Conrad Stein Verlag: Sport und Natur
bewusster draussen unterwegs
Alexandra Albert
1. Auflage 2010
Outdoor Handbuch Band 239
Leseprobe
Nachhaltigkeit im Outdoorsport
Als Outdoorsportler profitieren wir von der Natur und sind daher ganz besonders von einer intakten Umwelt abhängig. Personen, die professionell als Outdooranbieter oder im Verein als Fachübungsleiter und damit als Multiplikatoren tätig sind, tragen eine mehrfache Verantwortung. Sie sind verantwortlich für die Programme und Pakete, die geschnürt und durchgeführt werden, und sollten daher ganz besonders über die Folgen ihrer Angebote nachdenken. Und das nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und ökonomisch.
Wichtig ist es, dass man im Natursport realisiert, dass die Natur mehr ist als ein Sportplatz mit hübscher Kulisse. Wir müssen lernen, uns als Glied einer Kette zu betrachten. Egal ob als Einzelner oder in der Gruppe, wir sind Teil der Natur. Ohne unsere Umwelt können wir weder unsere soziale Gemeinschaft noch die Wirtschaft oder gar unsere Naturräume aufrechterhalten. Wir müssen daher lernen, respektvoll zu handeln, nicht nur in der Gegenwart, sondern auch für unsere nachkommenden Generationen.
Deshalb ist es an der Zeit, auch im Outdoorsport das Thema auf den Tisch zu bringen, zumal die Wirtschaft, die mittlerweile hinter den Natursportarten steht, sei es die Ausrüstungsindustrie, der Tourismus oder Bildungseinrichtungen, in den vergangenen Jahren ein kontinuierliches Wachstum verzeichnen konnten. Der Profit, der in und mit der Outdoorindustrie erzielt wird, überschreitet mittlerweile jährlich die Milliardenmarke. Umso wichtiger ist es, dass sich nicht nur Freizeitsportler, sondern auch Profis mit dem Thema auseinandersetzen. Die Natur als Kreditgeber ist, wie es die Probleme der Globalisierung und des Klimawandels gezeigt haben, nur begrenzt zu nutzen.
Wegweiser
Oudoorsport wird in der Öffentlichkeit meist mit einem großen Spaßfaktor gleichgesetzt. Skeptiker fragen sich, wie die Ausübung solcher Sportarten mit einem so ernsten Thema wie der Nachhaltigkeit konform gehen kann. Denn in den meisten Fällen verbindet man mit Nachhaltigkeit wie auch mit Natur- und Umweltschutz Verzicht und Verbote. Darum geht es aber gar nicht primär. Wie oben erwähnt sind wir Teil der Natur, wir können und dürfen diese auch nutzen und uns in ihr bewegen. Doch sollte dies nur in einer Form geschehen, die ein Gleichgewicht aufrechterhält. Welche Grenzen es gibt und welche uns gesetzt werden, wird im Folgenden näher erläutert.
Ausrüstung
In Sachen Ausrüstung wird in einer Konsumgesellschaft wie der unsrigen kaum gespart. Der Umsatz der Outdoorbranche betrug im Jahr 2009 allein in Deutschland ca. 1,6 Milliarden Euro. Vor allem im Wanderbereich haben die Umsatzzahlen von Händlern und Ausrüstern enorm zugenommen. Das liegt unter anderem daran, dass die einst so typische Wanderbekleidung heute für viele Mode geworden ist. Man trägt sie nicht nur zum Sport, sondern gern auch im Alltag.
Was vielen Endverbrauchern nur begrenzt bewusst ist, ist die Tatsache, dass die meisten Artikel der Ausrüstungsbranche auf Erdölbasis hergestellt werden. Nylon, Fleece und Mikrofaserstoffe sind nichts anderes als Plastikvarianten, die sich gut anfühlen.
Dass das Erdölvorkommen irgendwann erschöpft sein wird, ist heute keine Neuigkeit mehr. Umso wichtiger ist es, dass die Hersteller und Konsumenten auch in ihrem Sport und in ihrer Freizeit bewusster produzieren bzw. konsumieren. In die Natur wird jedoch in diesem Feld nur sehr wenig investiert. Dabei ist die Natur das Kapital der Outdoorbranche. Nur durch eine intakte Natur, die dank ihrer ästhetischen Schönheiten auch Erlebniswert verspricht, hat das Outdoor-Business eine Zukunft. Dabei sorgt die Industrie durch die Weiterentwicklung des Materials auch eindeutig dafür, dass sich der Aktionsraum der Natursportler generell für eine immer größere Masse erweitert. Je einfacher und sicherer der Zugang zur Natur durch das richtige Handwerkszeug wird, umso mehr Leute suchen ihren Weg in immer abgelegeneren Regionen.
Dennoch übernehmen nur wenige Firmen ökologische und soziale Verantwortung. "Kaufen Sie keine Jacke, es sei denn, Sie brauchen sie wirklich!" So lautet der erste Satz im Katalog der schwedischen Ausrüstungsfirma Klättermusen. Die Firma erklärt in ihrem Produktkatalog ihren Kunden einfach und eindringlich, dass Nachhaltigkeit nicht nur etwas mit ökologischem Bewusstsein zu tun hat, sondern mit einer neuen Denkweise, mit Reduktion und Verzicht. Klättermusen gehört zu den Vorreitern des nachhaltigen Wirtschaftens in der Ausrüsterszene.
Seit zwei, drei Jahren ziehen dabei immer mehr Firmen nach. Viele Ausrüstungshersteller wollen Farbe bekennen. Doch für den Endverbraucher ist es kompliziert, auf einen Blick zu wissen, was der Markt hergibt und worin sich was wie und warum unterscheidet. Selbst die Händler tun sich damit schwer, da es häufig intern firmeneigene grüne Labels gibt, die aber nur schlecht präsentiert oder kommuniziert werden. Nicht selten gewinnt man den Eindruck, dass die Firmen die grüne gute Tat im Sortiment haben wollen, aber das Thema Nachhaltigkeit nicht wirklich ernst nehmen und es nur mittelmäßig kommunizieren, sondern mitmachen, weil es zur guten Etikette gehört - ein bisschen Greenwashing eben.
Dennoch gibt es einige Firmen, die die Nachhaltigkeit als Prozess verstehen und nach und nach die ökologische und soziale Verantwortung ernst nehmen und das Thema gezielt in ihre Wertschöpfungskette integrieren. So probieren einzelne Hersteller "gesündere" Kleidung ohne gesundheitsschädliche Chemikalien zu produzieren. Firmenintern wird die Ökobilanz in Form von Nachhaltigkeitsberichten geprüft und verbessert. Manche bemühen sich zunehmend ihre Zulieferer stärker zu kontrollieren und immer mehr Firmen setzen auf erneuerbare Materialien oder versuchen den Recycling-Anteil im Material zu erhöhen.
Sportarten out of doors nachhaltig treiben
Die folgenden Abschnitte beschreiben neun verschiedene Natursportarten und zeigen dabei auf, wo es Schnittstellen und Anknüpfungspunkte gibt, um im Sport ökologisch, ökonomisch und sozial bewusster in der Natur mobil zu sein. Damit ist nicht gemeint, dass man als Sportler zum "Öko" mit weißer Weste mutieren soll.
Es geht um ein Heranführen an ein Thema, das komplizierter wirkt, als es ist. Und wer sich erst einmal mit den Kernaspekten der Nachhaltigkeit beschäftigt, merkt schnell, dass sich das Konzept der Nachhaltigkeit einfacher im Alltag anwenden lässt als vermutet.
Die Inhalte der folgenden Abschnitte dienen als Orientierungshilfe, als Wegweiser für die jeweilige Sportart, die jeder für sich abwägen oder übernehmen kann. Es handelt sich nicht um Regeln oder ein unabwendbares Muss. Doch wer einen Beitrag leisten möchte, sollte einen Anfang finden. Dabei kann die folgende Auflistung behilflich sein.
Vorgestellt werden in diesem Kapitel Sportarten, die in den vergangenen Jahren flächendeckend die meisten Zuläufe an Freizeitsportlern erfahren haben. Das soll jedoch keine Wertung in Bezug auf weitere Outdoorsportarten sein, die das Thema Nachhaltigkeit ebenso betrifft wie die hier aufgeführten. So gehören die Taucherverbände zu den Organisationen, die bereits seit vielen Jahren sehr aktiv im Natur- und Umweltschutz sind. Auch aus den neueren Sportarten wie Geocaching oder Gleitschirmfliegen sind zahlreiche Sportler hervorgegangen, die ihren Naturraum aktiv schützen.
Wer deshalb mehr über weitere Natursportarten und das Thema Natur- und Umweltschutz erfahren möchte, sollte das Natursport-Infoportal des Bundesamts für Naturschutz besuchen: : www.bfn.de/natursport/info/. Dort stehen nützliche Tipps und Infos auch zu weniger verbreiteten Sportarten zur Verfügung.
Ebenfalls erwähnenswert ist, dass nur die Sportarten vorgestellt werden, die ohne Anlagen draußen in der Natur durchgeführt werden. Daher wurden beispielsweise Outdooraktivitäten wie das Abfahrtskifahren oder der Golfsport nicht mit aufgeführt.
Klettern
Einleitung
Klettern unter freiem Himmel gilt als eine Sportart, bei der die Natur mit fast allen Sinnen erlebt wird. Die körperliche Nähe zum Fels und das Erobern der Wand mit Kopf, Herz und Hand führt zu einer sehr intensiven Naturerfahrung. Betrachtet man die Natursportart Klettern unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit, so muss man zwischen dem Klettern im Mittelgebirge und dem alpinen Klettern unterscheiden. Grund dafür ist das umliegende Ökosystem und die unterschiedlichen Besucherzahlen in beiden Gebieten. Klettern an Felsen des Mittelgebirges wird seit den 70er Jahren zunehmend zum Training fürs Alpinklettern genutzt. Aus der Trainingsmotivation heraus ist dann das Sportklettern als eigenständige Sportart entstanden. Anders als vor 40 Jahren zählt nicht mehr allein die Seillänge, sondern vielmehr der Schwierigkeitsgrad der jeweiligen Wand, an dem man sich messen kann.
Heute zieht es immer mehr Natursportbegeisterte an die Felswände der Mittelgebirge, da diese für das Gros leichter erreichbar sind als die Berge der Alpen. Somit werden die Felsen der Mittelgebirge bedeutend häufiger frequentiert als Felswände in den Alpen. Hinzu kommen immer mehr Sportkletterer, die unorganisiert im Winter in den zahlreichen Kletterhallen trainieren und sich im Sommer gern auch mal am Fels probieren möchten. Da die Zahl dieser Freizeitkletterer zunimmt, erreicht man sie nur schlecht, um auf umweltrelevante Themen hinzuweisen. In Vereinen ist dies bedeutend einfacher umzusetzen. Daher wissen nur wenige, dass den Felsen der Mittelgebirge eine ähnliche Stellung in der Natur zukommt wie einem Regenwald. Die Planzen und Tiere, die sich in unseren Mittelgebirgen an und um Felsen herum etabliert haben, sind extrem selten oder fragil, weshalb man bei Mittelgebirgsfelsen in der Fachsprache gern von Reliktstandorten spricht. Das hat vor allem mit dem Klima am Felsen zu tun. So erwärmen sich die Felsen im Sommer oft sehr stark, im Winter dagegen kühlen sie extrem aus. Ein Grund dafür, warum man im Sommer nicht selten Pflanzen vorfindet, die dem Mittelmeerraum entspringen. Oder man trifft auf Blumen oder Flechten, die ansonsten nur im Hochgebirge zu finden sind, was auf die Kälte am Fels im Winter zurückzuführen ist. Näheres dazu im Unterkapitel Naturräume und Jahreszeiten.
Auch das Bouldern gehört zum Klettersport dazu. Unter Bouldern versteht man das technisch anspruchsvolle Klettern in Absprunghöhe ohne Sicherung am Felsen. Wortwörtlich bezeichnet boulder einen Felsblock mittlerer Größe, oft in runder Form. Nähere Infos dazu findet man im Internet z.B. auf der Seite : www.boulderrausch.de. Dort werden Bouldergebiete vorgestellt und beschrieben. Auch das Thema Naturschutz findet Erwähnung. Die Webseite verweist dafür auf die Seiten der Interessengemeinschaft Klettern (Details siehe Vereine und Verbände), die den Boulderbereich aufgrund der wachsenden Popularität ebenfalls mit auf ihre Agenda genommen hat. Boulderer sollten die für ihre Kletterhöhe relevanten Nachhaltigkeitsargumente ebenso berücksichtigen (siehe Felsfußinfos, Anreiseoptionen etc.) wie andere Natursportler auch. Spezielle Verhaltensregeln greifen für die Sportart Bouldern laut Rechercheergebnissen bisher nicht.
Es handelt sich bei der Leseprobe um die Seiten 27-28, 45-46, 87 und 113-114





