglichkeiten (Sport, soziale Kontakte…), Üben sich Gehör zu verschaffen und/oder durchzusetzen.

 

Medizinische Probleme:

keine

 

 

M., 17 Jahre alt:

Aufnahmeanlass:

M. kam in Begleitung seiner Eltern und auf Empfehlung der Drogenberatungsstelle. An diese hatte sich die Familie gewandt, nachdem die Konfliktsituation zu Hause immer mehr eskalierte und absehbar war, dass M. auf Grund mangelnder Motivation und übermäßigem Drogenkonsums das erste Lehrjahr als Stahlbauer nicht schaffen würde.

 

Vorgeschichte und Konsumgewohnheiten:

M. ist das dritte Kind eines Verwaltungswirts und einer Regierungsbeamtin. Er sei wegen seiner Körpergröße oft älter geschätzt und deshalb von den Erwartungen her überfordert worden. Schon früh fielen bei ihm Unruhe, geringes Durchhaltevermögen und übermäßiges Essen auf. Die schulische Entwicklung war schwierig, aber er schaffte doch den Hauptschulabschluss und begann eine Lehre. Bereits mit 13 Jahren begann er mit seiner Peergroup zu rauchen, dann Alkohol zu trinken, es folgte ein bis heute regelmäßiger Cannabis- und Extasykonsum und eine Phase mit Ladendiebstählen. M. akzeptiert zu Hause kaum noch Regeln, hält keine Ordnung, bestehle die Eltern.

 

Hauptprobleme:

M. ist träge, zeigt eine starke Unsicherheit und Abhängigkeit von der Gruppe, definiert sich im Leben eher über Verweigerung, hat eine mangelnde Impulskontrolle. Er hat wenige Möglichkeiten, sich ohne Drogen zu entspannen oder Glückzustände zu verschaffen, hinter großspuriger Fassade ist er tief entmutigt.

 

Stärken/Ressourcen:

Früher hatte er eine Heimat im Sport, er zeigt Problembewusstsein, Offenheit in Beziehung zu Gleichaltrigen, eine Sehnsucht nach Sicherheit stellt auch eine gewisse Triebkraft dar, er ist kooperationswillig sofern man ihn nicht bevormundet.

 

Ziele:

Wiederentdeckung des Sports und des positiven Bezugs zum eigenen Körper, Loslassen der großspurigen Fassade und Verweigerungshaltung durch Integration in die Gruppe, Respektieren von Ordnungen.

 

Medizinische Probleme:

Asthma bronchiale: Medikamenteneinnahme überwachen, Belastungen dosieren. Obstallergie: Motivation des Patienten zur Selbstfürsorge, Aufklärung der Gruppe um Rücksichtnahme zu erreichen. Pferdehaarallergie: Vorabinformationen der Heuhotels einholen (Allergikerplätze?).

 

                                                                          

4.  Projektverlauf

 

4.1.Projektvorbereitung - Tagebuch

 

Nach fast ein Jahr Fortbildung bei KAP war es nun so weit: jetzt kam es darauf an, das Gelernte in die Praxis umzusetzen. Es brauchte nur noch ein geeignetes Medium. Da ich mein Projekt diesen Sommer gestalten wollte, damit ich dieses Jahr meinen Abschluss machen konnte, fielen mangels Schnee und Eis schon mal einige Alternativen weg. Des weiterem war ich natürlich angewiesen auf die vorhandenen Ressourcen unserer Abteilung, sowohl materiell als auch personell oder finanziell. Materiell waren wir  zum Glück recht großzügig ausgestattet. Sogar ein Kanu-Projekt wäre möglich, aber da fehlt mir in Moment noch die Erfahrung, um das Ganze mit Sicherheit und Souveränität den Patienten zu vermitteln, vielleicht im nächsten Jahr. Ziemlich schnell fiel mir als Holländer aber das Radfahren ein, denn es hatte  viele vor der Hand liegende Vorteile:

 

meine eigene Vorliebe für das Fahrrad und langjährige Praxis (kein Schulbusfahren, das Fahrrad war mein Bus!), außerdem hatte die Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie mehrere gute, straßentaugliche Mountainbikes samt Zubehör, die in der Periode, in welcher ich das Projekt gestalten wollte, verfügbar waren. Auch würde es nicht so schwierig sein, die richtigen Kollegen zu finden, die mit mir das Projekt gestalten würden. Finanziell war das Projekt überschaubar, da so gut wie keine Materialkosten anfielen. Die größten Kostenpunkte wären Unterkunft und Verpflegung. Und natürlich bot das Medium Fahrrad viele gute Voraussetzungen, die Anforderungen vom KAP-Institut, das Abteilungseigene Erlebnispädagogik-Konzept und die Besonderheiten des Klientel auf unserer Station zu berücksichtigen (siehe Punkt 2.3. bis 2.5).

 

 

4.2.Mitstreiter finden - Tagebuch

 

Dieser Teil der Projektgestaltung war vermutlich der Einfachste. Auch wenn es hier natürlich einige Faktoren zu berücksichtigen gab wie z.B. Verfügbarkeit (Urlaub, Krankheit, Schulung), Erfahrung, Qualifikation und Affinität zur Erlebnispädagogik und zum Rad. Natürlich spielten Sympathie und Kompatibilität auch eine Rolle. Schnell hatte ich zwei Kollegen vor Augen, die meiner Meinung nach eine prima Ergänzung für das Projekt waren. Johanna, die selbst auch gerne Mountainbike fährt und durch ihre sportliche und dynamische Ausstrahlung auch eine gute Indentifikationsfigur  für die weibliche Patienten wäre. Und Manuel, der schon einige Projekte organisiert hatte und somit wüsste, wo man was und wann zu regeln hat. Seine Vorliebe für alles Technische und Mechanische wären ein weiterer Pluspunkt. Glücklicherweise hatten beide Lust, mit mir das Projekt zu gestalten und konnten beide zum anvisierten Datum mitmachen.

 

 

4.3.Planungsphasen - Tagebuch

 

Beim ersten Treffen Ende Juni hatten wir erst einmal ein intensiveres Brainstorming. Das Medium Fahrrad stand schon fest, aber trotzdem gab es noch einiges zu klären und fest zu legen. Wie viele Patienten nehmen wir mit, Jungs und/ oder Mädels, wie viele Tage gehen wir, wie gestalten wir den Alltag usw..  Beschlossen wurde, dass wir beim 2. Treffen die Eckpunkte festlegen und erst dann die Aufgaben, wo nötig, unter uns aufteilen wollten. Treffen wollten wir uns, wenn möglich, zweiwöchentlich.

 

Beim 2. Treffen gelang es uns, unsere Eckpunkte fest zu legen und auch schon einiges am Erlebnispädagogik-Konzept fürs Projekt zu definieren (ausführlich werden diese Punkte beschrieben im Kapitel 2.3., 2.4. und 3.2.). Wir legten  hier schon die grobe Aufgabenverteilung fest. Manuel sollte sich um Finanzen und Material kümmern, Johanna und ich sollten uns um das Konzept und die rechtlichen und schriftlichen Formalitäten (Flyer, Einverständniserklärung usw.) kümmern. Ich würde mich um die Genehmigung durchs unsere Klinik und um die für das KAP-Abschlussprojekt relevanten Daten (Projekttagebücher, Fragebogen usw.) kümmern.

 

Ab dem 3.Treffen, Ende Juli, wurde es dann langsam konkret. Die Heuhotels, in denen wir übernachten wollten, waren reserviert. Unser projektbezogenes Erlebnispädagogik-Konzept war fertig und damit konnten wir jetzt auch zum Pflegedienstleiter gehen und uns die offizielle Genehmigung vom Haus holen. Die Fahrräder waren reserviert, die Finanzen geklärt. Das finanzielle Geschehen gestaltet sich in unserem Haus recht einfach. Für die Tage, die die Patienten außer Haus aßen, gab es pro Mahlzeit und Übernachtung eine Vergütung. Da wir sonst nur minimale Materialkosten (Reservefahrradschläuche, Klebematerial usw.) hatten und sonst hauptsächlich Kosten für Verpflegung und Unterkunft entstanden, bekamen wir einen Vorschuss aus dem hauseigenen Aktivitätenkonto, der den von uns erwarteten Kosten weitgehend entsprach. Der Vorschuss wurde dann später mit den tatsächlich entstandenen Kosten verrechnet (siehe Anhang). Dies war ein für uns sehr einfaches und qua Zeitmanagement optimales System. Die Notwendigkeit, extern und an mehrere Stellen Finanzen zu organisieren, fiel damit weg.

 

Beim 4.Treffen Anfang August waren auch unser Sicherheitsplan und unser Notfallplan fertig. Beim Sicherheitsplan, den auch alle Patienten bekommen und verinnerlichen  sollten, hatten wir versucht, uns auf das Notwendigste zu beschränken, um damit die Akzeptanz von Seiten der Patienten und die Umsetzung durch die sie zu gewährleisten. Wir stellten 10 Grundregeln (siehe Anhang) auf, die uns unserer Meinung nach sowohl das Medium Fahrrad als auch die Besonderheiten unsere Patienten berücksichtigten.

 

Beim Notfallplan mussten wir auch unserem kinder- und jugendpsychiatrischen Setting treu bleiben. Wir versuchten, zu antizipieren, was an Notfällen auftreten könnte. Wir stützten uns dabei auf die Erfahrungen im psychiatrischen und auch erlebnispädagogischen Bereich von uns und unseren Kollegen auf Station. Um alles übersichtlicher zu machen, teilten wir den Notfallplan in die Bereiche körperliche, psychische und organisatorische Notfälle auf (siehe Anhang). Den Anspruch auf Vollständigkeit verfolgten wir dabei nicht. Dennoch hatten wir das Gefühl, dass dieser Notfallplan uns in die Lage versetzen würde, im Notfall adäquat, effizient und souverän zu reagieren.

 

Langsam wurde es auch Zeit zu überlegen, welche  Patienten mitgehen würden. Leider konnten wir dass erst recht kurzfristig festlegen, weil es phasenweise auf Clean.Kick eine recht hohe Patientenfluktuation gibt. Auch durch Rückfälle verlieren Patienten oft Privilegien und sind dann aus therapeutisch-erzieherischen Gründen nicht mehr in der Lage, mitzugehen. Darum beschlossen wir, erst drei Wochen vorher konkret auf Patienten zuzugehen. Das brachte auch organisatorisch einige Schwierigkeiten mit sich weil, wir jetzt in relativ kurzer Zeit die Einverständniserklärungen einholen mussten. Nachdem wir auch unsere Ausschlusskriterien (siehe Kapitel 3.3.) zu Papier gebracht hatten, konnten wir jetzt die Patienten auswählen und einladen. Dies erfolgte durch eine Projektvorstellung an unserer stationseigene Litfaßsäule. Auch bekamen die Patienten, die in Frage kamen, einen Flyer von uns. Die Therapeuten wurden mobilisiert und motivierten ihre Patienten. Auch wurden die Jugendlichen  von ihren Bezugspflegern und -schwestern auf das Projekt angesprochen. Und so hatten wir zwei Wochen vor Beginn des Projekts sechs Patienten, die  mitmachen wollten, zwei Mädels und vier Jungs. Wir hätten gerne auch noch, wie sonst üblich ein paar Patienten „in Reserve“ gehabt, aber es ließ sich leider keiner mehr begeistern. Nun konnten wir die Eltern kontaktieren und die Einverständniserklärungen losschicken. Normalerweise unterschreiben Patienten bzw. deren Eltern direkt bei Aufnahme, dass sie an erlebnispädagogischen Projekten teilnehmen dürfen, aber weil wir teilweise ins Ausland reisten und auch gerne Fotos machen wollten, brauchte es eine extra Genehmigung (siehe Anhang).

 

Eine Woche vor Beginn des Projekts trafen wir uns noch mal mit den Teilnehmern. Unsere Vorstellung, wie wir das Projekt gestalten wollten, wurde noch einmal besprochen. Die Patienten bekamen ihre Packliste und auch der Sicherheitsplan wurde durchgesprochen und ausgehändigt. Unter uns „Organisatoren“ vereinbarten wir, dass wir uns am Wochenende bevor es los gehen würde uns auf Station treffen um einerseits alles, was wir für das Projekt brauchen jetzt  zentral zu lagern. Außerdem würden wir die letzten Einkäufe erledigen und den Patienten beim Packen ihrer Fahrradtaschen helfen. Pünktlich zum Wochenende trafen dann auch die letzten Einverständniserklärungen ein, Personalausweise und Krankenkassenkarten wurden eingesammelt. Es konnte losgehen.

 

 


4.4. Geplanter Projektablauf - Tagebuch

 

Beim Planen des Projektablaufs bemerkten wir, dass es bei uns viel Widerstand gab, den Tag zu sehr zu strukturieren. Dies hatte verschiedene Ursachen. Dadurch, dass wir erst kurzfristig Patienten einladen konnten, war es schwierig, sie an der Planung und Gestaltung zu beteiligen. Auch wollten wir einen Kontrast zu unserem recht strukturierten Stationsablauf bieten. Desweiteren  wollten wir so viel wie möglich Raum lassen, selbst Verantwortung wahrzunehmen, sich abzusprechen und den Tag größtenteils selbst zu gestalten (siehe Erlebnispädagogik-Konzept Kapitel 2.5.). Beim Frühstück, das bei allen Heuhotels inklusive war, wollten wir besprechen, wer für was zuständig ist und die Zeitplanung weitgehend den Zweiergruppen überlassen. Vorgegeben war nur der nächste Übernachtungsort (und damit die zu fahrenden Kilometer) und dass wir Mittagessen und Abendessen wollten.

 

 

4.5.Tatsächlicher Verlauf - Tagebuch

 

1. Tag, 24. August:

 

Jetzt geht’s los. Aber dann doch anders als wir es geplant hatten. Am Wochenende hatte ein Patient einen Rückfall und wurde zurückgestuft. Eine Patientin bekam eine Psychose und konnte deshalb auch nicht mitgehen. Wir beschlossen, das Projekt trotzdem stattfinden zu lassen und sei es mit Konsequenzen für die personelle Besetzung. Bei vier Patienten wären drei Betreuer  angesichts des Personalschlüssels der Klinik zu viel, deshalb wurde schweren Herzens beschlossen, dass Manuel nicht mit geht. Johanna musste mitgehen, weil bei weibliche Patienten eine Betreuerin Pflicht ist (Hauseigenes Erlebnispädagogik-Konzept!).

 

Also los, nach dem Frühstück verließen wir 09.30 Uhr die Station in Ravensburg. Die Patienten waren kaum zu bremsen, 10.30 Uhr kleine Pause in Tettnang und weiter ging´s nach Kressbronn. 12.30 Uhr die erste Begegnung mit den Bodensee, wir aßen schnell einen Leberkäswecken und ab ins Wasser. Nach dieser Erfrischung fuhren wir mit super guter Stimmung weiter nach Lindau, kurzes sightseeing auf Wunsch der Kids und weiter nach Altenrhein (CH) über Bregenz (A). Die Strecke dauerte doch etwas länger als gedacht und hier und da war ein Stöhnen zu hören. Das Tempo wurde bedeutend langsamer und mit vielen Pausen kamen wir dann bis kurz vor Altenrhein. Noch schnell ging´s in Österreich zum Supermarkt und dann über die grüne Grenze nach Altenrhein. Das Heuhotel wurde erreicht und es wurde gekocht. Wir saßen noch gemütlich zusammen und gegen 22.00 Uhr gingen alle FREIWILLIG ins Bett.

 

Gruppendynamik:

die Gruppe zeigte sich sehr kohärent. Man nahm Rücksicht und wartete auf den anderen. Aufgaben wurden gemeinsam erledigt. Durch die kleinere Gruppengröße und die größere Nähe ließen sich die Zweierteams schlecht aufrecht erhalten. Gute Stimmung bei schwingungsfähiger Gruppe.

 

Teilnehmer:

M. zeichnete sich zunächst aus durch einen ziemlich kopflosen, impulsiven Fahrstil, musste öfters eingegrenzt werden, ließ das aber gut zu. Er konnte seine Energie schlecht verteilen, ab Lindau war die Puste raus und er klagte ab und zu. C. zeigte doch öfters pubertäres Verhalten, rutschte in ihrer Stimmung schnell ins Negative. Sie leistete trotz Klagen erstaunlich viel und hielt gut durch, konnte aber schlecht positives Feedback annehmen. J. benahm sich manchmal als wäre er C. dritter Betreuer. Sonst war er immer vorn dabei mit guter Kondition. Manchmal redete er etwas viel. Er profilierte sich viel über angeblich Geleistetes. Er zeigte keine allergische Reaktion aufs Heu. M. war ruhig und offen, suchte öfters das Gespräch. Er wirkte im Verhalten manchmal noch etwas kindlich für seine 19 Jahre.

 

Vorhaben für morgen:

Mehr Sonnencreme, mehr und länger baden und besser Karte lesen.

 

 

2. Tag, 25. August:

 

Gegen 08.00 Uhr waren alle wach. So ein Bauernhof hat eben seine eigene Geräuschkulisse. Nach einem gemütlichen Frühstück fuhren alle gegen 10.00 Uhr Richtung Rohrschach los. Wir legten eine Badepause in Horn ein und nochmal eine Badepause und einen Mittagschlaf in Arbon. Gegen 15.00 Uhr erreichten wir Romanshorn und aßen (doch etwas später als geplant). Dann ging´s weiter in Richtung Langrickenbach. Kurz vorher wurde noch eine Badepause eingelegt, obwohl es schon recht spät war. Plötzlich zog ein Gewitter auf und wir mussten uns beeilen, 120 Höhenmeter lagen noch vor uns. Gerade als wir den Bauernhof erreicht hatten brach es los. Unterm Vordach der Scheune bereiteten wir unser zuvor gekauftes Abendessen. Die Unterkunft war nicht so schön wie gestern, dafür sehr viel gastfreundlicher. Über dem Schlafplatz wurde Stroh gelagert. J. reagierte allergisch und übernachtete zusammen mit mir im Matratzenlager. Vor dem Schlafengehen bestaunten wir das neugeborene Kälbchen.


                                          
Gruppendynamik:

War weiterhin positiv und von Rücksichtnahme aller gekennzeichnet. Trotz Stress und Anstrengung gab es einen guten Zusammenhalt, Aufgaben wurden weiterhin gemeinsam erledigt.

 

Teilnehmer:

M.: freute sich sehr übers Baden, fuhr nach wie vor recht impulsiv, hatte immer Hunger. Beim Berg hochfahren war schnell bei ihm die Puste raus. Konditionell wirkte er doch recht schwach. C.: zeigte gute Kondition, bedauerte ihren Hintern, klagte sonst aber weniger. Sie freute sich auch übers baden. J.: seine gute Kondition wurde gegen Ende doch deutlich schwächer. Er reagierte allergisch auf Stroh, schlief im Matratzenlager. M.: war gut bei der Sache, übernahm stillschweigend etwas mehr die Führung und kam mehr aus sich raus. Er wirkte mit allem zufrieden, übernahm mit mir das Grillen am Abend, zeigte sich im Einzelkontakt recht redselig.


Vorhaben für morgen:

viel baden, rechtzeitiger Einkaufen (in Deutschland).

 

 

3.Tag, 26 August:

 

Er beginnt mit einem gemütlichen Frühstück. Heute wurden wir noch früher als gestern von den Kühen geweckt. Dann kam die Belohnung fürs Berghochstrampeln gestern: jetzt ging es 5 km bergab - alle Taschen wurden gut verzurrt runter zum See. M. wurde noch mal erinnert, etwas umsichtiger zu fahren. Nach 10 km wechselten wir über die Grenze nach Konstanz. Während der ersten Pause  kauften wir im Supermarkt ein, endlich mal Döner. Dann ging´s wieder zurück in die Schweiz mit Kurs auf Ermatingen. Ein gewaltiger Anstieg lag vor uns aber deshalb legten wir vorher noch eine Badepause mit Mittagsschläfchen ein. Dann Berg hoch, das letzte Stück haben wir nicht mehr geschafft, alle gingen zu Fuß. Im Heuhotel grillten wir bei gigantischer Aussicht über den Bodensee, der Abend endete mit gemütlichem Beisammensein und Gesellschaftsspielen. Nachts kontrollierte ich sicherheitshalber öfters, ob der mit Alkohol gefüllte Kühlschrank nicht zu verführerisch war.

 

Gruppendynamik:

nach wie vor sehr gut sonst wie gehabt.

 

Teilnehmer:

bei M., und M. ließ sich nichts Neues beobachten. C. klagte kaum noch und konnte auch mit Lob besser umgehen. Sie behauptete sich zwischen den Jungs sehr gut. J.s zeigte immer mehr narzisstische Züge. Er konnte es nur schlecht aushalten, wenn es nicht um ihn ging. Seine Stories wurden immer unglaubwürdiger. Er ließ sich nur schlecht eingrenzen. Keine allergischen Reaktionen mehr.

 

Vorhaben für Morgen:

weiter so.

 

 

4.Tag, 27. August:

 

Am letzten Tag ging es zurück nach Ravensburg. Wir starteten gegen 10.00 Uhr Richtung Konstanz, da erste Badepause, anschließend zur Fähre. Unterwegs „verloren“ wir noch kurz die drei Jungs, aber da alle Wege bekanntlich zur Fähre führen fanden wir uns schnell wieder. Auf der Fähre zeigten sich alle ruhig und nachdenklich. Von Meersburg fuhren wir Richtung Hagnau un machten dort Mittagspause gegen 14.00 Uhr. Im Stehkaffee beobachten die Jugendlichen wie sich die Rentner fast den Schädel einschlugen, weil es nicht schnell genug  ging. Wir erkämpften uns das letzte größere Stück bis Fischbach und genossen die letzte große Badepause. Von Friedrichshafen aus „gönnten“ wir und die BOB-Bahn nach Ravensburg. Die Stimmung in der Bahn war angenehm und gelöst, die Teilnehmer nahmen Abschied von den letzen Tagen und stimmten sich auf den bevorstehenden Alltag ein, eine schöne Zwischenphase. 17.00 Uhr Ankunft und Begrüßung in Clean.Kick. Pünktlich zum Abendessen, das war Timing. Alle waren gut gelaunt und erzählten ihren Mitpatienten enthusiastisch vom Erlebten. Nach dem Abendessen kam der Endspurt: Material wegräumen, Taschen leeren, Geschirr säubern, danach dokumentieren und verabschieden.

 

Gruppendynamik:

die Stimmung war deutlich ruhiger, auch nachdenklicher. Die Teilnehmer wirkten gut gelaunt aber auch mehr in sich ruhend.

 

Teilnehmer:

M. war heute deutlich ruhiger, ausgeglichener, weniger impulsiv, froh, mitgemacht zu haben. Er fiel auf Station leider schnell in sein altes Muster zurück und drückte sich ums Aufräumen. C. war richtig stolz, es geschafft zu haben und konnte ihre Leistung gut annehmen und auch benennen was es für sie bedeutet. J. äußerte sich wenig, war gedanklich viel beschäftigt mit der bevorstehenden Entlassung. Er verfiel auf Station schnell in seinen „Angebermodus“. M. wirkte sehr froh über das, was er geleistet hat. Er war auch in der Lage, Parallelen zum Alltag zu ziehen, fühlte sich gestärkt und bestätigt in seinen Ziele für die Zeit nach seinem Aufenthalt bei uns.

 

Vorhaben für Morgen:

Ausschlafen.

 


                                                          
5. Nachbereitung

 

Rückblickend auf diese Woche glaube ich, dass die meisten Teilnehmer eine sichtbar positive Entwicklung gemacht haben. C. zeigte sich am Anfang wie man sie auf Station kannte - etwas schrill mit Hang zum Dramatischen. Sie brauchte es erst mal eine Phase des Klagens bevor sie aktiv werden konnte. Sie konnte positives Feedback nicht oder erst dann annehmen, wenn sie es runter gespielt hatte. Im Laufe der Woche wurde sie zunehmend ruhiger, konnte sich schneller und besser auf Situationen einlassen, brauchte dazu weniger Dramatik. Sie entwickelte mehr ein Auge für ihre eigenen Ressourcen, konnte sie benennen und auch wertschätzen. Sie erfuhr, dass, wenn sie ihren Zielen und ihrem Weg treu bleibt, sie mehr für sich erreichen kann als wenn sie sich von anderen beeinflussen lässt. C. war sehr stolz auf ihre Leistung. Auch M. brauchte eine Weile bevor er in der Lage war, seine üblichen Muster zu verlassen. Er zeigte sich zunächst noch recht impulsiv, was man deutlich an seinen Fahrstill beobachten konnte, und leicht aufbrausend. Das letzte änderte sich recht schnell. Er war in der Lage, Feedback für sein Verhalten und Erscheinungsbild anzunehmen. Auch zeigte er sich körperlich recht aktiv, ließ sich schnell begeistern, etwas mit zu machen. Er sorgte für gute Stimmung in der Gruppe. Deutlich wurde aber auch, dass er körperlich nicht ganz so fit ist. In den Momenten, wo er das zu spüren begann, lag auch oft der Wendepunkt, ab dem er keine Lust mehr hatte und zurück fiel ins alte Muster, Klagen oder Essen. Mann konnte ihn aber, im Gegensatz zu Station immer wieder motivieren. M. machte von Anfang an einen in sich ruhenden, zufriedenen Eindruck, arbeitete sich ohne viel Worte vor an die Spitze der Gruppe und bestimmte am Ende mit das Tempo. Er erzählte nicht so viel wie die anderen, aber was er erzählte, hatte meist Hand und Fuß. Er übernahm manchmal die Initiative und zog so auch die Gruppe mit sich. Im Einzelkontakt wirkte er viel gesprächiger, erzählte  über seine Familie, Freundin und Zukunftspläne. Wirkte M.  im Erzählen manchmal etwas naiv, so war er das in der bisherigen Umsetzung seiner Pläne sicherlich nicht. Er nutze die Woche für sich nochmal eine Bilanz zu ziehen und sah sich bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein. J. zeigte sich die ganze Woche körperlich sehr fit trotz asthmatische Beschwerden und Allergien. Er redete zunehmend mehr, konnte es nur schlecht aushalten, wenn er nicht im Mittelpunkt stand und nutzte dafür manchmal recht fragwürdige Geschichten. Zum Ende der Woche redete er öfters über seine Eltern und die räumliche Trennung. J. machte den Eindruck, als ließe ihn das doch nicht so kalt, wie es auf den ersten Blick erscheint, er versuchte es aber schnell wieder runter zu spielen. Zumindest konnte er ansatzweise Gefühle zulassen.


Die Kollegen und Therapeuten äußerten sich auch positiv zum Ablauf der Woche und zu dem von den Patienten Erlebten. Dass nicht immer eine mündliches und zeitnahes Feedback möglich war, wurde hier und da bedauert.

 

 

6. Reflexion

 

Beim Vorbereiten, Planen und Ausführen des Projektes sind mir natürlich Situationen oder Gegebenheiten durch den Kopf gegangen, von denen ich noch nicht wusste, wie funktioniert das, machen wir es so doch lieber anders. Nun, da das Projekt vorbei ist, kann ich auf diese Frage natürlich besser eine Antwort geben. Vieles war o.k., einige Sachen hätten besser laufen können und manches würde ich das nächste Mal anders machen.

 

Gut gelaufen ist, dass alle das Ziel erreicht haben, keiner hat abgebrochen, keiner wurde rückfällig und keiner hat sich verletzt. Die Patienten haben sich trotz der kurzfristig veränderten Situation (Ausfälle) gut auf das Projekt einlassen können, haben sich beteiligt und haben Wesentliches für sich mitnehmen können, der eine mehr der andere weniger. Alle sind stolz und zufrieden nach Hause gekommen. Es gab keine Pannen, die Übernachtungen waren o.k., alle sind satt geworden (oder hätten es werden können) und der Tag war, trotz gering vorgegebener Tagesstruktur, sinnvoll gestaltet.

 

Besser hätte die zeitliche Einbindung des Projektes in meine sonstige Arbeit sein können. Ich hatte vor und nach dem Projekt längere Zeit frei und hatte gedacht, dass das durch Absprachen mit und delegieren an meine Kollegen kein Problem sein dürfte. Im Nachhinein wurde aber deutlich, dass es doch sehr schwierig ist, den Informationsfluss ohne starke Präsenz auf Station aufrecht zu erhalten. Von Seiten der Therapeuten gab es doch mehr Bedürfnis nach Informationen. Auch war eine mündliche Rückkopplung nur verspätet oder nicht möglich. Bei der materiellen Nachbereitung und dem Aufräumen blieb einiges leider länger liegen als geplant. Beim nächsten Projekt muss ich meinen Dienstplan darauf besser abstimmen.

 

Die Heuhotels boten eine gute Übernachtungsmöglichkeit und waren für dieses Konzept sicherlich geeignet. Sie stellen aber einen zu großen Kostenposten und sind deswegen sicherlich nicht für Wiederholung gut. Nächstes Mal werden wir doch eher zelten oder privat beim Bauern übernachten. Dazu müssten wir das Material anpassen, z. B. größere Fahrradtaschen mitnehmen und einen zweiten Fahrradanhänger um mehr Material transportieren zu können.

 

Was ich nächstes Mal sicherlich anders machen würde, ist, bestimmte zentrale Aufgaben (z.B. Finanzen) nicht nur an einen Mitarbeiter zu delegieren, sondern dafür zu sorgen, dass alle Bescheid wissen (wenn jemand ausfällt wie es jetzt der Fall war). Auch würde ich die Verantwortung und Gestaltung vom Informationsaustausch nicht mehr aus Händen geben.

 

Aber alles in allem bin ich, nein sind wir zufrieden mit dem was wir geleistet haben. Ein schönes Sommerprojekt für die Patienten, ein ziemlich gelungener Wiedereinstieg in die erlebnispädagogische Projektarbeit für die Station und ein hoffentlich zum Erfolg führendes Abschlussprojekt für die Ausbildung zum Erlebnispädagogen.

 

 

7. Literatur

 

Peter Olster (2008): Erste Hilfe Outdoor, Fit für Notfälle in freier Natur, Ziel Verlag, Augsburg

Hubert Perschke, Peter Flosdorf u.a. (2003): Sicherheitsstandards in der Erlebnispädagogik, Praxishandbuch für Einrichtungen und Dienste in der Erziehungshilfe, Juventa Verlag, Weinheim und München

Lehrgang- / Kursunterlagen Anleitung zur Praxis (2009): KAP-Institut, Undorf

 

 

 

Anlagen:

 

Einverständnis der Einrichtungsleitung

Anmeldung und Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten

Flyer

Finanzplan

Notfallplan Fahrradprojekt

Notrufnummern

Sicherheitsregeln

Packliste/Materialliste

Projekttagebuch

Adressen Heuhotels

 

 

 

Finanzplan

 

Vorschuss Aktivitätenkasse: 580,- €

(6 Personen x 4 Tage x 24,17 €)

 

Kosten:

Transport (Fähre und Bahn): 37,50 €

Übernachtungen: 303,60 €

Einkaufen: 146,29 €

Material: 25,99 €

Gesamt: 513,38 €

 

Restgeld zurück an die Kasse 66,62 €

 

 

 

Notfallplan Fahrradprojekt

Art des Notfalls - Handlungsplan

 

- körperliche Notfälle -

 

Schwere Verletzung:

Erstversorgung nach USA-KAP, ggf. Notarzt und KTW rufen, telefonische Rücksprache mit dem AvD unserer Klinik

 

Kreislaufkollaps:

Erstversorgung nach USA-KAP, wenn keine Verbesserung: Notarzt und KTW rufen, danach AvD informieren, bei schneller Stabilisierung: schonende Weiterfahrt, falls das nicht möglich: Rücktransport in unsere Klinik

 

Rückfall (Konsum):

Alkohol: Eins zu Eins-Betreuung bis der Teilnehmer nüchtern ist, bei Erstrückfall danach Weiterfahrt, bei zweitem Rückfall Abbruch der Maßnahme für diesen Teilnehmer und Entlassung aus der Therapiemaßnahme nach Rücksprache mit dem AvD, bei schwerer Intoxikation: Erste Hilfe nach USA-KAP, Notarzt und KTW rufen

Drogenkonsum: sofortiger Abbruch der Therapiemaßnahme für den Teilnehmer, bei schwerer Intoxikation: Erste Hilfe nach USA-KAP, Notarzt und KTW rufen

 

sonstige:

Erste Hilfe nach USA-KAP

 

 

- psychische Notfälle -

 

Erregungszustand:

Eins zu Eins-Betreuung mit beruhigendem Gespräch, Spaziergang, Time-out, ggf. Melneurinmedikation nach Rücksprache mit dem AvD

 

Psychische Entgleisung:

Eins zu Eins-Betreuung, weiteres Handeln und weitere Medikation mit dem AvD der Klinik telefonisch besprechen, ggf. Notarzt rufen, bei Eigen- oder Fremdgefährung Polizei einschalten

 

Dissoziation:

wie bei "Erregungszustand"

 

Suicidalität:

wie bei "pschotische Entgleisung"

 

Abbruchwunsch des Teilnehmers:

motivierendes Gespräch, Rücksprache mit dem AvD der Klinik, bei weiter bestehendem Abbruchwunsch gilt dies als Therapieabbruch, Organisation des Transports nach Hause (Taxi, selbständig, Abholen durch Eltern)

 

 

- organisatorische Notfälle -

 

Teilnehmer weggelaufen:

lokal suchen, Rücksprache mit AvD über weiteres vorgehen, je nach Alter/Gesundheitszustand/Gefährdungspotential Information der Eltern bzw. Einleitung einer Fahndung durch die Polizei

 

Teilnehmer verloren:

Warten am vereinbarten Treffpunkt, Informationsfluß über vorab organisierte Telefonkette, bei Nichtfinden weiter wie unter "Teilnehmer weggelaufen"

 

Raddefekt:

Versuch der selbständigen Reparatur, ggf. Radwerkstatt oder Ersatzrad leihen

 

Mitarbeiter erkrankt/verletzt:

Erste Hilfe nach USA-KAP, Anruf auf Station damit vorab bestimmter Ersatzmitarbeiter nachkommt (wenn es die Gruppendynamik der Teilnehmer erlauft), Weiterfahrt

 

Schwere Unwetter:

Unterstand suchen, Aufklärung der Teilnehmer über Verhalten bei entsprechendem Unwetter, nach Abklingen Weiterfahrt

 

Sonstiges:

zuerst Rücksprache mit den anderen Mitarbeitern des Projektes, ggf. Rücksprache mit der Stationsleitung

 

 

 

Notrufnummern 

 

Notrufnummern in Deutschland:

Rettung: 112 bzw: 19222
Polizei: 110
Feuerwehr: 112
Giftnotrufzentrale 030-19240

 

Notrufnummern in Österreich:

Rettungsdienst: 144
Polizei: 133
Feuerwehr: 122
Ärztezentrale 53116

 

Notrufnummern in der Schweiz:

Rettungsdienst: 144
Polizei: 117
Feuerwehr: 118

 

 

Krankenhäuser:

Bregenz
Carl Pedanzstraße 2
6900 Bregenz
Tel. 05574 - 4010

 

Kreuzlingen
Bernrainstraße 17
8280 Kreuzlingen
Tel. 071 - 6775353

 

Konstanz
Luisenstraße 17
78464 Konstanz
Tel. 07531 - 8010

 

 

 

Sicherheitsregeln

 

1. Alle fahren nur in geeigneter Bekleidung: das heißt mit Helm, festem Schuhwerk und sicherer Bekleidung (keine Badesachen)

2. Um sicher und konzentriert zu fahren, rauchen und essen wir während des Radfahrens nicht, sondern nur in den Pausen.

3. Die Verkehrsregeln werden eingehalten.

4. Hauptverkehrsstrassen überqueren wir nur gemeisam.

5. Alle Teilnehmer bleiben in Sichtweite, damit wir uns nicht verlieren.

6. Zum Schutz der Nachkommenden wird auch nur im Notfall eine Notbremsung gemacht.

7. Jeder geht sorgfältig mit dem Material um.

8. Alle gehen respektvoll miteinander um.

9. Wenn es einem Teilnehmer nicht gut geht, meldet er sich sofort bei einem der Mitarbeiter.

10. Als letzter ("Rücklicht") fährt aus Sicherheitsgründen immer ein Mitarbeiter.

 

 

 

Packliste / Materialliste

 

Lebensmittel:

Eistee, Wasser, Apfelschorle (PET), Corny´s, Kekse, Nüsse

 

EP-Keller:

8x EP Teller und Besteck, 2 Gaskocher und 4 Kartuschen, 4x EP Topf-Set (Pfannen), Zelt

 

Sonstiges:

Zigaretten (von den Jugendlichen) Feuerzeuge, Trinkflaschen, 2-3 grosse Plastiktüten / Person, Erste Hilfe Set, Medikamente (Jugendliche + BM), Sonnenschutz, Digi Cam, Handy (Stationshandy), Spielkarten, Landkarten, Radschlösser, Mückenschutz, Ausweise, Bargeld (TG + GSE), Krankenversicherungskarten, Fahrradtaschen / Rucksäcke, Stationshandtücher, Fahrrad Reparatursets, Schlafsäcke, Isomatte

 

Einkaufsliste:

Eistee, Wasser, Apfelschorle (PET), Corny´s, Kekese, Nüsse, Kartuschen für Gaskocher, Radschläuche

 

 

 

Packliste Teilnehmer:

 

Kleidung:

 

Schuhe (geschlossene) und Flip Flops oder Sandalen
Schlafsack (bekommt ihr von uns)
Fahrradtaschen/Rucksack (bekommt ihr auch von uns)
4-5 T-shirts
1 lange Hose
2-3 kurze Hosen
4x Unterwäsche
4x Socken
1 Pullover (bzw. langärmlig)
evtl. Mütze, Stirnband o. ä.
Jacke, bzw. besser Regenjacke
Handtücher/Badehandtuch (bekommt ihr von uns)
Waschzeug, Hygieneartikel
Badehose / Bikini

kein MP3 Player o. ä.
kein Handy

 

Sonstiges:

Zigaretten
Feuerzeug (haben wir dabei)
Trinkflasche
Sonnenbrille
2-3 grosse Plastiktüten

 

 

 

Adressen Heuhotels:

 

Tag 1:

Heuhotel Rosentürmli
Rebenstraße 4
9425 Tal
Schweiz
Tel. 0041 (0)71 888 67 93

 

Tag 2:

Familie S&P Schär
Obergreut
8585 Langrickenbach
Schweiz
Tel. 0041 (0)71 695 18 82

 

Tag 3:

Margrit und Walter Kreis
Zelglihof
8272 Ermatingen
Scheiz
Tel. 0041 (0)71 324 77 25

 

 

 

 

 

Abschlussprojekt der Ausbildung Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik

im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP

des KAP-Institutes

  

 

„Über Grenzen gehen“

 

 

Erlebnispädagogisches Projekt von Erick Pijl

 

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